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Serie Traumreisen: Nepal:Kann passieren

The Buddha Stupa strung with Prayer flags in Kathmandu Nepal Kathmandu, Central Development Region, Nepal PUBLICATIONxIN

In Nepal trifft man immer auf wieder religiöse Orte, wie hier in Bodnath bei Kathmandu, wo der große Stupa errichtet wurde.

(Foto: imago images/Cavan Images)

Eine nächtliche Wanderung wie aus dem Horrorfilm, eine Safari ohne Tiere und das Leben, zusammengefasst in einem einzigen Satz - wie eine Nepal-Reise unvergesslich wurde.

Von Cornelius Pollmer

Das schlimmste Schöne war nicht einmal der Knochenfrost, das schlimmste Schöne war der Wald. Fast auf den Tag genau zwei Jahre ist es her, dass wir ihn betraten, und dass ich die Uhrzeit noch weiß, 17.42 Uhr, liegt daran, dass ich sie damals am späteren Abend notierte, auch aus Dankbarkeit, aus diesem Wald wieder herausgefunden zu haben.

SZ-Serie: Traumreisen

Vom Glück, unterwegs zu sein: Die Corona-Krise schränkt die Reisefreiheit massiv ein. Was bleibt, sind die Erinnerungen an die schönsten Touren. Und die Hoffnung, dass sie bald wieder möglich sind. Hier finden Sie alle bisher erschienenen Traumreisen.

17.42 Uhr war es, der Himmel färbte sich lila, und wir standen auf der einen Seite einer morschen Hängebrücke wie am Anfang eines Horrorfilms, während an ihrem anderen Ende der Wald bereits schwarz schwieg. Aber es half ja nichts, wir hatten beim Trekking durch Nepal den Ort Bhratang weit genug hinter uns gelassen, um dorthin nicht zurückzukommen. Also kramten wir unsere Stirnlampen heraus und zogen in heiterem Grusel über die Brücke und hinein in den Wald.

Cornelius Pollmer- Traumreise Annapurna-Gebirge

Schönes wird ja noch schöner, wenn man gelitten hat, um es zu erreichen: wilde Bergwelt auf der Annapurna-Runde.

(Foto: Cornelius Pollmer)

Nichts als eine Nadel auf dem Smartphone lotste uns durchs Dunkel an einem Ende der Welt. Äste knackten unter unseren Schuhen, und es raschelte, man hört es gleich überall rascheln, wenn man Angst hat. Ich versuchte, die Stimmung mit einem offenen Austausch über mögliche Gefahren dieser Nachtwanderung zu lockern. "Gleich kommt noch der Bergwolf", so lautete mein Gesprächsangebot. Es wurde nicht angenommen.

Aber der Bergwolf kam nicht, stattdessen kam, irgendwann, eine Straße, wir dort aber zu spät an, um jenen Jeep noch anzuhalten, dessen gelbliche Fernlichtkegel erst schimmerten wie Hoffnung, nur dann eben nicht mehr.

Um die Sache jetzt anders als den Weg damals abzukürzen (what happens in Waldeinsamkeit, stays in Waldeinsamkeit) - wir erreichten schließlich einen kleinen Ort, eine kleine Unterkunft, und dass noch am selben Abend der Ärmel einer Daunenjacke in fataler Weise Kontakt mit dem bollernden Ofen aufnahm, war gleich Anlass für große Heiterkeit, weil hurra, wir sind am Leben.

Nepal, um nur das Nötigste zu baedekern: wunderbare Natur, super Leute, furchtbare Armut, leider unglaublich viel Müll und Dreck vor allem in den Städten. Nepal für uns, auf dieser Reise: gleich im guten Sinne herausfordernd, aufregend und anstrengend, ja, auch atemraubend schon vor dem Donner.

Dieser Donner, er wird mehr Höhe- und doch auch Tiefpunkt dieser Reise. Wir sind Mittelgebirgsmenschen, Kinder Sachsens und seiner Schweiz, Kampfklasse Lilienstein. Vor der Reise hatten wir ein paar Leute gefragt, wie er gut zu nehmen sei, der mehr als zehn Liliensteine hohe Thorong La im Norden der Annapurna. Während einige sagten, nur im T-Shirt sei's im November vielleicht ein bisschen frisch, aber sonst kein Problem, fragten andere verwundert, warum man gerade im Ausland sterben wolle, das mache die Sache ja auch für Angehörige komplizierter.

Cornelius Pollmer- Traumreise Annapurna-Gebirge

Sieht malerisch aus, wenn man die Arbeit der Reisbauern nicht selbst erledigen muss.

(Foto: Cornelius Pollmer)

Wir hatten uns in Sachen Ausrüstung für das entschieden, was wir für eine mittlere Ausstattung hielten. Die Nacht im High Camp vor dem Pass entschied sich für minus 17 Grad Celsius, was ich noch heute nicht für eine mittlere Temperatur halte. Es muss gegen vier Uhr gewesen sein, als ich in unserer tendenziell unzureichend bedachten Unterkunft aufwachte und zunächst einigen Schnee vom Schlafsack wischte. Der Frost saß wirklich tief in den Knochen, nur die Stirn war von sonderbarer Heißkälte und gab erst Frieden, nachdem das erste Frühstück (Snickers) um ein zweites (Ibuprofen) ergänzt worden war.

Nun soll hier von Traumreisen die Rede sein und deswegen gar nicht so sehr von weiteren Schwierigkeiten wie der, dass alle anderen Früh- und Glühwürmchen an diesem Morgen mit kräftigeren Stirnlampen und Spikes an den Schuhen durch den Schnee knirschten, wir hingegen nach jedem gemachten Schritt nach vorne gleich wieder einen halben zurückrutschten. Nicht weiter die Rede sein soll von meinem Handy, das ich in totaler Erschöpfung zunächst in einem Zelt auf dem Pass vergaß, nicht vom natürlich gefrorenen Wasser, das untrinkbar in der Nalgene-Flasche klumpte, weil ich doof genug gewesen war, es nicht am Körper zu tragen, sondern griffbereit in einer Seitentasche des Rucksacks.

Cornelius Pollmer- Traumreise Annapurna-Gebirge

Showtime-Laune der Natur: Die Reflexionen der Sonne auf dem Schnee haben hier oben eine ganz besondere Wirkung.

(Foto: Cornelius Pollmer)

Was also war schön, was war ein Traum? Ganz oben, auf dem Thorong La, schon das allermeiste. Schönes wird ja noch schöner, wenn man gelitten hat, um es zu erreichen. Nie sonst habe ich Reflexionen gesehen wie jene, die den Schnee hier oben in Millionen kleinen Blitzen zum Glitzern brachten. Nie eine solche Showtime-Laune der Natur wie über unseren Köpfen an diesem Morgen. Als wir den Beginn des Passes erreichten, wich das Nachtdunkel langsam kühlen und blassen Farben des Morgens. Immer wieder blieb ich stehen, vor allem aus Atemnot, aber auch, um mich umzudrehen und diese Skyline zu sehen, ein zartes, ständig leicht variierendes Lila über einem akkurat und scharfkantig gezackten Gipfelmassiv.

So eine Reise, sie bleibt in Bildern. Gar nicht mal in den Tausenden, die ich noch immer jedes Mal mache mit meinem Handy, obwohl ich längst begriffen zu haben glaube, dass gerade die Menge dieser Bilder verhindert, dass wenigstens einzelne davon auch wieder und wieder gesehen werden. Die Bilder, die bleiben, sind jene besonderen Screenshots, die der Kopf unterwegs ganz automatisch macht. Da war dieses doch ziemlich spektakulär gelegene Fußballfeld, auf dem vor bestimmt 150 Zuschauern das Achtelfinale eines Pokals ausgetragen wurde, Thakan spielte gegen Tallo Chipla, zwei mal 20 Minuten, sechs gegen sechs.

Cornelius Pollmer- Traumreise Annapurna-Gebirge

Das doch ziemlich spektakulär gelegene Fußballfeld.

(Foto: Cornelius Pollmer)

Auf die gerade noch okay doofe Touristenfrage, ob der Ball nicht dauernd davonfliege und wie dann mit dem angebrochenen Tag weiter verfahren werde, sagte ein Junge: "Sometimes it happens." Nun gilt dieser Satz im Grunde für alles - Schnee zu Ostern, Liebe in Westthüringen, jaja, "sometimes it happens", aber hier war das natürlich komplett untertrieben, und ein ganzer Kader von Kindern sprintete durch die Hänge auf der Suche nach quergeschlagenen Bällen. Wenn von ihnen aber kaum jemand Notiz nahm, dann auch wegen des plötzlichen Jubels auf und neben dem Feld, als Chipla furios gegen den halstätowierten und nicht nur deswegen nichts Geringeres als Unbezwingbarkeit ausstrahlenden Torwartkrieger von Thakan das 1:0 erzielte.

Da war der Flughafen in Jomson, ein Flughafen noch deutlich kürzerer Wege als Tegel, in dessen Eingangsbereich ein handgemaltes Schild vorsorglich um Nachsicht für eventuelle Verspätungen wegen Schlechtwetters bat. Wir hingegen hatten es mit einer kaum weniger bedenklichen Verfrühung zu tun, als ein Mitarbeiter unsere Namen handschriftlich auf der, wie es schien, vollständigen Passagierliste für einen früheren Flug ergänzte und zugleich mehr als nur andeutete, mit der Sicherheitskontrolle müsse man sich jetzt aber beeilen. In deren erstem Teil streichelte ein Mann eher über den Stoff der Kraxe, als diese abzutasten. Teil zwei führte in eine Kabine ohne Fenster, zu einem weiteren Mann, der ein ernstes Gesicht machte und in irgendwas las. Ein Scanner kam zum Einsatz, es piepste gefährlich, der Mann schaute jetzt noch ernster, dann fragte er, ob man "ein Feuerzeug oder so" dabeihabe. Ich verneinte, er nickte, dann perforierte er meine Bordkarte brutal mit einem Stempel: "Security checked", vielen Dank.

Da war dieser kleine Vorhof mit Hühnern im ziemlich abgelegenen Thoche, dahinter ein offenes Eisengatter, ein weiterer Vorhof, ein Tempel anliegend. Schnaufend und sehr langsam schlurfte ein Mönch in Hausschuhen aus einem Nebengebäude, in traditionell weinrotem Gewand und mit nicht ganz so traditioneller Obercoolmütze von Obey. Ohne dass man ein Wort gesprochen hatte, öffnete er die quietschende Tür zu einer Gompa, in der Hunderte Kerzen brannten, ein Ort eigentümlicher Andacht, an dem ich bei aller Weltlichkeit dieser Reise dann fast doch noch einen quasireligiösen Moment erlebt hätte. Von Paraffindämpfen oder etwas anderem erhoben, schwebten wir zurück zum Eisengatter, und so gelassen wie dort den Mönch habe ich nie wieder einen Hausherrn Entgelt eintreiben sehen. Höflich, aber nicht fragend, rieb der Mönch Daumen an Zeigefinger, es war alles sofort klar.

Cornelius Pollmer- Traumreise Annapurna-Gebirge

Eine Bäckerei im Nirgendwo, ab und an kamen früher zumindest Kunden.

(Foto: Cornelius Pollmer)

Da war schließlich die Safari am Ende dieser Reise, an deren Beginn der Nebel so dicht über dem Fluss stand, dass außer der eigenen Hand vor Augen fast überhaupt nichts zu erkennen war, was rückblickend als ein früher Versuch des Tages eingeordnet werden darf, sich in seinen begrenzten Möglichkeiten zu offenbaren.

Eine fast 150-köpfige Reisegruppe aus Indien wurde bei der folgenden Überfahrt priorisiert, bevor es auch für uns in Einbäumen auf die andere Flussseite ging. Der Guide, Binot sein Name, erzählte gleich von den "Big Five" der großen Tiere hier im Chitwan - Elefanten, Rhinozerosse, Bären, Krokodile und Tiger. Für unseren Tag, vielleicht auch für unser restliches Leben, empfahl Binot: "Don't run and don't turn your back", allerdings gebe es im Nationalpark auch Leute, die seit 25 Jahren hier arbeiteten und noch nie einen Tiger gesehen hätten. Dies wiederum hatte die Nationalparkleitung aber aus nachvollziehbaren Gründen bislang nicht davon abgebracht, mit einem solchen Tiger auf großen Plakaten für das eigene Areal zu werben.

Wenn es gut laufe, sagte Binot, träfen wir im Laufe des Tages zumindest auf Ronaldo und Messi, zwei kleine Elefanten. Aber - es lief nicht gut.

Stundenlang zeigte uns Binot angebissene Äpfel (die Affen!) und Fußspuren, immer wieder Fußspuren. Er zeigte uns Vögel und sagte, sie würden dem Rhino folgen, also sei da, wo die Vögel hinflögen, ein Rhino zu sehen. So sprach Binot, und dann gingen wir in eine andere Richtung weiter als jene, in die die Vögel flogen. Dann pikste Binot mit seinem Gehstock in einen Haufen Rhinozerosscheiße und bat uns, daran zu riechen. Und er zeigte uns riesige, mit Brackwasser gefüllte Tritttöpfe, die Spuren der Elefanten.

Vermutlich ist das die Lehre vieler erster Safaris, es braucht Geduld und Glück und vielleicht auch ein exklusiveres Arrangement. Den braundunklen Fellfetzen, der sich am Nachmittag in größerer Entfernung zäh durchs untere Gras schob, haben wir dann sicherheitshalber als Braunbären verbucht, was man vorgibt, gehabt zu haben, hat man. In Erinnerung bleibt auch der Moment kurz darauf, als ein anderer Guide des Weges kam, auf einen Baum kletterte, lange in sein Fernglas schaute und dann behauptete: "Three, very far."

So viele Nashörner seien zu sehen, sagte er, eine ihm nachsteigende und weit professioneller okularisierte Touristin vermochte dies nach intensiver Prüfung jedoch nicht zu bestätigen. Ich nutzte den sehr weiten Moment der Langeweile auf dieser Abenteuerreise, um einen Ortskundigen aus Binots Gefolge zu fragen, wie oft auf diesen Runden wirklich etwas Spektakuläres gesehen werde. Er, knallhart unwiderlegbar: "Sometimes we see, sometimes not", und mehr als das muss man über das Leben am Ende ja auch nicht wissen.

© SZ vom 12.11.2020
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