1. Runde im DFB-Pokal DDR-Klub Chemie Leipzig: Auferstanden als Fan-Verein

Fans der BSG Chemie Leipzig jubeln im Mai nach dem Sieg über den FC Oberlausitz Neugersdorf und den Gewinn des Sachsenpokals 2018.

(Foto: Kerstin Dölitzsch/imago)
  • BSG Chemie Leipzig nimmt zum ersten Mal am DFB-Pokal teil.
  • Der Klub ist entstanden aus einem Fanprojekt. Nach Neugründungen, Fusionen, Insolvenzen und Namenswechsel hat er sich im Leipziger Fußball etabliert.
  • Rätselhaft bleibt das Sondertrikot, welches der Verein für das Spiel herausbringt.
Von Fabian Dilger

Julia Scharf hat bei der Auslosung der ersten Runde des DFB-Pokals etwas durcheinandergebracht. Als dem Fünftligisten BSG Chemie Leipzig der Zweitligist Jahn Regensburg zugelost wurde, kommentierte die Fernsehmoderatorin zur BSG: "Auch die sind so zum ersten Mal dabei ... unter anderem aus Lok Leipzig hervorgegangen." Sofort kam ein empört-entsetzter Zwischenruf aus dem Publikum, wahrscheinlich von der BSG-Delegation. Chemie ist ein spezieller Verein: Fans haben die Tradition in Leipzig-Leutzsch gerettet, und nach einem Neustart ganz unten steht die BSG jetzt im DFB-Pokal. Aber vor allem: Lok Leipzig und Chemie, das geht gar nicht zusammen.

Es ist nicht leicht, die historische Genese der Leipziger Fußballvereine nachzuvollziehen. Selbst nach gründlicher Recherche können die vielen Neugründungen, Fusionen, Insolvenzen und Namenswechsel für Verwirrung sorgen. Die Kurzfassung: Der 1. FC Lokomotive aus dem Viertel Probstheida war zu DDR-Zeiten der vom Staat geförderte Klub, BSG Chemie war der Arbeiterverein aus dem Stadtteil Leutzsch. Weil die Fußballmannschaft als Betriebssportgemeinschaft des Volkseigenen Betriebes Lacke und Farben spielte, kam sie zu ihrem ungewöhnlichen Namen.

Der größte Erfolg war der Gewinn der DDR-Meisterschaft 1964. Vor der Saison waren die besten Spieler zum Lokalrivalen delegiert worden, eine Entscheidung der sozialistischen Sportpolitiker. Den ersten Platz in der Oberliga holte aber die BSG Chemie als der "Rest von Leipzig". Eine Underdog-Geschichte, die so Underdog-mäßig abgelaufen ist, dass man sich fragt, warum die ehemaligen Klassenfeinde in Hollywood sie noch nicht verfilmt haben. Die Spieler dieser Meistermannschaft stehen heute noch als Betonfiguren im Alfred-Kunze-Sportpark, der damals-und-jetzt-wieder Spielstätte der BSG.

"So zum ersten Mal dabei", der erste Teil von Scharfs Satz, der stimmt aber. Die BSG Chemie, was heute Ballsportgemeinschaft bedeutet, ist eigentlich ein Fanprojekt, welches 2008 in der untersten Liga startete. Ein überaus erfolgreiches Fanprojekt, das die Tradition der ehemaligen BSG übernommen und wieder bis in die Regionalliga geführt hat.

In der dritten Kreisklasse, unterste Liga, ging es los für BSG Chemie

Nach der Wende hieß die BSG Chemie zuerst einmal FC Sachsen Leipzig, Grund war eine Fusion. Schon 1997 gründeten einige Fans aber die BSG Chemie als Förderverein des FC Sachsen. Damit sicherten sie sich zugleich die Rechte an dem Namen und dem Logo. Aus Vorsicht, wie Remo Hoffmann, Fanbetreuer bei der BSG und zuvor siebeneinhalb Jahre im Vorstand des Vereins, erklärt. "97 waren es schon turbulente Zeiten. Eigentlich waren es immer turbulente Zeiten", sagt Hoffmann.

Die Fußballklubs im Osten und die Insolvenz, das sind bis heute zwei Dinge, die sich immer wieder suchen und finden. Der FC Sachsen und die aktive Fanszene verkrachten sich später über den richtigen Weg des Vereins ordentlich. Remo Hoffmann ist heute noch anzumerken, wie erbittert damals gestritten wurde. "Ein großes Kriegsgebiet", sagt er. "Wir haben mit 3000 Zuschauern in einem Stadion gespielt, wo 43 000 Platz haben", erinnert sich Hoffmann an die Saisons im viel zu großen Zentralstadion. Der damalige Chef des Unternehmens Kinowelt, Michael Kölmel, mischte zu der Zeit als Sponsor mit. In der Saison 07/08 hatten einige Fans genug. Sie wandelten den Förderverein BSG Chemie in einen Fußballverein um.

In der dritten Kreisklasse, unterste Liga, ging es los. Nach drei Aufstiegen in Serie übernahm die BSG das Spielrecht eines anderen Leipziger Vereins, sprang ein paar Ligen nach oben und schaffte es bis 2017 sogar in die Regionalliga. Der FC Sachsen musste nach der Insolvenz 2011 dicht machen, sein Nachfolgeverein 2014. Seitdem spielt die BSG wieder als einzige Mannschaft dort, wo die Fans die Seele des Vereins verorten: im Alfred-Kunze-Sportpark, kurz AKS. Letztes Jahr kamen im Schnitt 2600 Fans, für die neue Saison sind rund 1200 Dauerkarten verkauft.

Überm Strich ein bisschen peinlich

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Der nächste Sprung ist für den Verein nun schwierig

Nach der Rückkehr in die alte Heimstätte "haben wir eigentlich komplett bei Null angefangen", sagt Hoffmann. Der insolvente Nachfolgerverein des FC Sachsen hatte nichts mehr hinterlassen: "Die haben alles, was da war, verkauft. Tore, Bälle, Computer, Tresen, Bänke." Damals und heute lebt Chemie von der Arbeit der Fans, die selbst zu Vereinsfunktionären wurden. 70 Prozent junge Ultras, 30 Prozent ehemalige, ältere FC Sachsen-Verantwortliche, so schätzt Hoffmann die Zusammensetzung beim Neustart. Das Credo beim Wiederaufbau: "Bodenständig sein, die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, ein Stück nach vorne gehen." Der Verein leistet sich einen hauptamtlichen Mitarbeiter im Fanshop, der Rest ist unbezahltes Engagement. Die BSG hat mittlerweile wieder einen Etat von einer Million Euro, 17/18 spielte sie sogar für ein Jahr Regionalliga. Den Einzug in den DFB-Pokal hat man über den Gewinn des Sachsenpokals geschafft, wo die BSG zum Beispiel Drittligist Zwickau rausschmiss.

Doch der nächste Sprung ist laut Hoffmann schwierig. "Die Regionalliga-Saison hat uns ganz deutlich gezeigt, dass zwischen Oberliga und Regionalliga ein Riesensprung ist." Hoffmann sagt: "Mir ist der Aufstieg der ersten Mannschaft gar nicht so wichtig." Stattdessen müsse "gesundes Wachstum" bei der BSG stattfinden. Derzeit ist ein Kunstrasenplatz in Planung, die Einnahmen aus dem DFB-Pokalspiel am Sonntag (15.30 Uhr) sind dafür eingeplant.

Der AKS mit seinem Fassungsvermögen von 4999 Zuschauern ist natürlich längst ausverkauft. Rätselhaft bleibt das Sondertrikot, welches der Verein für das Spiel herausbringt. Der ungeliebte Ex-Sponsor Michael Kölmel wirbt einmalig für einen neuen Kinofilm. "Ich finde es super unglücklich", sagt Hoffmann. Egal was für Nebengeräusche es um das Trikot gibt, Hoffmann ist sich beim Sportlichen sicher: "Das ist eines der Spiele, wo man wieder richtiges Kribbeln spüren wird."

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