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Tunesien nach den Anschlägen:Deutsche Urlauber sind pragmatisch

Erstaunlich ist, dass zumindest der deutsche Markt sich schon wieder zu erholen scheint. "Wir sehen positive Signale", sagt René Herzog vom Reiseveranstalter DER Touristik. "Tunesien ist auf dem Rückweg zur Normalität." Deutschland ist für Tunesien der zweitwichtigste Markt, nach Frankreich; 425 000 deutsche Urlauber reisten 2014 nach Tunesien. In diesem Jahr kamen laut dem tunesischen Tourismusbüros bisher 100 000 weniger.

Die Wintermonate seien vergleichsweise schwach gebucht, sagt Herzog. "Für den kommenden Sommer aber gibt es bereits jetzt genauso viele Buchungen wie für den Sommer 2015." DER Touristik, bundesweit der Marktführer im Tunesien-Geschäft, hat nach dem Anschlag von Sousse 10 000 Urlauber umgebucht und kostenlose Stornierungen angeboten. Bereits eine Woche nach dem Anschlag aber hätten die Buchungen wieder angezogen, sagt Herzog. Im Moment sehe es für die kommende Tunesien-Saison gut aus. Für Herzog, der die Buchungsverläufe seiner Kunden seit Jahren beobachtet, hat das Tradition: "In fast jeder Krisensituation verhält sich der Markt positiver als erwartet."

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Bei der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) versucht Projektleiter Ulf Sonntag das Phänomen so zu erklären: "Die deutschen Urlauber sind pragmatisch." Immer wieder beobachtet Sonntag dieses Muster: Kurz nach einem Anschlag ist der Schock noch groß, doch nach einiger Zeit beginnt sich die Normalität wieder einzustellen, wenn es keine weiteren negativen Nachrichten gibt. Auch das Auswärtige Amt rät bei Tunesien-Reisen momentan nur zu besonderer Vorsicht.

"Urlauber sind meistens gut informiert und wägen ab", sagt Sonntag. Nach dem Motto: Terroranschläge können überall passieren, auch in der Türkei oder daheim auf dem Oktoberfest. "Die Menschen registrieren auch, wenn ein Land wieder zur Normalität zurückfindet."

Strand-Patrouillen mit Sturmgewehr

Oder wenn es das zumindest versucht, wie im Moment Tunesien. Nach Angaben der Regierung wurden viele zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen - einige seien nicht zu sehen, das meiste aber ist auch für die Urlauber wahrnehmbar. Eine Sondereinheit von 1000 Polizisten sei im Einsatz: An den Stränden patrouillieren Beamte mit Sturmgewehren und kugelsicheren Westen, an den Eingängen der Hotelanlagen sind Sicherheitskräfte postiert. Und auf den Landstraßen wird auch wieder stärker kontrolliert.

Dass so eine Aufrüstung bei den Gästen auch ambivalente Gefühle auslösen kann, wissen die Verantwortlichen: "Wir wollen Touristeneinrichtungen nicht zu Kasernen machen", sagte der tunesischen Innenminister Gharsalli kurz nach den Anschlägen in einem Radiointerview. "Aber wir müssen handeln, um die Sicherheit des Touristensektors zu garantieren."

Sicherheit und Vertrauen sind schon deshalb wichtig, weil sich Tunesien gerade erst einen sanften Ökotourismus verordnet hat, weg vom reinen All inclusive-Aufenthalt. Touristen, die Angst haben, aber verschanzen sich in ihren Hotels. 400 000 Tunesier leben vom Tourismus, sieben Prozent des Bruttosozialprodukts werden hier erwirtschaftet. Das Land will zurück zu den sechs Millionen Touristen des Jahres 2014. Dafür bezuschusst die Regierung sogar Flüge und hat die Ausreisegebühr von 13 Euro abgeschafft.

Die Zukunft Tunesiens hängt also von Sicherheit, Vertrauen und Ruhe ab - wieder einmal. Helfen könnte aber auch der Pragmatismus und das Kurzzeitgedächtnis der Urlauber. "Wenn es ruhig bleibt", sagt Herzog von DER Touristik, "dann hat sich Tunesien bis 2017 erholt."

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