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Reisebuch:Ein Klavier reist um die Welt

*Reisebuch Traveling Piano*  Joe Löhrmann

Joe Löhrmann hat seine beiden Leidenschaften - das Reisen und die Musik - miteinander vebunden.

(Foto: Julia Steinigeweg)

Wie bringt man ein 300 Kilogramm schweres Instrument in die Alpen und an einen Strand in Thailand? Und warum? Der Musiker Joe Löhrmann versucht mit seinem Buch "My Traveling Piano", das Gefühl von Freiheit zu den Menschen zu tragen.

Rezension von Josephine Kanefend

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der aus seinem Arbeitsalltag ausbricht und um die Welt reist, weil ihn das glücklicher macht, als 40 Stunden die Woche am Schreibtisch zu sitzen. Nichts Neues also - hundertmal gehört, hundertmal vergessen. Aber dann öffnet Joe Löhrmann die Seitentür seines alten Ford Transits, und statt einer Küchenzeile steht da ein Klavier. Plötzlich ist er nicht mehr nur einer dieser Digitalnomaden, die mit Backpack und Birkenstocks um den Globus ziehen und ihre Arbeit, statt im grauen Bürokomplex, unter grünen Palmen erledigen.

Er ist ein Musiker, der sein 300 Kilo schweres Instrument an die unmöglichsten Orte bringt, um Menschen vor beeindruckenden Naturkulissen mit seiner Musik zu berühren: Auf zweitausend Metern Höhe in den österreichischen Alpen, in einer abgelegenen Bucht in Thailand, im Hambacher Forst, vorbei an Polizeiketten und Straßenblockaden.

"Die bedeutendste Eigenschaft von Musik ist für mich, wie sie Menschen zusammenbringt", schreibt Löhrmann in seinem Buch "My Traveling Piano". Genau das möchte er mit seinen Naturkonzerten erreichen. Und er will den Menschen die Natur wieder näherbringen, weil wir uns seiner Meinung nach zu sehr von ihr distanziert haben. In der Verbundenheit mit Musik und Natur sollen seine Zuhörerinnen und Zuhörer sich selbst spüren lernen, Achtsamkeit entwickeln und dem Gefühl der Freiheit nachgehen.

Alles ist möglich, wenn man es nur will

Denn das alles seien Dinge, so der Autor, die in unserem Alltag zu kurz kommen, weil das kapitalistische System keinen Raum dafür lässt. Der Großteil der Menschen arbeite nicht für sich, sondern für die Interessen eines Megakonzerns, schufte sich kaputt, um Haus und Hund zu finanzieren, und gaukele sich dabei vor, glücklich zu sein, obwohl die innere Stimme eigentlich wisse, dass da etwas nicht stimmt. Deswegen sollten wir uns bewusst machen, was uns tatsächlich erfüllt und diesen Leidenschaften nachgehen, denn alles ist möglich, wenn man es nur will. So die Logik des Buches.

Als Vorlage dient Joe Löhrmann sein eigenes Leben: Nach einer quälenden Ausbildung bei einem Autokonzern, die ihn mit chronischen Darmbeschwerden zurückließ und an den Rande einer Depression trieb, machte er eine lang ersehnte Weltreise, die den Grundstein für sein heutiges Leben als reisender Musikant legte. Gerade deshalb ist es ihm wichtig, den Appell an seine Leserinnen und Leser zu senden, ihren Träumen zu folgen und etwas zu verändern, wenn ihr Alltag sie nicht glücklich macht. Dass das nicht einfach ist, weiß Löhrmann selbst - auch er stößt immer wieder an die Grenzen seiner Komfortzone.

Flucht in eine schöne Welt

"My Traveling Piano" nimmt einen mit in die hektischen Millionenstädte Japans und an paradiesische Strände in Thailand. Löhrmann lässt die Leserinnen und Leser teilhaben an seiner Offenheit gegenüber anderen, die zu zwischenmenschlichen Begegnungen führt, die mal bereichernd, mal skurril sind, auf jeden Fall aber prägend. In Zeiten, in denen weder das Reisen noch die Nähe zu den Mitmenschen erwünscht ist also eine willkommene Flucht in eine schöne, bunte Welt.

Manchmal etwas zu schön - wenn Löhrmann beschreibt, wie er mit anderen Globetrottern unter einer Palme am Strand eine frische Kokosnuss genießt und sich mit ihnen darüber austauscht, wie sie "eine bessere Welt schaffen können", dann ist das nicht nur pathetisch, sondern auch paradox. Denn Löhrmann und ein Großteil der Reise-Community entziehen sich schlicht dieser, ach so bösen Welt, indem sie ein Leben führen, das fernab der Realität der meisten Menschen liegt und auf einem Individualismus beruht, der nur einem Bruchteil der Menschheit vergönnt ist.

Löhrmann reflektiert diese Position durchaus. Er ist sich auch bewusst, dass nicht alle Menschen reisen können oder wollen, um glücklich zu sein. Er wirkt wie einer, der hinterfragt, kritisch denkt und sich seiner Privilegien bewusst ist. Gerade deshalb täte es dem Buch gut, wenn an der einen oder anderen Stelle etwas weniger dick aufgetragen würde.

Joe Löhrmann: My Traveling Piano. Eden Books, Berlin 2021. 240 Seiten, 16,95 Euro.

© SZ/sfi/mai
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