Anand bei der Schach-WM in Chennai Verunsichert gegen den Fallensteller

Liegt 2:4 zurück: Viswanathan Anand bei der Schach-WM

Ist der Respekt vor der Spielkunst und dem Selbstbewusstsein seines Herausforderers zu groß? Oder hemmt es ihn, dass die Schach-WM in seiner Heimat stattfindet? Viswanathan Anand muss nun einen 2:4-Rückstand gegen Magnus Carlsen aufholen. Doch der Weltmeister wirkt seltsam ratlos.

Von Martin Breutigam

Erst quälte ihn Magnus Carlsen mit listigen Zügen im Turmendspiel, anschließend gerieten für Schachweltmeister Viswanathan Anand auch noch die Journalistenfragen zur Tortur. Der Inder sollte erklären, weshalb er im Kampf um den Titel bei der Schach-WM binnen zweier Tage zwei Partien so kläglich verloren hatte. Seine Antwort: "Ein Fehler nach dem anderen und dann fliegt alles auseinander."

Ob er nun, bei einem 2:4-Rückstand zur WM-Halbzeit, überhaupt noch eine Chance auf die Titelverteidigung habe? Anand blieb einsilbig: "Ich werde mein Bestes geben." Was dies bedeute, fragte jemand. Er verstehe nicht, antwortete Anand genervt: "Mein Bestes bedeutet mein Bestes."

Schach-WM Carlsen siegt im Turmendspiel
Schach-WM

Carlsen siegt im Turmendspiel

Nächster Erfolg für den Herausforderer: Magnus Carlsen gewinnt seine zweite Partie und baut die Führung bei der Schach-WM auf 4:2 aus. Nach der Hälfte der Duelle steht Titelverteidiger Viswanathan Anand nun erheblich unter Druck.

Von Bestform konnte in den beiden jüngsten Partien nicht die Rede sein. Dass der 43 Jahre alte Inder derart einbrechen würde, kam unerwartet. Und es war unbegreiflich, dass er in der fünften und sechsten Partie jeweils eine Stellung verlor, die scheinbar ohne große Mühe remis zu halten war.

Ist Anands Respekt vor der Spielkunst und der Energie seines 22-jährigen Herausforderers zu groß? Oder hemmt es ihn, dass diese WM in seiner Heimat stattfindet? Der Wirbel um Anand ist enorm in Indien, wiederholt ist er zum Sportler des Jahres gewählt worden. Während der Partien übertragen Kameras jede Regung ihres Helden live ins ganze Land.

Schon einmal dem Druck nicht standgehalten

In den ersten vier Partien, die alle mit einem Unentschieden endeten, war von einer besonderen Anspannung nicht viel zu sehen gewesen. Er habe Anand "noch nie in solch starker mentalen Verfassung erlebt", hatte sein langjähriger Vertrauter Hans-Walter Schmitt danach gesagt. Doch inzwischen hat sich nicht nur die Qualität der Züge verändert, sondern auch die Körpersprache: Während sich Carlsen immer öfter selbstbewusst in seinem Sessel fläzt, wirkt Anand zunehmend verunsichert.

Vor fast zwei Jahrzehnten hatte der Inder schon einmal dem Druck vor heimischen Publikum nicht standgehalten: 1994 spielte er in Sanghi Nagar einen WM-Kandidatenkampf gegen Gata Kamsky - und verlor. Seitdem hat er keinen Wert mehr darauf gelegt, noch einmal ein wichtiges Duell in Indien zu spielen.

Wenn Anand nicht bald verkürzt, könnte dieser auf maximal zwölf Partien angelegte WM-Kampf sogar vorzeitig beendet sein. Vielleicht wird Anand in der siebten Partie, bei der er an diesem Montag erneut mit Weiß spielt, mal ein wenig Druck entfalten und etwas Schärferes wagen als die spanische Eröffnung, mit der er bislang nichts erreichte.

Am Samstag gelang es Carlsen, mit einem überraschenden Springerrückzug die Chancen auszugleichen. Allerdings lag dem Norweger trotz der vereinfachten Stellung ein Remisangebot fern. "Ich dachte, dass ich ihn nach dem Sieg am Freitag etwas unter Druck setzen sollte. Es gab nicht viel zu riskieren", sagte Carlsen.

Diese Haltung sollte Wirkung zeigen: Ohne Not opferte Anand im 38. Zug einen Bauern, um in ein nach einem Remis aussehenden Turmendspiel überzugehen. Doch fortan schuf Carlsen in seiner typischen, findungsreichen Art immer neue Probleme. Ja, es sei immer noch remis gewesen, sagte der Weltranglisten-Erste, aber "ich hatte noch eine kleine Falle." Und in die tappte Anand.