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8:2-Erfolg der Bayern:Hansi Flick spricht beängstigend normale Sätze

Bayern Munich v Chelsea - UEFA Champions League - Round of Sixteen - Second Leg - Allianz Arena Munich manager Hansi Fli

Spricht über das 8:2 wie über ein normales Spiel: Hansi Flick

(Foto: Sven Hoppe via www.imago-images.de/imago images/PA Images)

Was um Himmels Willen soll nach einem 8:2 gegen Barcelona im Viertelfinale noch kommen? Noch zwei Spiele natürlich, diesen Eindruck erwecken die Fußballer des FC Bayern.

Kommentar von Martin Schneider

Spieler-Interviews nach monumentalen Fußball-Spielen haben eine ganz eigene Faszination. In den unendlichen Archiven des Internets kann man sich zum Beispiel immer noch angucken, was Miroslav Klose direkt nach dem 7:1 der DFB-Elf im WM-Halbfinale gegen Brasilien sagte. "Ja gut, wir analysieren den Gegner ja auch", meinte er stocknüchtern, als ihn der Reporter fragte, ob man das Gesehene nicht als "Rausch" bezeichnen könne. Ersatzspieler seien wichtig, meinte Klose, Standards auch. Und: "Da müssen wir weiter dran arbeiten."

Es fällt leicht, Parallelen zwischen dem 7:1 der deutschen Nationalmannschaft in Belo Horizonte und dem 8:2 der Bayern gegen Barcelona zu ziehen. Beide Male implodierte eine große Mannschaft, von der man das so nicht erwartet hätte, beide Male zeigte die Anzeigetafel groteske Ergebnisse an. Sicher, die Unterschiede sind da: 2014 klappte eine brasilianische Nationalmannschaft unter dem überdimensionalen Erwartungsdruck einer ganzen Nation zusammen - und konnte auch, was man gern vergisst, schlicht den Ausfall der beiden wichtigsten Spieler (Neymar und Abwehrchef Thiago Silva) nicht kompensieren. Am Freitag in Lissabon knickte der FC Barcelona eigentlich nur unter der erdrückenden Wucht des FC Bayern ein.

Eine bemerkenswerte Parallele sieht man aber, wenn man sich die Haltung der siegreichen Mannschaften anguckt. Die Spieler des FC Bayern hörten sich in den Interviews nach dem Spiel allesamt an wie Miroslav Klose. Tenor: Ja, schon irre das alles - aber wir sind nicht hier, um ein Viertelfinale zu gewinnen. Es kommen noch zwei Spiele.

Der Wahnsinn kommt zu früh

Psychologisch ist die Situation ja nun die: Man hat ein großes Ziel, und dann kommt der Wahnsinn zu früh. Und da hilft es sicher enorm, dass die Protagonisten Manuel Neuer, Thomas Müller, Jérôme Boateng und Hansi Flick die Situation schon aus Brasilien kennen. Nichts deutet jedenfalls darauf hin, dass der FC Bayern, der nun einfach noch mehr Favorit auf den Champions-League-Titel ist, mit der Situation nicht umgehen kann. Wie vor allem Flick über das 8:2 sprach, als wäre es ein mehr oder weniger normales Fußballspiel gewesen, war fast beängstigender, als wenn er in Superlativen gesprochen hätte. Aber das ist ja sowieso nicht sein Stil.

Thomas Müller sagte vor kurzem im SZ-Interview, dass Geschichten immer erst hinterher erzählt werden. Und weil Müller gerade alles gelingt, hat er natürlich auch damit recht. Man kann ja mal in einem Gedankenexperiment versuchen, sich vorzustellen, wie das 7:1 in der Historie stehen würde, wenn die Deutschen das Finale verloren hätten. Vermutlich als Höhepunkt, der zu früh kam.

Immer wenn so etwas wie das 8:2 passiert, wenn ein Hauch von Schicksal über den Rasen weht, dann will man das eingeordnet wissen, weil ja klar ist, dass sowas höchstens alle sechs Jahre passiert. Aber die Gegenwart ändert sich in der Pandemie gerade wirklich schnell. Es ist und bleibt einfach ein Riesenjammer, dass ausgerechnet bei diesem Zehn-Tore-Spiel keine Zuschauer im Stadion sein konnten. Oder dass keine Fans aus Bergamo ihre Mannschaft in den letzten Minuten im Kampf gegen Paris Saint-Germain unterstützen durften. Für viele Fans wird vor allem das bleiben: ein Turnier der verschlossenen Türen.

Aber vielleicht bleibt auch der Turniermodus in guter Erinnerung. Aus der Not geboren scheint er spektakuläre Spiele zu fördern, weil man viel weniger Zeit zum Taktieren hat, rein fußballerisch macht das schon Spaß. Aber wird die Uefa dabei bleiben? Sehr wahrscheinlich nicht, denn weniger Spiele bedeuten weniger Einnahmen und dafür hat sich der Fußball noch nie entschieden. Und dann könnte das Turnier natürlich auch noch als jenes in die Geschichte eingehen, bei dem die Ära der zwei Überkicker endete: Es ist jedenfalls das erste Champions-League-Halbfinale ohne Lionel Messi und Cristiano Ronaldo seit 2006. Das sind 14 Jahre.

Mittwoch spielt der FC Bayern im Halbfinale. Gegen Olympique Lyon. Und da gäbe es ja auch noch die eine oder andere Geschichte zu erzählen.

© SZ/chge/sefi/sonn

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