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50+1-Regel:Die Bundesliga muss sich entscheiden

FC Bayern München - Fans

Der FC Bayern im Zentrum des deutschen Fußballs - daran wird sich so bald nichts ändern.

(Foto: Marc Müller/dpa)

Der Kern der 50+1-Frage: Wird die Bundesliga endgültig zur Finanzmaschine oder bleibt sie eine einflussreiche gesellschaftliche Kraft? Klar ist schon jetzt: Der FC Bayern profitiert so oder so.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Ansgar Brinkmann mag nicht mehr jedem ein Begriff sein. Er wurde kein Völler, Klinsmann, Matthäus oder Effenberg, aber er stammt aus jener Zeit, als die Bundesliga sich das Siegel "Beste Spielklasse der Welt" verdiente. Brinkmann bestritt kein Länderspiel, auch weil er zwischen Genie und Wahnsinn schwebte, aber dass er seine Qualitäten hatte, zeigt sich daran, dass Experten ihn bis heute als Kultkicker, als "weißen Brasilianer", verehren. Er tourt durch zweitklassige Talkshows, weil ihm ab und an ein erstklassiger Spruch einfällt. Wenn man nun die verbale Drastik nicht zensiert, die der Fußball-Branche eigen ist, kommt man zum Start dieser Bundesligasaison an Brinkmanns jüngstem Diktum nicht vorbei. Denn er ruft einen pädagogischen Notstand aus: "Kinder, die in diesem Sommer eingeschult werden, kennen doch nur den FC Bayern als Meister. Da ist die Kindheit schon am Arsch."

In den Siebzigerjahren, in denen Brinkmann groß wurde, fanden Klein und Groß noch einen packenden Dualismus vor: Günter Netzers aufmüpfiges Mönchengladbach forderte die Bayern des Franz Beckenbauer Saison für Saison zum Titelkampf heraus. Der letzte, ebenfalls ideologisch unterfütterte Zweikampf ging 2012 zu Ende, als die Erstklässler von heute geboren wurden. Borussia Dortmund, der Klub mit dem Malocher-Image, verweigerte dem FC Bayern, dem Klub mit dem Neureichen-Habitus, als bislang Letzter eine Meisterschaft.

Warum sich das geändert hat? Warum die Münchner ihr Solo starten konnten und sechs Titel in Serie holten? Die simpelste Erklärung: Robert Lewandowski, der damals für Dortmund seine Tore schoß, erzielt sie heute für die Münchner; Mats Hummels ging denselben Weg. Mit gewaltiger Finanzkraft wurde eine Fluchtwelle von Nord nach Süd in Kraft gesetzt. Schon längst, so die Kritiker, mindere die Dauerdominanz des FC Bayern den Wert der Bundesliga als Produkt. Falls diese anhalte, befürchtet etwa Ralf Rangnick, Sportchef von RB Leipzig, werde die Liga "auf dem Friedhof der Erinnerung" begraben. Die vorige Saison habe gezeigt, dass alle Klubs außer den Bayern im Europapokal den Anschluss verloren haben.

Doch schon mit der Frage, ob Rangnick als glaubwürdiger Kronzeuge taugt, beginnt das Problem. Vertritt er doch den jüngsten Spross der Bundesliga, den Klub aus Leipzig, der vom Red-Bull-Getränkekonzern am Reißbrett entwickelt wurde. Leipzig profitierte davon, dass eine Grundregel, die die Eigentumsverhältnisse definiert, großzügig zu seinen Gunsten ausgelegt ist: 50 plus 1. Fast jeder hat diese Formel gehört, kaum jemand hat sie in ihren Verästelungen verstanden. Im Kern besagt sie, dass jeder Stammverein in jeder denkbaren Konstruktion immer die Mehrheit der Stimmen, also 50 plus 1, behalten muss. Die Regel soll die Machtübernahme durch externe Geldgeber verhindern.

Die Bundesliga muss sich entscheiden: Möchte sie zur Finanzmaschine werden?

Im Kern ist dies eine gute Idee, weil sie den Klubs ihre Eigenständigkeit und ihre Verwurzelung in der Tradition absichert. Doch in den Zeiten des großen Geldes wird sie von allen Seiten attackiert; nicht wenige meinen, dass sie auch vor EU-Gerichten nicht zu halten ist. Aber so lange kein Urteil fällt, wächst die Debatte ins Ideologische, wächst ihre Spaltkraft. Manchen Ultra-Fans dient sie bereits als Motiv für Gewalt auf den Tribünen. Die Gegner von 50 plus 1 befürchten, ohne externe Finanzspritzen würden die Bundesliga-Vereine weiter zurückfallen. Die Befürworter verweisen zur Abschreckung auf den AC Mailand: Vom einstigen italienischen Premier Silvio Berlusconi fast ruiniert, dann weitergereicht an einen mysteriösen Chinesen, befindet sich Milan jetzt im Besitz eines US-Hedgefonds. Italiens einstiger Stolz ist Spielball von Spekulanten.

Allein schon dieses Beispiel nützt als Plädoyer für den deutschen Sonderweg. Für jene Definition, wonach ein Klub eben nicht nur eine Firma, sondern auch ein Kulturgut ist. Er sollte nicht einem, sondern allen im Klub gehören. Gerade heute, wo selbst Bundesligisten langsam akzeptieren, dass sie nicht nur Fußball, sondern auch Sozialprogramme anbieten müssen, dass ihre Strahlkraft auch Verpflichtung ist. Können sie doch etwa über ihre Stars als Medium oft tiefer in die Gesellschaft einwirken, als dies Kirchen oder Parteien noch vermögen.

Da wundert es, warum ausgerechnet der FC Bayern opponiert, der größte Nutznießer des Systems. Sind sie dort doch die Allerletzten, die ihre Macht teilen, die den Rekordmeister in Investorenhände geben würden. Denn sein Erfolgsgeheimnis ist auch seine verblüffend simple Konstruktion: Uli Hoeneß, der Präsident, und Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstand, sagen, was zu tun ist. Liegen beide mal im Streit, sagt Hoeneß noch ein bisschen mehr. Alimentiert wird dieses Zwei-Herren-Modell von der Wirtschaftskraft des Südens, Allianz, Audi und Adidas sind Anteilseigner von jeweils fast zehn Prozent. Damit bleibt der FC Bayern unterhalb einer 30-Prozent-Schwelle, was das Fremdkapital betrifft. Wollte er die Schwelle überschreiten, müsste er seine 300 000 Mitglieder um Erlaubnis bitten. Und deren Veto ist wahrscheinlich.

Falls also 50 plus 1 fallen sollte, hätte das in München nahezu keine Wirkung. Und dennoch hätte es Bedeutung: Denn von jedem Euro, der an irgendeiner Stelle in den Bundesliga-Kreislauf gepumpt wird, landen am Ende ein paar Cent beim Marktführer. Der würde seine Sonderstellung auch dann festigen, wenn er stockkonservativ bleibt, was er ist. Während er die anderen dazu stimuliert, nach Finanziers in Orient und Okzident zu suchen.

Die Bundesliga muss sich entscheiden, wie sie in der Bevölkerung gesehen werden will. Als Finanzmaschine im Unterhaltungsbetrieb oder doch als eine zentrale, einflussreiche gesellschaftliche Kraft. Dies ist die Grundsatzfrage. Unabhängig davon, wie sie beantwortet wird, sollte allen Liga-Rivalen eines klar sein: Mit mehr Geld allein schießt den FC Bayern vorerst niemand vom Sockel.

© SZ vom 25.08.2018/ebc

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