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Projekt "Drive and Listen":Einfach drauflos

Was jetzt hier wohl im Radio läuft? Da die Autos durch Dublin fahren, vielleicht ein Song, der von grünen Hügeln, geselligen Menschen und Draught Red Ale handelt.

(Foto: driveandlisten.herokuapp.com)

Autofahren durch fremde Städte kann glücklich machen. Auch wenn es wie momentan nur am Bildschirm möglich ist.

Von Evelyn Pschak von Rebay

"Als ich noch in Istanbul studiert habe", erzählt Erkam Şeker, "bin ich ständig im Auto mit meinen Freunden durch die Stadt gefahren, einfach nur so. Und wir haben dabei Musik gehört." Dieses Gefühl habe er vermisst, sagt der 25-Jährige, der inzwischen im Informatik-Masterstudiengang der Technischen Universität München eingeschrieben ist. Und da sein Studium aufgrund der Pandemie komplett digital verläuft, kam er auf die Idee: "Dann kann man ja wohl auch online Auto fahren!"

So entstand sein Web-Angebot "Drive and Listen". An eine Reise in die Türkei ist coronabedingt zwar noch immer nicht zu denken, aber inzwischen trotzt Şeker seinem Heimweh ebenso wie dem Fernweh. Und auch die Fans, rund 40 000 sind es mittlerweile allein auf Instagram, können Spritztouren durch die Straßen seiner Heimatstadt Izmir unternehmen, dabei einen lokalen Radiosender hören oder sogar Straßengeräusche zuschalten.

Und nicht nur dort wird gefahren und gehört. Man braust durch Paris, Buenos Aires oder 50 andere Orte. Fährt im schweizerischen Lauterbrunnen an Coop und Kühen vorbei, singt lauthals zu Van Halens "Jump", das im Berliner Rundfunk läuft, während man ziemlich lange an einer der Ampeln der Hauptstadt steht. Oder wechselt entnervt an der Amsterdamer Stadhouderskade den Sender, weil NPO Radio 2 nix spielt, das man kennt.

Die ersten Autofahrtfilme habe er sich noch auf Youtube-Reisekanälen zusammengesucht, erzählt Şeker. Aber bald war seine Webseite so beliebt, dass Fans aus der ganzen Welt ihm anboten, ihre eigene Stadt abzufahren und mit der Autokamera festzuhalten. Über den Button "Buy me a Coffee" kann man den jungen Tüftler auch finanziell unterstützen. Viele Leute würden ihm dazu schreiben, das ziellos-freie Cruisen durch eine fremde Stadt habe sie vor lauter Glück zum Weinen gebracht, sagt Erkam Şeker gerührt: "Irgendwie gelingt es mir, die Ängste dieser Menschen zu lindern. Das tut mir gut."

Mehr Infos: driveandlisten.herokuapp.com

© SZ/mai
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