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1. FC Köln:Doppeltes Endspiel

Maxence Lacroix, Sebastian Andersson / Aktion / Spielszene / Zweikampf / / Fußball Fussball / DFL erste 1.Bundesliga He

Abgeblockt: Kölns Stürmer kommen derzeit nur selten in Hauptrollen vor - hier Sebastian Andersson (rechts) beim 0:1 in Wolfsburg.

(Foto: O. Behrendt/Contrast/Imago)

Der FC, ein Klub mit großer Stürmertradition, sehnt sich im Duell um den Klassenverbleib gegen Mainz nach Toren seiner Angreifer.

Von Philipp Selldorf, Köln

Anthony Modeste ist zwar nicht mehr in der Stadt, aber die Zeilen, die in einer endlosen Ode seine Taten besingen, werden für immer dem Kölner Liedgut angehören.

"Wer feiert täglich Schützenfest?" "Wer trinkt gern Kölsch vorm Dopingtest?" "Wer putzt sing Zäng mit Dr. Best?" "Wer trinkt den O-Saft frisch gepresst?" All diese rhetorischen Fragen und 1000 weitere vom Volksmund zusammengetragene Weisen bahnen den Weg zu stets demselben Reim namens Anthony Modeste und schaffen damit das endlose Lied für euphorische Chorgesänge in der überfüllten Straßenbahn.

Die Modeste-Hymne war der Hit der Saison im späten Frühling 2017. Inzwischen hat der französische Mittelstürmer zum zweiten Mal die Stadt verlassen. Als er im Winter als Leihgabe zu AS St. Etienne wechselte, wurde das rund um den 1. FC Köln allenfalls beiläufig zur Kenntnis genommen. Noch zu aktiven Zeiten war Modeste beim FC eine Art Museumsstück geworden, eine wandelnde Erinnerung an frühere Zeiten ohne praktischen Nutzen für die Gegenwart - und zu Konditionen eines Schaustücks, das man sich gar nicht leisten kann. Auch in St. Etienne ist der Angreifer nach bisher sieben Einsätzen nicht erfolgreicher als während der Hinrunde in Köln, das 1:0 gegen den VfL Osnabrück kurz vor Weihnachten ist sein einziger Saisontreffer geblieben.

Modestes Nachfolger, der in Brügge geliehene, angeblich pfeilschnelle und blitzgefährliche Emmanuel Dennis, hält seit der Ankunft im Januar penibel den Kurs seines Vorgängers. Auch Dennis hat ein einzelnes Törchen im Pokal erzielt (in Regensburg), genauso vergeblich Anschluss ans Team gesucht - und beim Trainer ebenfalls so viel Eindruck hinterlassen, dass dieser ihm einen stabilen Platz in der Reserve eingerichtet hat. Den 23-jährigen Nigerianer zeichnet zwar das Merkmal aus, der einzige Diplom-Stürmer im Kölner Kader zu sein, aber Markus Gisdol hat zuletzt trotzdem lieber einen seiner zahlreichen Mittelfeldspieler in die Spitze gestellt. Nach der Devise: Besser zu zehnt ohne Stürmer als mit Dennis in Unterzahl. Wenn die Kölner am Sonntag gegen Mainz 05 ein weiteres Schicksalsspiel im Abstiegskampf ausfechten, dann wird das wohl nicht anders sein. "Emmanuel nimmt aktuell noch nicht die Rolle ein, die ich mir von ihm gewünscht habe", sagte Gisdol, "ich hoffe, dass wir bei ihm noch diesen Kick sehen werden". Die Frage ist allerdings, ob er dann noch als Trainer fungieren wird.

Von Hans Schäfer über Toni Polster bis Lukas Podolski: Die Ahnengalerie ist prominent bebildert

Den Berichten der Kölner Tagespresse zufolge ist die Begegnung mit Mainz ein doppeltes Endspiel: Für den seit sieben Spielen sieglosen 1. FC Köln. Und für den Coach Gisdol, der von Manager Horst Heldt den Auftrag erhalten hat, in Form von drei Punkten den Beweis seiner Tauglichkeit zu erbringen. Andernfalls... Der Sportchef wird in der Trainerfrage seit Wochen sowohl klubintern als auch extern unter Druck gesetzt. Bisher ist er standhaft und loyal geblieben, und tatsächlich darf man am Sinn und Zweck eines Trainerwechsels zweifeln. Gerade in den vergangenen Wochen hat Gisdols Team ansehnliche Spiele hingelegt. Die Abwehr steht vergleichsweise solide, und die Mittelfeldreihe mit Jonas Hector, Ellyes Skhiri, Duda, Max Meyer und Elvis Rexhbecaj bietet gehobene Fußballkultur. Woran es schmerzhaft mangelt: an Treffern im allgemeinen und Stürmertreffern im Besonderen. Würde sich das unter Aufsicht eines Krisendoktors - ob er dann Friedhelm Funkel oder Thorsten Fink heißt - schlagartig ändern? Schwer zu glauben. Die krausen Vorstellungen, die Monopolstürmer Emmanuel Dennis bisher geboten hat, geben Gisdols Nominierungspraxis durchaus recht.

25 Tore haben die Kölner geschossen, nur Bielefeld auf Platz 17 und Schalke auf Platz 18 haben weniger, aus diesen Daten erklärt sich präzise der Tabellenstand. Die Mainzer hingegen haben im Winter den Spieler geholt, der den Kölnern so dringend fehlt: Robert Glatzel, 27, kam von Cardiff City, aber die 05er mussten keine Rasterfahndung veranstalten, der Mittelstürmer wurde ihnen von der Berateragentur des Spielers nahegebracht. Den Kölnern übrigens auch, und vermutlich ärgert es sie jetzt, zu sehen, wie sich Glatzel als Verstärkung bewährt - und als Schütze wichtiger Treffer. Gisdol verhält sich aber bei dem Thema genauso solidarisch zum Manager wie der Manager in der Trainerfrage. Im Wintertransferfenster gehe es "immer hektisch" zu, sagte Gisdol, "man braucht das notwendige Quäntchen Glück, weil man nicht die Zeit hat, die Spieler genau zu analysieren".

Der 1. FC Köln ist ein Verein mit großer Torjägertradition: Hans Schäfer, Dieter Müller, Hannes Löhr, Toni Polster, Lukas Podolski, auch Anthony Modeste haben Geschichte geschrieben. Emmanuel Dennis wird darin wohl kaum mehr vorkommen, aber es ist noch Platz in der Saisonchronik. Am Sonntag, womöglich gerade rechtzeitig, steht die Rückkehr des mehr als vier Monate verletzten Königstransfers Sebastian Andersson an. Sein Beruf ist, so heißt es, auch seine Berufung: Mittelstürmer.

© SZ/sjo
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