Athletenvereinbarung Übergangen vom IOC-Präsidenten

Thomas Bach: Kritiker sind für ihn "einzelne Stimmen"

(Foto: AFP)

Das Internationale Olympische Komitee verabschiedet eine Athletenvereinbarung, die unter Sportlern extrem umstritten ist. Präsident Thomas Bach interessiert das wenig - er ignoriert zunehmend die kritischen Vertreter.

Kommentar von Johannes Aumüller

Thomas Bach war schon anzusehen, dass er das nun folgende Thema eigens betonen wollte. Am Dienstagabend saß der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Buenos Aires vor der Presse, um die Vorgänge der abgelaufenen Session zu rekapitulieren. Es ging also um die Vergabe der Jugendspiele 2022 nach Dakar oder die Details zur Vergabe der Winterspiele 2026, um die Aufnahme von neun neuen IOC-Mitgliedern oder die auf bewährter Schönrechnerei beruhende Behauptung, dass bei den Pyeongchanger Spielen 2018 ein Überschuss erwirtschaftet worden sei.

Aber "das Highlight der Highlights", so Bach, "zumindest für mich", das sei die Athletenerklärung gewesen.

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Eine Art Charta für den Sportler soll das sein, 22 Punkte lang, unterteilt in Rechte und Pflichten: Die reichen von der Möglichkeit, ohne Diskriminierung am Wettbewerb teilnehmen zu können, bis zum Appell, eine Vorbildfunktion auszuüben. Diese Erklärung war in der Tat ein Highlight. Weil sich in ihr mal wieder offenbarte, wie sich Bach und sein IOC bei wichtigen Fragen ihre Welt zurechtbasteln. Denn zum einen gewann dieses Thema auf der IOC-Agenda just in dem Moment an Dringlichkeit, als der globale Chor der kritischen Athleten immer vernehmbarer anschwoll. Und zum anderen ist das Dokument in seiner jetzigen Form umstritten.

Athletenvertreter aus mehreren in der Sportwelt wichtigen Nationen wie USA oder Deutschland rügten den Text als unausgereift und die mangelnde Einbindung der Athleten in die Erstellung. Sie wussten dabei auch Menschenrechtsaktivisten an ihrer Seite. Aber das alles focht Bach nicht an: Er verwies darauf, dass unter der Steuerung der IOC-Athletenkommission und der Beteiligung von 4200 Sportlern aus 190 Ländern das Dokument erarbeitet worden sei. Die Kritiker sind für ihn "einzelne Stimmen".

Es ist frappierend, wie die IOC-Spitze mit Kritik aus dem Sportlerkreis umgeht. Die Stimme der Athleten, das ist für das IOC zuvorderst die eigene IOC-Athletenkommission, aber da sitzen in der Regel eben nur devote Vertreter und keine kritischen Geister. Die gewichtigere Stimme der Athleten formiert sich an anderen Orten, etwa in den Athletenvertretungen einiger wichtiger westlicher Sportnationen.

Diese sehen, dass bei vielen Sportlern das Vertrauen in die Sportinstitutionen erschüttert ist. Und sie wollen sich nicht vereinnahmen lassen, sondern eigenständig und selbstbewusst auftreten. So attackieren sie etwa das IOC für den zahmen Umgang mit Russlands Staatsdoping. Sie fordern ein Umdenken im Anti-Doping-Kampf, eine höhere Partizipation an den Olympia-Einnahmen - und eben auch eine andere Beteiligung, wenn es um Themen wie die Erstellung einer Athleten-Charta geht. Mit Manövern wie nun in Buenos Aires wird der Anteil dieser Kritiker am IOC bestimmt nicht geringer.

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