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Tag der Toten in Mexiko:Es lebe der Tod!

Mexikaner laden jedes Jahr ihre Toten zum Fest - die drei Tage werden zur Feier des Lebens. Davon profitiert auch ein Mumien-Museum.

Sebastian Schoepp

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El dia de los muertos, Tag der Toten in Mexiko, Allerheiligen, Allerseelen

Quelle: SZ

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Als Totengräber muss man einiges aushalten können, aber dieser Anblick war zu viel für die Männer, die am 9. Juni 1865 Grab Nummer 214 öffneten: Anstatt des erwarteten Skeletts blickte ihnen ein bärtiges Gesicht entgegen. Der fast vollständig erhaltene Körper des Toten war gekleidet in eine helle Jacke und gestreifte Hosen, die Arme hielten eine Bibel umklammert. Einer der Arbeiter, so will es die Überlieferung, rannte schreiend davon, der andere sank betend auf die Knie. Sie glaubten, einem Dämon begegnet zu sein. Tatsächlich waren es nur die mumifizierten Überreste des Arztes Remigio Leroy, der vier Jahre zuvor an der Cholera gestorben war.

Dr. Leroy ist sozusagen Begründer des Mumien-Museums der Stadt Guanajuato in Zentralmexiko.

Wanderausstellung der Mumien von Guanajuato. Foto: AP

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Seine war die erste von insgesamt 180 Leichen, die hier zwischen 1865 und 1958 auf dem Santa-Paula-Friedhof exhumiert wurden: Männer, Frauen und Kinder, die das trockene, heiße Klima in knapp 2000 Metern Höhe in ihren Gräbern fast vollständig konserviert hat und die man nun für umgerechnet fünf Dollar Eintritt besichtigen kann. Mexikaner stehen Schlange für das Museum, und nicht nur solche, die ihre eigene mumifizierte Großmutter besuchen wollen. Fast viertausend Besucher kommen täglich - zum Día de los Muertos, zu Allerseelen, sind es noch mehr. Ein gutes Geschäft für die hübsche Kolonialstadt. Die Einnahmen seien höher als die aus der Grundsteuer, sagte Bürgermeister Eduardo Romero Hicks der Lokalzeitung. Deshalb überlegte man, das Museum an die Börse zu bringen.

Die Körper sind auch deshalb so gut erhalten, weil Tote in diesem Teil Mexikos nicht begraben, sondern in siebenstöckigen, gekalkten Krypten über der Erde aufbewahrt werden.

Wanderausstellung der Mumien von Guanajuato. Foto: AP

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Am besten mumifiziert wurde, wer in der Mitte lag und vom Regen nicht nass wurde. Die Haut der Toten ist ledrig, manchmal gibt sie den Blick auf Organe und Muskeln frei, manche Leichen haben noch Augäpfel, Zöpfe, Genitalien. Wer Appetit auf mehr bekommt, kann auf dem Parkplatz von Souvenirhändlern Nachbildungen erstehen - in Form von Süßigkeiten und Backwaren, die reißenden Absatz finden.

Dieser kulinarische, heitere Umgang mit dem Tod ist typisch für Mexiko, wo El Día de los Muertos am 2. November einer der wichtigsten Feiertage ist.

Foto: AFP

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Eigentlich sind es drei: Bereits am 31. Oktober erhebt man den Tod sozusagen in den Stand eines Heiligen, entzündet Kerzen und stößt auf ihn an. Auf Friedhöfen werden farbenprächtige Volksfeste gefeiert. Zu Hause errichtet man ofrendas: Altäre voller Süßigkeiten, die die Toten zu Lebzeiten gerne aßen. Es gibt Pan de Muertos, Totenbrot, Särge aus Marzipan und grinsende Schädel aus Zuckerguss.

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Aus Oaxaca im Süden kommt die Tradition der Alebrijes, bunt bemalter Figuren aus Pappmaché. Francisco Coronel und José Guadalupe Medina Rico basteln sie in ihrer Werkstatt bei Queretaro, unweit von Guanajuato. Es ist ein einfacher Betonbau in der Vorstadt, über und über vollgestellt mit knallbunten Skeletten und Schädeln, aber auch Fußballern, Indios, geflügelten Herzen, Mariachi-Musikern. Bis ins Schlafzimmer stapeln sich die "Träume aus Pappe". Sie verkaufen sie in alle Welt. Im Treppenhaus hängt eine lebensgroße Catrina, ein weibliches Skelett, gekleidet wie eine Tingeltangeltänzerin der Jahrhundertwende mit Federboa und lila Kleid. Sie belegt, dass der Tod in Mexiko auch erotisch ist, la muerte ist weiblich.

Kunstfigur von Adriana Amaya zum Tag der Toten im Britischen Museum, Foto: Getty

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Die Figur der Catrina wurde im 19. Jahrhundert entworfen von dem Karikaturisten José Guadalupe Posada, der so die Oberschicht verhöhnte und die Zensur umging. Den Toten konnte man nichts übelnehmen.

Das alles geht zurück auf die Zeit vor der Eroberung durch die Spanier. Azteken, Mixteken, Zapoteken feierten einen Monat lang, um die Seelen der Toten zu ehren, die ihrem Glauben nach zu diesem Zeitpunkt zurückkehrten.

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Der vor den Nazis geflohene Kunsthistoriker Paul Westheim schrieb im mexikanischen Exil ein Standardwerk über die prähispanischen Kulturen, ihre Vorstellung, dass Leben und Tod einen Kreislauf bilden. Das Leben, so Westheim, sei für die Mexikaner nur eine Übergangsform zu einem anderen, gleichberechtigten Dasein.

Der Direktor des Mumienmuseums von Guanajuato, Juan Manuel Guerrero, sagt: "Wir Mexikaner haben keine Angst vor dem Tod, er erscheint uns so flüchtig wie das Leben selbst."

Figur des heiligen Todes. Foto: AP

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Guerrero ist stolz auf den wissenschaftlichen Wert seiner Ausstellung. Forscher der Quinnipac Universität in Connecticut durchleuchteten die Mumien, um Hinweise auf ihre Todesart zu finden. Gesichter wurden rekonstruiert. "Man kann viel lernen über das Leben der Menschen vor 100 Jahren", sagt Guerrero.

Wanderausstellung der Mumien von Guanajuato. Foto: AFP

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Die meisten waren arm. Eine unterernährte Frau mit einem Fötus ist zu sehen. Sie war um die 40, als sie starb, zu dieser Zeit ein hohes Alter - zu alt, um eine Schwangerschaft zu überstehen. Ein schlimmes Ende nahm Ignacia Aguilar. Sie war Epileptikerin. Nach einem Anfall hielt man sie für tot. Im Sarg muss sie erwacht sein, das schließt man aus den krampfartig verschränkten Armen und den Kratzspuren. Es gibt außerdem einen Mann mit einem Messerstich und einen Erhängten.

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Der Friedhof war 1861 nach einer Cholera-Epidemie eröffnet worden. Die Nachfrage war so groß, dass die Stadt eine Steuer erhob, die viele Hinterbliebene nicht zahlen konnten. Also wurden die Leichen exhumiert. Das Museum existiert seit 1894, als die Friedhofswärter begannen, ein paar Pesos von Besuchern zu nehmen, die die Mumien sehen wollten.

Friedhof in Mixquic, Foto: Reuters

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Inzwischen ist das Museum aufwendig renoviert. 2007 kam der Regisseur Tim Burton, Erschaffer von Filmen wie "Edward mit den Scherenhänden" oder "Mars attacks". Burton, Freund reitender Enthaupteter und anderer Untoter, sagte der Zeitung La Jornada: "Ich habe stets den Traum gehabt, unter die Erde hinabzusteigen, und trotzdem am Leben zu bleiben." Augenzeugen berichteten, Burton habe nach dem Besuch genauso blass und totenhaft ausgesehen wie vorher.

Direktor Guerrero will weg vom Horror-Image. Er findet es wichtig, junge Mexikaner über das Museum an Traditionen zu binden. "Wir wollen unsere Bräuche aus dem Dunkel holen."

Orangefarbene Tagetes sollen den Toten den Weg weisen. Foto: AP

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Und natürlich die Geister der Konkurrenz vertreiben, wie etwa Halloween aus den USA. Derzeit sind 36 Mumien sogar auf Tournee, sie sind im Detroit Science Center zu sehen. "Meet the Mummies", lautet der Titel der Wanderausstellung, die bis 2012 durch die USA tourt. Die Detroit Free Press druckte trotzdem eine Warnung an alle "Mommies" - die Mummies seien nichts für Kinder.

Direktor Guerrero meint jedoch, man müsse sich nicht scheuen, Kinder ins Museum zu führen. Der Eindruck sei ja auch nicht nur negativ. Er selbst hat eine Lieblingsmumie: Eine Galereña, eine Minenarbeiterin, aus der Zeit, als in Guanajuato Silber abgebaut wurde. Sie trägt die Kleidung der Arbeiterinnen, die im Freien das Material trennten. Unter Tage durften Frauen nicht. Für die Bergleute waren die Minen, in die sie einfuhren, weiblich. Sie fürchteten, die Bergwerke könnten eifersüchtig werden und sie verschlucken. Guerrero mag die Mumie wegen ihres seligen Gesichtsausdrucks, mit dem sie in die bessere Welt schied: "Es sieht so aus, als würde sie schlafen."

(SZ vom 31.10.2009/kaeb)

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