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Abschiedsspiel von Birgit Prinz:Die Psychologin verlässt den Strafraum

Als sie klein war, hieß es: Fußball ist nichts für Mädchen. Birgit Prinz ließ sich nicht beirren, sie wurde eine Pionierin des Frauenfußballs. Heute wird Prinz vom DFB mit einem offiziellen Abschiedsspiel geehrt. Eine Anerkennung für die vielen Titel ihrer Karriere - und einen Moment der Schwäche, in dem sie Stärke bewies.

Birgit Prinz muss lachen. Kurz und laut. Dann will sie es genauer wissen. "Das wurde wirklich so herumgeschickt?", fragt die ehemalige Kapitänin der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft, während sie im Auto unterwegs ist, und in ihrer Stimme schwingt Genervtheit mit. An diesem Dienstag (18 Uhr/Eurosport) wird die 34-Jährige nach ihrem Karriereende vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit einem offiziellen Abschiedsspiel in Frankfurt geehrt.

Frauenfußball - WM - Deutschland - Argentinien

Noch einmal Stürmerin: Am Dienstag bestreitet Birgit Prinz ihr letztes Spiel.

(Foto: dpa)

Drei Wochen zuvor hatte es mit den Medien der Main-Stadt einen Tag lang Gesprächsrunden gegeben, ein letztes Mal, bevor sie von der Fußballerin endgültig zur Privatperson wird. Danach schickte die ebenfalls anwesende Bild-Zeitung eine Meldung an die Agenturen: "Birgit Prinz kann sich in Zukunft durchaus ein Engagement als Bundestrainerin vorstellen." Es ist der Satz, der Prinz erst zum Lachen bringt und dann zu der Aussage: "Das ist genau der Grund, warum ich diese Gespräche nicht mag."

Sie habe diesen Satz nie gesagt, sondern "auf die Frage, ob ich mir den Job der Bundestrainerin vorstellen könnte, sinngemäß geantwortet: Mein Gott, warum nicht. Man soll nie nie sagen." Dann lacht sie noch einmal, denn: "Ich habe im Moment absolut kein Interesse daran, Trainerin zu werden. Wirklich nicht." Birgit Prinz kennt das Spiel der Medien, aber mitspielen wollte sie es nie.

Als sie klein war, hieß es noch: Fußball ist nichts für Mädchen

Eine der größten Ängste des Menschen ist es, die Kontrolle zu verlieren. Nicht die Situation beeinflussen zu können, in der man ist. Faktoren ausgesetzt zu sein, über die man keine Macht hat. Als Birgit Prinz klein war, hieß es noch: Fußball ist nichts für Mädchen. Argumente dafür gab es keine, einzig der gesellschaftliche Rahmen war so gesteckt.

Birgit Prinz ließ sich nicht beirren und spielte einfach. So gut, dass sie schon mit 17 Jahren in die Nationalelf berufen wurde. Heute ist Fußball der weltweit am meisten betriebene Frauensport und Deutschland das einzige Land in Europa, das nicht nur eine Männer- sondern auch eine Frauenfußball-WM ausgerichtet hat, die weltweite Aufmerksamkeit genoss. Diese ungewohnt intensive Aufmerksamkeit war es auch, die die Fußballerin Birgit Prinz im vergangenen Sommer dazu brachte, einen besonderen Schritt zu machen.

Beim zweiten Vorrundenspiel der für die Deutschen unglücklich verlaufenen WM hatte Bundestrainerin Silvia Neid ihre Rekord-Nationalspielerin, -stürmerin und Kapitänin Prinz schon in der 53. Minute vom Rasen genommen. Im darauffolgenden letzten Gruppenspiel saß sie nur noch auf der Bank. Tagelang wurde daraufhin über die Mängel der Mannschaft und über die Psyche der Spielführerin spekuliert, denn Neid deutete öffentlich an, dass es damit nicht zum Besten stehe.

Eine seltene Stärke im Spitzensport

Darauf berief Prinz ihrerseits eine Pressekonferenz ein, das erste Mal in ihrem Leben. Offen und schonungslos mit sich selbst sprach sie über den Druck, dem sie sich ausgesetzt sah, und über den Versuch, damit klarzukommen. Sie gestand Schwäche ein und bewies damit eine Stärke, die selten ist im Spitzensport. Sie wusste, dass sie in dem Moment der Mannschaft nicht helfen konnte, und wollte doch als Einzelne nicht ihr Gesicht verlieren. Das Verhältnis zur Bundestrainerin hat darunter gelitten.

"Ich bereue nichts", sagt Birgit Prinz am Ende ihrer Karriere.

(Foto: lks)

Seit über einem Jahr war da Prinz, die zuvor Physiotherapeutin gelernt hatte, schon studierte Diplom-Psychologin. Doch Psychologen sind oft hilflos, wenn es um sie selbst geht. Anders als viele Profisportler hatte sie keine Fern-Uni gewählt, sondern ein Präsenzstudium an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Prinz genoss die Zeit, in der sie eintauchen konnte ins Studentenleben. In einem Umfeld, in dem sie sich völlig neu definieren musste. Was Prinz dabei am meisten interessiert, ist nicht die Interpretation der Dinge, denn die ist immer subjektiv. Birgit Prinz ging es immer um die optimale Beeinflussung all der Faktoren, die man beeinflussen kann.

Irgendwann soll die Psychologin Birgit Prinz im Vordergrund stehen

Das war es, was sie zu all ihren Erfolgen und Titeln gebracht hatte. Das ist es auch, was sie mit in ihr neues Leben nehmen will. Am soeben gegründeten "Institut für Performance-Psychologie" in Frankfurt will sie mit Spitzensportlern und Managern arbeiten. Derzeit hospitiert sie am Leistungszentrum der TSG Hoffenheim. Prinz ist bewusst, dass "ich da natürlich häufig erstmal als die Fußballerin Birgit Prinz gesehen werde, aber irgendwann wird die Psychologin Birgit Prinz im Vordergrund stehen".

Am Dienstag wird nun noch ein letztes Mal die Fußballerin Birgit Prinz zu sehen sein. Die Nationalelf wird im Stadion am Bornheimer Hang gegen ihren alten Klub, den 1. FFC Frankfurt antreten, neben Prinz werden auch Kerstin Garefrekes, Sonja Fuss und Ursula Holl vor dem Anpfiff mit Blumen verabschiedet. Daneben laufen alte Weggefährtinnen von Prinz auf wie die Norwegerin Hege Riise, die Dänin Louise Hansen oder Steffi Jones, die heutige DFB-Direktorin. Ariane Hingst konnte nicht, sie ist noch in Australien.

Ob Birgit Prinz irgendetwas bereut in ihrer langen, erfolgreichen Karriere? "Nein", sagt Prinz, "ich bereue nichts. Ich denke, ich war Teil einer Zeit im Frauenfußball, in der sich unheimlich viel entwickelt hat, und daran habe ich meinen Anteil. Auch, wenn ich nicht immer so funktioniere, wie man es sich wünscht."

© SZ vom 27.03.2012/cop/gba

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