Basketball-EM:"Das macht uns gefährlich und unberechenbar"

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Basketball-EM: Auch Jonas Wohlfarth-Bottermann, Niels Giffey und Justus Hollatz sind wichtig für das deutsche Team bei der EM.

Auch Jonas Wohlfarth-Bottermann, Niels Giffey und Justus Hollatz sind wichtig für das deutsche Team bei der EM.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Die deutsche Nationalmannschaft geht als Favorit ins Achtelfinale gegen Montenegro. Die größte Kraft zieht das Team aus dem Kollektiv - da kann auch Dennis Schröder mal draußen bleiben.

Von Ralf Tögel, Köln

Und dann war es passiert: Gordon Herbert musste herzhaft lachen. Ansonsten bevorzugt der Trainer der deutschen Basketball-Nationalmannschaft bei seinen Analysen ja einen nüchternen Ton. Seine Ausführungen fallen ohnehin sparsam aus, als würde ihm jedes überflüssige Wort zur Last gelegt. Doch als mitten in seine Rezension nach dem 106:71-Erfolg gegen die Ungarn im abschließenden Vorrundenspiel in der Kölner Arena die Ansage platzte, dass ein Besucher doch bitte sein Auto aus dem Weg fahren möge, lockerte sogar Herbert für einen Moment jene Zügel, mit denen er sonst seine Gefühle im Griff behält.

Grund genug hatte er: Da war der grandiose Auftritt im letzten Gruppenspiel gegen die Ungarn. Ein Kontrahent, der als feststehender Gruppenletzter freilich schon die Koffer gepackt hatte. Und da war der zweite Platz in der schweren Gruppe B, die als "Todesgruppe" etikettiert worden war, wie Herbert erinnerte.

Den Gruppensieg indes hatte sich Europameister Slowenien mit dem 88:82-Sieg gegen den Olympiazweiten Frankreich gesichert - und seine Ambitionen auf die Titelverteidigung untermauert. Einmal mehr dank einer Galavorstellung von Luka Dončić, der irrwitzige 47 Punkte erzielte, der zweitbeste Wert bei einer EM. Doch während beim Titelverteidiger das Spiel signifikant auf einen Akteur zugeschnitten ist, überzeugt die deutsche Mannschaft durch eine große Breite.

Christian Sengfelder und Justus Hollatz fügen sich sofort ins Spiel ein

Herbert hatte gegen Ungarn in den beiden NBA-Kräften Dennis Schröder und Daniel Theis sowie Abwehrspezialist Nick Weiler-Babb drei Schlüsselspielern eine Pause gegönnt. Schröder und Theis waren mit Blessuren ins Turnier gezogen, werden am Samstag im Achtelfinale gegen Montenegro (18 Uhr, Magenta Sport) aber zurückkehren. Weiler-Babb hatte sich bei der Niederlage gegen Slowenien an der Schulter verletzt, Herbert wollte bezüglich weiterer Einsätze keine Prognose wagen. Doch selbst in derart dezimierter Form überzeugte die Auswahl des Deutschen Basketball Bunds - auch deshalb, weil Christian Sengfelder und Justus Hollatz sich nahtlos ins Spiel einfügten. Das war insofern bemerkenswert, da keiner der beiden in den vorherigen Partien auch nur eine Sekunde auf dem Parkett gestanden hatte.

Sengfelder, der im Nationalteam immer dann auf sich aufmerksam gemacht hatte, wenn die NBA-Kräfte abwesend waren, avancierte mit 22 Punkten sofort zum Topscorer. Hollatz verteilte elf Vorlagen und hinterlegte ebenfalls den Nachweis, dass er ohne große Bedenken auf das Spielfeld entsendet werden kann. Ein Markenzeichen dieser Auswahl, wie Sengfelder hernach festhielt: "Wir haben gelernt, dass wir ein sehr breites Team sind, in jedem Spiel kann ein anderer Spieler herausstechen. Das macht uns gefährlich und unberechenbar."

Basketball-EM: Sie feierten von draußen mit: Daniel Theis, Dennis Schröder und Nick Weiler-Babb (von links).

Sie feierten von draußen mit: Daniel Theis, Dennis Schröder und Nick Weiler-Babb (von links).

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

In der Tat besticht die deutsche Auswahl durch ihre Ausgeglichenheit. Natürlich stechen die NBA-Akteure Schröder, Theis und Franz Wagner heraus, aber gerade Back-up-Kräfte wie Maodo Lô, Johannes Thiemann, Andreas Obst und Niels Giffey agieren auf ähnlich exponiertem Niveau. Was nicht weiter verwundern sollte; all diese Akteure sind gestandene Euroleague-Spieler, gestählt in Duellen auf höchstem kontinentalen Niveau.

Der wohl größte Faktor im bisher so erfolgreichen Abscheiden ist das leidenschaftliche Abwehrspiel. "Das kann immer da sein, das ist eine Sache von Einsatz und Kommunikation", sagt Co-Kapitän Johannes Voigtmann, der effektivste Rebounder im deutschen Team. Dabei geht es nicht nur darum, gegnerische Punkte zu verhindern; Ballgewinne durch effektives Rebounding befördern das gefährliche Tempospiel der Mannschaft. Unter dem gegnerischen Brett werden mit abgefangenen Bällen zweite und dritte Wurfchancen erarbeitet - ein Stilmittel, das die Siege gegen Frankreich und Litauen maßgeblich herbeiführte. Neben Voigtmann beschäftigt die DBB-Auswahl in Theis, Johannes Thiemann und Jonas Wohlfarth-Bottermann diesbezüglich erstklassige Kräfte.

Im Erfolgsfall könnte es zum Duell mit Griechenland kommen, einem der Turnierfavoriten

Womit man beim letzten Merkmal dieser Mannschaft ist: der Teamchemie. Ein gern bemühter Begriff im Mannschaftssport, doch während der Vorrunde in Köln hat bislang jeder Spieler von seiner Freude am Mitwirken berichtet, ungefragt. "Es ist wirklich cool, hier zu spielen", befand Maodo Lô, er verspüre allein dank der Teamkollegen immensen Spaß an diesem Turnier: "Es ist einfach cool, diese EM zu spielen." Das wird auch von den Zuschauern goutiert, knapp 237 000 Besucher strömten in der Vorrunde in die Kölner Lanxess Arena, nie zuvor wollten so viele Menschen die Vorrunde einer Basketball-EM sehen.

Der gebürtige Berliner Niels Giffey hofft auf eine Fortsetzung in seiner Heimatstadt: "Diese Unterstützung hilft enorm", sagte er vor dem Achtelfinale gegen Montenegro. Die deutsche Mannschaft gilt nicht zuletzt dank der bisher gezeigten Leistungen als Favorit in ihrem ersten K-.o.-Spiel. Im Erfolgsfall könnte es zum Duell mit Griechenland kommen, einem der Turnierfavoriten.

Daran will Bundestrainer Herbert keinen Gedanken verschwenden: Man tue weiterhin gut daran, den Fokus "nur auf das nächste Spiel" zu legen. Er hoffe, dass Mannschaft und Fans ihre spezielle Verbindung weiterhin pflegen. "Wir spielen einen Basketball, mit dem sich die Zuschauer identifizieren können", erklärte er mit ernster Miene, "das ist wichtig für uns." Seine Emotionen hatte Herbert längst wieder eingefangen.

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