Bayer Leverkusen Roger Schmidt sollte die Regeln kennen

Dürfte wieder einige Spiele auf der Tribüne erleben: Leverkusens Roger Schmidt.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Für seine Tiraden wird der Leverkusener Trainer wohl erneut gesperrt. Das Argument, dass im Fußball früher alles anders war, taugt nicht zur Verteidigung.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Theoretisch hätte es dem Beklagten helfen können, hätte er eine Hand vor den Mund gehalten. Hätte er also zu jenem Schutz gegriffen, den viele anwenden, die sich in den Stadien zunehmend beobachtet fühlen. Eine Fußball-Mannschaft, die den Rasen verlässt, sieht heute aus wie einst die Mädchenschulklasse, die sich hinter vorgehaltener Hand die neuesten Nachrichten aus der Jungenschulklasse zuflüstert.

Gefürchtet wird der Lauschangriff, eine nachrichtendienstliche Attacke. Dieser hat die Bundesliga bei Vergabe der Fernsehrechte selbst zugestimmt, weil für immer mehr Millionen Euro immer mehr Authentizität (ehemals: O-Töne) gefordert wird. Nun sind die Stadien zu Orwell'schen Zimmern mutiert, in denen Kameras und Richtmikrofone das Raumklima bestimmen. Und in denen hinterm Sofa die Lippenleser hocken.

Praktisch hätte das mit der Hand vor dem Mund im Fall von Roger Schmidt jedoch nichts genutzt. Zum einen, weil Trainer im Allgemeinen, Schmidt aber im Besonderen dazu neigen, in der Hektik ihre Worte nicht zu wägen (allerdings rutscht auch nicht jedem dieser Grenzgänger ein "Spinner!" an den Kollegen raus). Zum anderen wäre Schmidt gar nicht näher an den Hoffenheimer Julian Nagelsmann rangekommen, jedenfalls nicht auf dem erlaubten Wege. Ist doch seit einiger Zeit schon das Raubtier-Gehege der Trainer mit weißer Kreide als "Coaching-Zone" eng markiert. Und zwischen beiden Zonen wacht mit großem Ohr zudem der vierte Offizielle.

Schmidt muss ja nicht hinter Gitter

Hört dieser ein verdächtiges Geräusch ("Spinner!"), ist er verpflichtet, beim Hauptschiedsrichter Meldung zu machen. Der verweist den Delinquenten auf die Tribüne, was die DFB-Gerichtsbarkeit aktiviert. Diesen Automatismus zu kennen, sich auf ihn einzustellen, zählt zur neuen Trainer-Pflicht, gerade für einen wie Schmidt, der demonstrativ unter dem Kürzel "modern" firmiert.

Weitgehend untauglich für die Verteidigung ist jetzt das Argument, dass früher alles anders war. Dass nie Mikrofone mithörten, als Leverkusens heutiger Sportdirektor, der Stürmer Rudi Völler, in den Achtzigerjahren ein Feuerwerk am Ball, aber auch mal der Injurien zündete. Schmidt, 49, muss ja auch nicht hinter Gitter, weil in ihm der Vulkan stärker als in Carlo Ancelotti, 57, brodelt. Schmidt wird nur erneut einige Leverkusener Spiele aus der Ferne sehen müssen. Weil er auf Bewährung coachte, weil er einen Kollegen beleidigte, besonders aber, weil es nicht nur pädagogisch äußerst dumm gelaufen ist, wenn ihm dabei die gesamte Republik zuhört.

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