Badminton:Glücksgriff vor kleiner Kulisse

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Badminton: Silberstreif für ihren Zweitligaklub: Antonia Schaller vom TuS Geretsried.

Silberstreif für ihren Zweitligaklub: Antonia Schaller vom TuS Geretsried.

(Foto: Andreas Liebmann)

Für den Zweitligisten TuS Geretsried ist Antonia Schaller eine Sieggarantin. International hat sie nach ihrem WM-Debüt etwas größere Ziele.

Von Andreas Liebmann

Die Nachmittagssonne brach durch die Fenster der Geretsrieder Mittelschulturnhalle und warf einen schmalen silbernen Streifen auf den grünen Badminton-Court; kurz vor der Grundlinie, genau dort, wo Antonia Schaller gerade umhertänzelte, ihre Ausfallschritte machte, zum Smash hochstieg. Wer sich viel Mühe gab, konnte sich einbilden, dass das Licht von einem Hallenscheinwerfer stammte, und dann wäre man ganz schnell wieder drin in dieser Szenerie, die die 17-Jährige Mitte Oktober erlebte. Mitten in der Ceres Arena im dänischen Aarhus, abgedunkelt für den Einmarsch der Spielerinnen, zu Musik, im Scheinwerferlicht. Rote Lichter wanderten über die Tribünen, auf riesigen LED-Monitoren sah man ihr Porträt, die Hallensprecherin rief: "For Germany: Antonia Schaller." WM-Debüt. "Megacool", sagt sie im Rückblick. Mindestens. Die Nervosität sei durch den Einmarsch natürlich noch gestiegen.

Sobald man die Augen öffnete, brauchte man allerdings viel Fantasie, um in Gedanken bei diesem Einzel der Team-Weltmeisterschaft gegen die Japanerin Asuka Takahashi zu bleiben, denn in Geretsried sah doch alles anders aus: zweite Bundesliga, Schulturnhalle, im Hintergrund ein paar Kinder auf einer Weichbodenmatte, ansonsten kaum ein Geräusch zu hören außer schnellen Schritten auf Hallenboden und dem Surren der Saiten, die den Ball beschleunigten. 58 Zuschauer wären erlaubt gewesen, doch selbst die wenigen Stühle waren fast alle leer - Pandemie eben. Schaller setzte sich in drei Sätzen gegen Louisa Marburger vom SV Fischbach durch, unspektakulär, locker, souverän, ihr Vater und ein paar Funktionäre sahen zu. Am Ende gewann ihr Team 7:0.

Vereinstrainer Roth lobt ihre Cleverness - und traut ihr den Weg in die Top 50 zu

Der Ligaalltag hatte sie also wieder, wobei: So viel Alltag ist das gar nicht. Tags zuvor fand hier ebenfalls ein Heimspiel statt, da war etwas mehr los, auch das Ergebnis war beachtlich: 5:2 gegen die zweite Mannschaft des 1. BC Saarbrücken-Bischmisheim, die bis dahin an der Tabellenspitze mitmischte. Auch in dieser Begegnung gewann Antonia Schaller ihr Doppel mit Paula Kick und ihr Einzel. Würden sie immer in Bestbesetzung antreten, wären sie ganz vorne dabei, schätzt Geretsrieds Spielertrainer Oliver Roth, der ehemalige Team-Europameister. Wie immer gewann er an diesem Doppelspieltag je ein Doppel und ein Mixed, doch er selbst nimmt eben nur an Heimspielen teil - und Antonia Schaller kommt kaum noch zu den Ligapartien. Diese beiden zum Vorrundenabschluss waren ihre ersten Heimspiele der Saison, gewissermaßen die feierliche Heimkehr nach dem WM-Debüt. Wirklich feierlich war es dann nicht, so ohne Publikum. Kurz darauf reiste sie schon weiter nach Mailand, zu einem Turnier der International Series für Erwachsene, etwas unter dem Weltcup. Viel rechnete sich der Teenager dort nicht aus für die Qualifikation.

Die WM war natürlich eine große Sache. Wenige Wochen zuvor hatte Schaller erfahren, dass sie womöglich als Ersatz eingeplant wäre, dann verletzte sich eine Teamkollegin, und sie stand gegen Takahashi auf dem Court, als 674. der Weltrangliste gegen die Nummer 97, 6:21, 15:21. Voll war die riesige Halle nicht, nur während der dänischen Spiele war sie ausverkauft. Trotzdem, es sei ihr erstes richtiges Erwachsenturnier gewesen, schwärmte Antonia Schaller. Gegen die Japanerin war sie ziemlich aussichtslos, in ihrem zweiten WM-Einzel gegen die Französin Yaelle Hoyaux "war ich viel mehr auf Augenhöhe" - die Gegnerin habe aber "mehr Power" gehabt.

Die spärliche Kulisse bei ihrer Heimkehr hat ihr nichts ausgemacht: "Viele Zuschauer bin ich gar nicht gewohnt."

"Es gibt momentan nicht so viele starke Damen", so erklärt sich Antonia Schaller ihre Nominierung, sie sei eben im Nachwuchs weit vorne. In ihrem Jahrgang ist sie die deutsche Nummer eins. Dennoch gibt es viel zu tun. Ihre Kraftwerte müsse sie verbessern, viele technische Sachen. "Die Schlagqualität ist noch nicht gut genug", weiß sie. Ihre Stärken seien Ausdauer, Laufbereitschaft - und Ehrgeiz. Weil sie viel erreichen will, wechselte sie aus Petershausen erst zum ESV München, wo sie vier bis fünf Mal pro Woche trainierte, dann nach Geretsried, im Sommer 2019 ging sie ins Internat nach Nürnberg, wo sie erstmals "richtig professionelle Betreuung" erfuhr. Seit vergangenem Sommer besucht sie die Schule am Bundesstützpunkt Mülheim. Dass sie in Geretsried im ehemaligen Profi Roth nun einen so erfahrenen Trainer hat, weiß sie zu schätzen, "du merkst einfach, wie viel Ahnung er hat". Auch deshalb, weil er der ganzen Mannschaft so viel Sicherheit gebe, hätten sie so gut "performt" zum Vorrundenende.

Klubtrainer Roth wiederum lobt, sie spiele "sehr clever für ihr Alter", ihm gefallen ihre Bewegungen, ihre ökonomische Beinarbeit. Er sehe großes Potenzial, mit dem es Antonia Schaller "bis in die Top 50 der Welt schaffen" könne - wenn sie so weitermache und verletzungsfrei bleibe. "Sie kann ruhig viel selbstbewusster auftreten", findet er, gerade in dieser Liga, in der er sie für die Beste hält. Und natürlich hofft er, dass dieser "Glücksgriff" dem TuS noch eine weitere Saison erhalten bleibt.

Die spärliche Kulisse in Geretsried hat die 17-Jährige nicht weiter beschäftigt, im Gegenteil: "Viele Zuschauer bin ich gar nicht gewohnt", sagt sie. In Mailand ging es schnell, sie schied in zwei Sätzen gegen eine Russin aus. Ende Januar fliegt sie nach Schweden zu einem internationalen Jugendturnier. Allmählich geht es an die Vorbereitung auf die Jugend-Europameisterschaft, wo sie auf eine Medaille hofft, und auf die Jugend-WM in Spanien. Sie wird wohl noch öfter mal fehlen bei den Ligaspielen in Geretsried.

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