3. Liga:Löwenbrüllen

TSV-Spieler Mölders

Lautsprecher vor den Fans: Diesmal will 1860-Kapitän Sascha Mölders aber den Aufstieg verkünden, und nicht wie hier Trost spenden nach der verlorenen Relegation gegen Ingolstadt.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

"Wir müssten lügen, wenn wir sagen würden, wir wollen nicht aufsteigen": 1860 München geht mit viel Selbstvertrauen in eine Saison voller Ungewissheiten.

Von Christoph Leischwitz

Mit den Fans, da ist sich Michael Köllner sicher, hätte man in der vergangenen Saison "mehr Punkte gehabt". Denn das Publikum sorge dafür, "dass du nicht die Spannung verlierst", dass die Spieler auf dem Platz also nie nachlassen. 1860 München werde auch in der neuen Drittliga-Saison, die am Samstagmittag startet, wieder öfters gegen tief stehende Gegner versuchen müssen, das Tempo hochzuhalten, um Lücken zu finden und zu Toren zu kommen - mit Publikum könne das etwas besser klappen.

In den vergangenen Wochen war der Trainer nicht müde geworden zu betonen, dass 1860 München die einzige Fußballprofimannschaft Deutschlands ist, die während der Pandemie bislang noch keinen einzigen Zuschauer empfangen durfte. So gesehen konnte man als Tabellenvierter der Vorsaison ja gar nicht deutlicher darauf hinweisen, dass man zum Favoritenkreis um den Aufstieg zählt: Die Löwen gelten als eingespieltes Team, und jetzt werden sie auch noch angefeuert! Auch wenn das Grünwalder Stadion zum Auftakt gegen die Würzburger Kickers (Sa. 14 Uhr) noch lange nicht komplett gefüllt sein darf.

Unabhängig davon, ob die akustische Taktik aufgeht oder nicht, eine Sache wird sich bei den Münchnern auf jeden Fall ändern im Gegensatz zur vorigen Spielzeit: Es gibt keine Ausflüchte und kein Abwarten mehr, wenn es um die Aufstiegsfrage geht. "Wir müssten lügen, wenn wir sagen würden, wir wollen nicht aufsteigen", sagte auch Sascha Mölders vor wenigen Tagen. Der 36-jährige Torschützenkönig der vergangenen Saison tut sich eine weitere Profi-Saison schließlich nicht zum Spaß an.

Köllner ist auch stolz darauf sagen zu können, dass 1860 der Verein mit den wenigsten Spielerwechseln der gesamten Liga sei. Er wertet dies als wechselseitige Zufriedenheit von Verein und Spielern. Da war es auch fürs Image wichtig, dass Dennis Dressel trotz recht konkreter Abwerbeversuche gehalten werden konnte. Die Mannschaft ist spielstark und selbstbewusst, der Kader dank der Verpflichtungen von Kevin Goden (Abwehr), Yannick Deichmann (Mittelfeld) und Marcel Bär (Angriff) ein bisschen breiter aufgestellt als noch im Mai. Torwart Marco Hiller ist nach dem spannenden Saisonfinale bei Aufsteiger FC Ingolstadt aber erstmal noch rotgesperrt, Marius Willsch und Daniel Wein sind verletzt.

Die Betonung des guten Binnenverhältnisses mag ein dezenter Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung der bayerischen Konkurrenz sein. Wobei Würzburg mit seinem neuen Trainer Torsten Ziegner freilich durch den Abstieg aus der zweiten Liga zu einem Großteil schlicht gezwungen war, Spieler ziehen zu lassen und Neue zu holen. Gemeint ist eher die innerstädtische Konkurrenz mit Türkgücü München. Der neue Kader hat mit dem vorigen in der Tat wenig zu tun, liest sich allerdings beeindruckend. Und so dürfen alle drei bayerischen Vertreter erst einmal zum Favoritenkreis gezählt werden.

Es ist eine weitere Spielzeit voller Ungewissheiten. Die Drittliga-Vereine sind von Geldsorgen geplagt, weil die Zuschauer fehlten. Mit der finanziellen Schieflage gehen alle ein bisschen anders um, manche aber durchaus risikoreich, in Form teurer Zukäufe. Bei 1860 München sehen sie es in diesem Zusammenhang überhaupt nicht gern, dass die Liga-Manager in einer knappen Abstimmung für eine Spieltagskader-Erweiterung von 18 auf 20 Spieler aussprachen. Die Liga solle ja eigentlich eine Ausbildungsliga sein, sagt 1860-Geschäftsführer Günther Gorenzel, jetzt werde alles dafür getan, die Kosten zu erhöhen und dafür zu sorgen, dass möglichst viele junge Spieler auf der Ersatzbank versauern. Köllner legt nach: Der DFB habe sich mit dieser eigentlich demokratischen Abstimmung aus der Verantwortung gestohlen und "eine große Chance verpasst", ein positives Bild von sich selbst zu zeichnen.

Exakt 3736 Zuschauer dürfen ins Grünwalder Stadion - weniger als bei Türkgücü

Pandemiebedingte Absurditäten sind ebenfalls noch lange nicht vorbei, es kommen vielmehr neue Absurditäten hinzu. Die Löwen haben ihre Fans jetzt in Rudel eingeteilt. In der Kürze der Zeit fiel es schwer, viele Zehner-Rudel zusammenzurotten, auf diesem Weg hätten aufgrund der Abstandsregeln mehr Anhänger Platz gefunden. Weil es jetzt aber notgedrungen sogar Einer-Rudel gebe, dürfen erst einmal nur 3736 ins Stadion. Alle müssen einen 3G-Nachweis erbringen - geimpft, getestet oder genesen. Bei Türkgücü, das am Sonntag beim SC Verl in die Saison startet, dürfen hingegen bis zu 5000 Zuschauer kommen.

Köllner freue sich trotzdem schon "wie ein kleines Kind" auf das Spiel, er hat als Löwen-Trainer tatsächlich erst sechs ausverkaufte Heimspiele erlebt. Am Freitag sagte er, sollen bitteschön alle Besucher noch ihre Stimmbänder schonen, damit sie beim Spiel Lärm machen können wie 15 000. "Ein Team, ein Weg" lautet nach wie vor der aktuelle Sechziger-Slogan. "Brüllen für den Aufstieg" könnte man ja aber noch etwas kleiner darunterschreiben. Übrigens hat auch Würzburgs Trainer Ziegner die Sechziger als "Topfavoriten" benannt.

© SZ/sewi
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