4:0 in Lissabon:Bayern siegt auch ohne Trainer

SL Benfica v Bayern Muenchen: Group E - UEFA Champions League

Jubel vor der Kurve: Die Mannschaft des FC Bayern nach dem Spiel.

(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

Julian Nagelsmann fehlt erkältet - doch das hält die Münchner nicht auf. Unter den Augen der Assistenten Dino Toppmöller und Xaver Zembrod entwickelt sich eine Champions-League-Partie der irreren Sorte, die statt 0:0 plötzlich 4:0 für Bayern ausgeht.

Von Christof Kneer, Lissabon

Die Verfasser der meisten Aufstellungsgrafiken hatten entweder unverschämtes Glück, oder sie kannten sich wirklich gut aus. Etwa eine Stunde vor Beginn des Champions-League-Spiels zwischen Benfica Lissabon und dem FC Bayern hatten sie ja plötzlich eine unerwartete, schwierige Aufgabe zu lösen: Wen sollten sie beim FC Bayern unter der Rubrik "Trainer" notieren, wenn der Trainer fehlt? Julian Nagelsmann könne "aufgrund eines grippalen Infekts leider nicht auf der Bank sitzen", teilte der FC Bayern vor dem Spiel mit, was umgehend die Frage aufwarf: Wen von Nagelsmanns Assistenten sollte man denn jetzt als Trainer melden, Dino Toppmöller oder Xaver Zembrod?

Die Wahl der Chronisten fiel auf Toppmöller, sehr zu recht, denn ein Blick in dessen Vita bringt einen erstaunlichen Fakt ans Licht: Zu Beginn seiner Karriere diente er einem luxemburgischen Erstligisten als Spielertrainer, der Name des Klubs: FC RM Hamm Benfica. Tatsächlich bezieht sich der Klub aus Luxemburg in Namensgebung und Emblem ausdrücklich auf Benfica Lissabon - was den Luxemburgern schon juristische Verwicklungen mit jenem Original aus Portugal einbrachte, das am Mittwochabend die Bayern empfing.

Wer das schon für die kurioseste Nummer des Abends hielt, hatte dieses Spiel noch nicht erlebt. Es war wie ein lustiges Scheibenschießen auf dem Oktoberfest, bei dem die Scheiben erst ganz, ganz, ganz am Ende fallen: Mit 4:0 siegten die Bayern in einem Spiel, das sehr lange auf dem Weg war, sich zu einem 0:0 der irreren Sorte zu entwickeln. Mit diesem Erfolg haben die Münchner nun fünf Punkte Vorsprung auf Benfica - der Gruppensieg ist fast geschafft. "Das hat Spaß gemacht in ungewohnter Rolle. Die Jungs haben heute fortgesetzt, was sie in Leverkusen begonnen haben", sagte Toppmöller nach dem Spiel.

Die Handschrift des Trainers Nagelsmann war trotz dessen infektbedingter Abwesenheit von Anfang an zu entziffern: Wieder präsentierten die Münchner jene asymmetrische Formation, die den Rechtsverteidiger Benjamin Pavard regelmäßig zum Rechtsaußen machte. Der Franzose hatte die Seite sogar weitgehend für sich alleine, weil Nagelsmann/Toppmöller/Zembrod dem üblichen Rechtsaußen Serge Gnabry nach zuletzt herausragenden Leistungen eine Verschnaufpause gönnten.

Co-Trainer Dino Toppmoeller (FC Bayern Muenchen) (FC Bayern Muenchen), Benfica Lissabon vs. FC Bayern Muenchen, Champio

Dino Toppmöller gab die Anweisungen in Abwesenheit von Julian Nagelsmann.

(Foto: kolbert-press/Christian Kolbert/imago images/kolbert-press)

Für die Bayern als solche galt das nicht, sie sahen überhaupt nicht ein, warum sie verschnaufen sollten. Sie legten fast so los wie am Sonntag gegen Leverkusen, schon nach zwei Minuten nötigte Robert Lewandowski den Benfica-Torwart Vlachodimos zu einer hübschen Parade - dass er dabei im Abseits stand, nahm den Bayern nichts von ihrem Willen. Dass Leon Goretzka (Erkältung) fehlte? Egal, an seiner Stelle versuchte sich Marcel Sabitzer als Doppelpartner von Joshua Kimmich und sah gleich mal, wie Leroy Sané den Ball nach schickem Solo nur knapp am entfernten Pfosten vorbeizielte. Was aussah, wie ein netter Beginn, sollte stilbildend werden für diese Partie, die die Statistiker erneut herausfordern sollte: Wer kann so viele Torchancen zählen?

Womöglich ahnte es der Benfica-Experte Toppmöller bald: Benfica ist nicht Leverkusen. Die Portugiesen ließen sich nicht einschüchtern, sie nutzten die Wucht ihres Publikums und spielten mehrere Klassen besser als jeder luxemburgische Erstligist. Zwar zwang Kingsley Coman bei seinem ersten Startelf-Einsatz nach seiner Herz-OP den Benfica-Torwart nochmal zu einer artistischen Tat (10.), aber die Partie wurde nun immer mehr zu einer steilen Angelegenheit. Kein Team hatte Lust auf Querpässe, beide spielten sofort nach vorne, und immerhin beschäftigte Benfica die Bayern derart, dass die kaum zu ihren dominanten Ballstafetten kamen. Ein bisschen strukturschwach war das Spiel, aber kurzweilig.

Vorübergehend entwickelte sich sogar ein Duell der Torhüter. Ein weitere exzellente Aktion von Vlachodimos (29., gegen Coman) wollte Manuel Neuer auf keinen Fall auf sich sitzen lassen. Neuers Reflex gegen Darwin (33.) lässt vermuten, dass er vielleicht mal Weltmeister oder sogar Welttorhüter werden könnte. Vlachodimos' Reaktion darauf war besonders gemein: Er klatschte Beifall, als der Videoreferee ein Kopfballtor von Lewandowski aberkannte (42.) - weil es sich als Oberarmtor herausstellte.

Sané bricht den Bann mit einem Freistoß

Es war die passende Rausschmeißer-Szene aus der ersten Halbzeit, denn die zweite ging genau so weiter. Erst traf Pavard den Pfosten (47.), dann wurde ein weiteres Bayern-Tor durch Thomas Müller zurückgenommen, weil Coman zuvor um Stollenbreite im Abseits stand (52.); kurz danach parierte der angehende Welttorhüter Neuer gegen Goncalves. Das Spiel war nun wie ein riesengroßer Wackelpudding, in dem aber eine Menge herrliche Schokosplitter steckten - allerdings von der Sorte, die neutrale Zuschauer lecker finden, nicht aber unbedingt die Trainer, die weniger die Schokolade, sondern eher den Wackelpudding sehen. Trainer wollen Torchancen, die aus kontrolliertem Anbau entstehen, und keine, die aus einer Eigendynamik resultieren, die sich in jeder Sekunde gegen die eigene Mannschaft wenden kann.

Dieses Spiel hatte wirklich Humor, denn nach 100 hektischen Torchancen fiel das bahn- und bannbrechende Tor am Ende aus einer ruhenden Situation: Sané schickte den Ball in einer so aparten Kurve über die Freistoßmauer, dass womöglich sogar Lionel Messi neidisch würde (70.). Es war das Tor, das eine Dominotheorie auslöste: Der eingewechselte Gnabry bereitete das 2:0 (Eigentor Everton, 80.) und das 3:0 durch Lewandowski vor (82.), schließlich traf erneut Sané (84.). Es war das groteske Ende eines grotesken Spiels: Am Ende sah das Ergebnis aus, als hätte die Bayern gegen eine Mannschaft aus Luxemburg gespielt, oder natürlich gegen Leverkusen.

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