2. Bundesliga Holstein Kiel schafft die Frauenteams ab - und erntet Entrüstung

Wie lange Kiels Frauen um Sarah Begunk (am Ball) noch als "KSV Holstein" spielen, ist unklar.

(Foto: imago/foto2press)
  • Der Fußball-Zweitligist Holstein Kiel gliedert seine Frauenfußballerinnen aus, nach eigenen Angaben auch aus finanziellen Gründen.
  • Drei Tage vor dem Ende der Meldefrist für die nächste Regionalliga-Saison erfahren die Spielerinnen angeblich erst von der Ausgliederung.
  • Politiker in Schleswig-Holstein stellen nun die Fördergelder für den Verein in Frage.
Von Johannes Kirchmeier

Kurz bevor am Sonntagnachmittag die Männer der Kieler Sportvereinigung Holstein in Ingolstadt eines ihrer wichtigsten Spiele seit Jahrzehnten bestritten, setzte sich die gesamte zweite Frauen-Mannschaft des Vereins daheim in Kiel am Mittelkreis auf den Rasen. Sie spielte nicht mehr weiter, die Landesliga-Partie wurde nach dem 0:1, das die Gäste des ATSV Stockelsdorf ohne Gegenwehr erzielten, abgebrochen. Die Männer gewannen später furios 5:1, der Zweitliga-Aufsteiger befindet sich im Höhenflug, so gut wie sicher spielt er in der Relegation um einen Bundesliga-Platz. Euphorie und Ärger liegen in einem Verein manchmal nur zwei Stunden auseinander.

Die beiden Ereignisse am Sonntag standen nicht in direktem Zusammenhang. Doch sie beschreiben die beiden Entwicklungen, die den Verein gerade umtreiben. Da sind die Männer: Seit einem Jahr verzückt Holstein Kiel Fußball-Fans in ganz Deutschland. Dank harter und beharrlicher Arbeit stiegen die Kieler erst in die zweite Liga auf, dann setzten sie sich dort noch beharrlicher unter den ersten drei Teams fest.

Und dann sind da die Frauen und Mädchen: Denen teilte Holstein nun mit, dass sie nicht mehr erwünscht sind beim Verein, das ist der Grund für den Sitzstreik gegen Stockelsdorf. Sie werden ausgegliedert und sollen sich nach dem Willen des Klubs dem VfB Kiel anschließen. Der Zweitligist habe sich entschieden, "die Kräfte zu bündeln" für den Männer- und Nachwuchsfußball, gab er bekannt. Später verwies der KSV-Präsident Steffen Schneekloth gegenüber der Deutschen Presse-Agentur auf den geringen Etat des Fußballklubs.

Die Frauen dürfen nicht auf dem Holstein-Gelände kicken

Holstein hat mit sechs bis sieben Millionen Euro tatsächlich einen deutlich kleineren Spieleretat als viele Zweitliga-Konkurrenten. Allerdings beziehen die Kieler Frauen auch keine Champions-League-Gehälter, sondern sind Regionalligistinnen und arbeiten nebenher. Sie gaben sich bisher sogar zufrieden damit, dass sie nicht mal auf dem Holstein-Gelände spielen durften. Seit 2010 kicken sie auf der Waldwiese des VfB, die schon so ein bisschen so aussieht wie sie heißt. Holstein investierte dafür nach eigenen Angaben "einen sechsstelligen Betrag in die Sanierung des Kabinentrakts".

Schneekloth findet letztlich: "Unsere nachvollziehbar harte Entscheidung ist weder frauenfeindlich noch altertümlich, sondern bedeutet lediglich die Konzentration unserer Kräfte auf den Herrenfußball." Andere sind da anderer Meinung. Denn es rollt gerade eine Welle der Entrüstung auf den Klub zu. Unter dem Hashtag #aufstehenfürvielfalt solidarisierten sich andere Vereine und Anhänger mit den Fußballfrauen.

Die Politik stellt die Fördergelder für das Stadion in Frage

Was die Fußballerinnen stört ist nicht nur die Entscheidung an sich, sondern auch der Zeitpunkt, an dem man sie informierte. Drei Tage vor dem Ende der Meldefrist für die nächste Regionalliga-Saison erfuhren die Spielerinnen nach eigenen Angaben von der Ausgliederung. "Jeder weiß, dass sich Frauenfußball nicht rentiert", schreiben sie auf Facebook. "Selbst nicht in der 1. Frauenbundesliga. Aber ist dieser Ballast wirklich so groß, dass es einen Verein im Profifußball daran hindert, Anschluss zu halten? Und vor allem in dieser Art und Weise eine Abteilung aus dem Verein zu streichen?"

Schneekloth sagte nach der ersten Empörung, die Kosten für den Spielbetrieb für die neue Saison übernehmen zu wollen. Man wolle den Übergang so sozialverträglich wie möglich gestalten. Die weitere Zukunft, möglicherweise unter dem Dach eines Kreis- statt Zweitligisten, dürfte dann aber immer noch unsicher bleiben.

Nicht nur die Fußballerinnen, auch die Politik stellt die Aktion - und damit verbunden ihre Fördergelder - in Frage: "Die Ratsversammlung hat ja 1,7 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, auch für den Ausbau des Holstein-Stadions. Und damit war immer die Hoffnung und Erwartung verbunden, dass Holstein sich insgesamt öffnet auch für anderen Leistungs- und Breitensport", sagte der Kieler Oberbürgermeister Ulf Kämpfer dem NDR. Gemeinsam mit der Hilfe des Landes erhält der Klub bis zu sieben Millionen Euro für den Ausbau aus öffentlicher Hand. Kämpfer hält die Ausgliederung daher für "sehr bedauerlich". Am Sonntag sind Kommunalwahlen in Kiel, der Ausschluss wird zum Wahlkampfthema in der Stadt.

Auch Aminata Touré, gleichstellungspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion der Grünen, sowie Lydia Rudow, sportpolitische Sprecherin der Grünen-Ratsfraktion Kiel, stellen sich gegen die Entscheidung: "Öffentliche Fördergelder beanspruchen, aber Gleichstellungspolitik aus dem vorletzten Jahrhundert praktizieren - das passt nicht zusammen", schreiben sie auf Facebook. Sie regen an, zu überprüfen, ob die Grundlagen für die Förderung bei solch ungleicher Behandlung zwischen den Geschlechtern überhaupt noch gegeben wären.

Es ist nicht das einzige Thema, das für Ärger sorgt in Kiel. Der Verein würde selbst im Falle eines Aufstieges um die Bundesliga-Zugehörigkeit zittern. Er dürfte im wegen der Erstliga-Standards noch nicht umgebauten eigenen Stadion nicht antreten und müsste ausweichen. Ein Kooperationspartner dafür steht aktuell noch nicht fest. Der Verein hat aber eine Ausnahmegenehmigung bei der Deutschen Fußball Liga beantragt.

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