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Städtereise:Mit Kraków kann man sich beim Essen versöhnen

Das als Juwel gepriesene Krakau, polnisch Kraków (gesprochen Krakúff), schafft es dagegen nicht zu begeistern. Die Altstadt und das ehemalige jüdische Viertel Kazimierz sind sehenswert - aber eher in der Art eines Themenparks, nicht wegen des urbanen Charmes. Souvenirgeschäft reiht sich an Restaurant mit "traditioneller polnischer Küche", deren Aufreißern man auf Schritt und Tritt ausweichen muss. Normale Läden des täglichen Bedarfs sind nicht zu sehen. Stattdessen sind überall Golfwägelchen auf Stadtrundfahrt unterwegs oder warten auf Kundschaft. Beschreibungen und Erklärungen liefert allerdings nicht der Fahrer, sie kommen in allen möglichen Sprachen vom Band.

Im Dom im Wawel, dem burgartigen Schloss, und auch in der Marienkirche drängen sich die Massen im vorgeschriebenen Rundgang. Vergeblich bitten Schilder um Ruhe. Ein Gefühl der Ergriffenheit stellt sich eher in der weniger besuchten Franziskaner-Kirche ein, deren Wände der Künstler Stanisław Wyspiański um 1900 komplett mit farbenfrohen Pflanzenmotiven im Jugendstil bedeckte. Stiefmütterchen, Löwenzahn, Rosen und Kapuzinerkresse ranken hier über geometrische Muster, als handelte es sich nicht um einen geweihten gotischen Backsteinbau, sondern um einen vornehmen Teesalon.

Dass Kraków eigentlich ein Moloch aus Plattenbausiedlungen und Gewerbegebieten ist, merkt man bei einem Ausflug in das sozialistische Modellviertel Nowa Huta, 25 Straßenbahnminuten von der Altstadt entfernt. Durchs Viertel führen Erklärtafeln: Obwohl es vor Ort weder Eisenerz noch Kohle gab, stampfte das Regime die "Neue Hütte" aus dem Boden. Die Planstadt bot den Arbeitern der Schwerindustrie nicht nur Wohnraum, sondern auch sonst alles Lebensnotwendige - außer Kirchen, denn die Religion sollten sich die Menschen abgewöhnen.

So erfährt man auch einen der Gründe für die überall augenfällige Verehrung des ehemaligen Papstes Johannes Paul II.: Als Erzbischof von Krakau setzte Karol Wojtyła sich in den 1960er Jahren dafür ein, dass die mehr als 200 000 Bewohner von Nowa Huta eine Kirche bekamen. Bei den Demonstrationen dafür gab es sogar Tote. Dann durfte die Arka Pana, die Arche des Herren, 1977 gebaut werden: Wie ein riesiges Schiff aus Waschbeton mit geschwungenem Dach und einem Kreuz als Mast thront sie auf der Kreuzung. Von einem Fenster über einem der Eingänge grüßt Johannes Paul II.

Mit Kraków versöhnen kann man sich beim Essen, vor allem im "Veganic". Das vegetarisch-vegane Restaurant ist die richtige Mischung aus anspruchsvoll und bodenständig, aus schick und entspannt. Es liegt in einem alten Fabrikkomplex, in dem sich eine angesagte Bar an die andere reiht. Das "Veganic" serviert "neue pflanzliche Küche", und dazu gehören vom Fleisch befreite polnische Klassiker wie Żurek, Suppe aus gesäuertem Roggenmehl, oder Gołąbki, Krautwickel, die hier knackig frisch statt zerkocht daherkommen. Natürlich gibt es auch Pierogi. Und zum Nachtisch, im Land der ubiquitären Eisdiele, Halbgefrorenes mit Beeren, das geradezu überwältigend gut ist.

Die letzte Station der Reise ist Zakopane, das Zentrum der Hohen Tatra, den wilden Bergen an der Grenze zur Slowakei. Hier wird klar, warum Kraków voll ist mit ausländischen Touristen und man dort kaum Polen trifft: Die Polen sind alle, wirklich alle in Zakopane. Weniger als 30 000 Einwohner werden jedes Jahr von drei Millionen Touristen überrannt. Dass die meisten angeblich im Winter zum Skifahren kommen, ist schwer zu glauben. Auf der Hauptstraße schieben sich von 9 Uhr morgens bis Mitternacht die Menschen an den Restaurants und Buden vorbei wie auf dem Volkfest. Zwar ist es dank eines Minibus-Systems einfach, zu den Eingängen des Nationalparks und damit in die Natur zu kommen. Doch leider sieht man von ihr wenig. Auf den Wanderungen gilt die Devise: Wenn 30 Sekunden lang kein anderes menschliches Wesen ins Bild läuft, ist es ein einsamer Weg. Das passiert allerdings nicht.

Adressen

POZNAN

Chwirot. Vegetarisches Bistro mit z.B. Pierogi. Rybaki 10

WROCLAW

FC Caffé. Café mit Sojamilch und (auch) veganem Kuchen. Kuźnicza 30

Warzywniak. Kleines Speise-Café außerhalb des Zentrums mit wechselndem Angebot, z.B. Chłodnik. Plac Grunwaldzki 18-20

Vega. Ältestes vegetarisches Restaurant in Polen, inzwischen vegan; polnische Gerichte. Rynek - Ratusz 27a

KRAKÓW

Glonojad. Vegetarisches Bistro. Plac Matejki 2

Café Mlynek. Vegetarisches Café und Restaurant mit z.B. Bigos. Plac Wolnica 7

Veganic. Schickes vegetarisch-veganes Restaurant. Dolnych Młynów 10

ZAKOPANE

Mountain Bar. Bistro mit Pierogi, schlesischen Klößen u.a., vegane Gerichte sind gekennzeichnet. Ulica Weteranow Wojny 2

Der Aufstieg auf den obersten Gipfel des Hausbergs Giewont soll 40 Minuten dauern: 20 hoch, 20 runter. Es dauert dann eine Stunde und 40 Minuten, weil man mit vielen Polen eine dreiviertel Stunde ansteht, um sich an den Ketten über den von Millionen Wanderern glatt geschliffenen Kalkstein nach oben zu ziehen. Oben drängt man sich mit vielen Polen um das Gipfelkreuz, bevor man wieder 40 Minuten ansteht, um sich an Ketten die Abstiegsroute hinunterzulassen. Nein, ungestörten Naturgenuss sucht man hier vergebens. Die Hohe Tatra sollte man in der Hochsaison unbedingt vermeiden. Wer im Frühjahr oder Herbst kommt, hat mehr von der wunderschönen Natur. Und findet selbst in Zakopane eine Milchbar, in der die Bedienung kein Englisch spricht - aber vegetarische und vegane Gerichte klar gekennzeichnet sind.

© SZ.de/ihe/dd
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