Süddeutsche Zeitung

Städtereise:Polen ist ein Paradies für Vegetarier und Veganer

Diese und weitere Überraschungen bietet eine Städtereise von Posen über Breslau und Krakau bis an den Ort, an dem im Sommer alle, wirklich alle Polen zu finden sind.

Von Esther Widmann

Der Polen-Urlaub ist keine zwei Stunden alt, als sich in einem schmucklosen Lokal in Poznań (Posen) die Essenz der kommenden zwei Wochen in einer Szene manifestiert. Das Lokal liegt in einer runtergerockten Seitenstraße im Tiefparterre und ist eine Bar mleczny. Eine Milchbar also, ein vor allem unter dem kommunistischen Regime populäres Gastro-Konzept, das für wenig Geld die Arbeiter versorgen soll. Das Schild an der Treppe nach unten scheint noch aus dieser Zeit zu stammen, verspricht aber immerhin vegetarisches Essen.

Hinter der Theke wartet ein freundliches Paar auf die Bestellung. Die Frage, ob sie Englisch sprechen, verneinen die beiden allerdings. Die sich vegan ernährende Hälfte der ihrerseits des Polnischen nicht mächtigen Kundschaft zögert. Was nun? Die Frau hinter der Theke hat entweder öfter ausländische Kunden. Oder eine phänomenale Auffassungsgabe. Wahrscheinlich beides. Denn als sie das Zögern sieht, holt sie das eine von zwei englischen Wörtern hervor, das sie kennt, und fragt: "Vegan?"

So beginnt die Reise nach Polen mit zwei Plastiktellern voller riesengroßer, dampfender Pierogi, polnischen Teigtaschen, in diesem Fall gefüllt mit Linsen (das zweite englische Wort, das die Wirtin kennt), und mit drei Überraschungen: 1. Nicht alle jungen Polen sprechen Englisch. 2. Das macht nichts, die Verständigung funktioniert trotzdem problemlos. 3. Polen ist ein Paradies für Vegetarier und Veganer.

Das Beste: endlich landestypische Küche!

Der Begriff "Paradies" ist, jeder Vegetarier weiß das, relativ zu sehen. Natürlich ist es nicht so, dass man an jeder Ecke über ein vegetarisches Restaurant stolpern würde. Aber es ist angesichts von wenigen Prozent Vegetariern in der Bevölkerung überraschend, wie groß das Angebot ist - auch in nichtspezialisierten Lokalen. Warschau, das nicht Teil der Reise war, landet sogar auf Platz 3 der Rangliste "Beste Städt für Veganer weltweit" des sehr nützlichen Internetportals Happy Cow, das vegane Angebote auflistet. Dem polnischen Außenminister Witold Waszczykowski gefällt das vermutlich nicht. Er warnte Anfang 2016 in einem Interview mit der Bild vor einer "Welt aus Radfahrern und Vegetariern".

Und das Beste ist: Vegetarier und Veganer bekommen hier endlich etwas von der landestypischen Küche mit. Sonst gibt es, ob in Paris, Kopenhagen oder London, in den fleischfreien Hipstercafés meist Burger oder irgendwas vage Asiatisches. Am Ende des Polen-Urlaubs hingegen umfasst die Liste der probierten Gerichte: kalte Rote-Bete-Suppe (Chłodnik), Sauerkraut-Eintopf (Bigos), Krautwickel (Gołąbki), Krakauer Brotkringel (Obwarzanki), klarer Borschtsch (Barszcz Czysty Czerwony), Schlesische Klöße (Kluski śląskie), Saure Mehlsuppe (Żurek) - und da sind die Pierogi mit allen möglichen Füllungen noch gar nicht mitgerechnet: mit Linsen, mit Spinat, mit Sauerkraut und Pilzen, mit Kartoffeln und Frischkäse, mit Äpfeln und Preiselbeeren.

Poznań hat außer patenten Milchbar-Wirtinnen auch einen historischen Marktplatz (Rynek) zu bieten, der keine Freifläche ist, sondern in dessen Mitte ein Karrée von Gebäuden steht - auch dies, wie das erfreulich gute Essen, ein wiederkehrendes Muster auf der Reise. Die gedrungenen kleinen "Fischhändlerhäuschen", das Rathaus, außerhalb der Altstadt die Kathedraleninsel, wo im 10. Jahrhundert Polen als Staat gegründet wurde - das ist alles hübsch anzusehen, füllt aber kaum mehr als einen Tag.

Zum Glück ist es nicht schwierig, mit dem Zug nach Wrocław (sprich: Wrotzwaff), das ehemalige Breslau, zu gelangen. Im Vorgriff auf die darauffolgende Station Krakoẃ muss man sagen: Wrocław ist die perfekte Mischung. In Poznań bekommt man schnell das Gefühl, hier als Tourist nicht viel verloren zu haben. Kraków ist das andere Extrem und wirkt in der Innenstadt wie ein Disneyland ohne Bewohner.

Wrocław hingegen hat genug touristische Infrastruktur und ist trotzdem zu jeder Zeit eine echte Stadt, in der Menschen leben, arbeiten und einkaufen. Man fängt schnell an zu träumen, einer dieser Menschen zu sein, so schön ist es hier: Als Student ein Auslandssemester in Wrocław verbringen und von den in historischen Gebäuden untergebrachten Bibliotheken in eine der zahllosen Kneipen übersiedeln, um im Gespräch mit Freunden das Polnische zu vervollkommnen. Oder: in einem leerstehenden Jugendstil-Bürogebäude am Markt, dem mit den riesigen Fenstern und der Weltkugel in der Fassade, eine Zeitung gründen. Und nach Redaktionsschluss in die Kneipe, um ... siehe oben.

Von den Wunden, die die Weltgeschichte dieser Stadt geschlagen hat, merkt der Besucher wenig. Weder, dass Breslau 600 Jahre lang zum Deutschen Reich gehörte und erst 1945 mit der Festlegung der Oder-Neiße-Linie Polen zugeteilt wurde. Noch, dass in einer völlig sinnlosen Schlacht am Ende des Zweiten Weltkriegs hier 40 000 Menschen starben und die bis dahin recht unbehelligte Stadt stark zerstört wurde.

Wrocławs Schönheit ist zum großen Teil wiederaufgebaut, aber die Stadt erweckt nicht den Eindruck, in der Vergangenheit festzustecken. Sie ist voll von jungen Leuten. Sie feiern, auch wenn Polens Regierung immer nationalistischer und autoritärer wird. Vielleicht feiern sie auch, dass sie selber mit Rafał Franciszek Dutkiewicz einen pro-europäischen Stadtpräsidenten - das entspricht einem Bürgermeister - haben. Die meisten Wrocławer stehen offenbar hinter seiner weltoffenen Politik: Sie haben ihn schon dreimal wiedergewählt.

Außer der Altstadt mit dem Rynek und vielen Kirchen gibt es auch in Wrocław eine Kathedraleninsel (hier sind die Touristen schon deutlich auffälliger als in der Innenstadt), außerdem eine Synagoge im Hinterhof, eine Markthalle und zahlreiche Museen. Zwischendrin erklärt einem die Bedienung des "FC Caffé" geduldig die korrekte Aussprache von "ein Stück Kuchen bitte" auf Polnisch - es gibt hier nämlich nicht nur Sojamilch, sondern auch einen sagenhaften veganen Schokoladenkuchen. Der Kaffee kommt in einer riesigen Halblitertasse. Und das ist nur die mittlere Größe. Ein veganes Restaurant, das Vega, liegt sogar direkt am Rynek, schließt aber - wie viele Milchbars - schon um sieben Uhr abends.

Mit Kraków kann man sich beim Essen versöhnen

Das als Juwel gepriesene Krakau, polnisch Kraków (gesprochen Krakúff), schafft es dagegen nicht zu begeistern. Die Altstadt und das ehemalige jüdische Viertel Kazimierz sind sehenswert - aber eher in der Art eines Themenparks, nicht wegen des urbanen Charmes. Souvenirgeschäft reiht sich an Restaurant mit "traditioneller polnischer Küche", deren Aufreißern man auf Schritt und Tritt ausweichen muss. Normale Läden des täglichen Bedarfs sind nicht zu sehen. Stattdessen sind überall Golfwägelchen auf Stadtrundfahrt unterwegs oder warten auf Kundschaft. Beschreibungen und Erklärungen liefert allerdings nicht der Fahrer, sie kommen in allen möglichen Sprachen vom Band.

Im Dom im Wawel, dem burgartigen Schloss, und auch in der Marienkirche drängen sich die Massen im vorgeschriebenen Rundgang. Vergeblich bitten Schilder um Ruhe. Ein Gefühl der Ergriffenheit stellt sich eher in der weniger besuchten Franziskaner-Kirche ein, deren Wände der Künstler Stanisław Wyspiański um 1900 komplett mit farbenfrohen Pflanzenmotiven im Jugendstil bedeckte. Stiefmütterchen, Löwenzahn, Rosen und Kapuzinerkresse ranken hier über geometrische Muster, als handelte es sich nicht um einen geweihten gotischen Backsteinbau, sondern um einen vornehmen Teesalon.

Dass Kraków eigentlich ein Moloch aus Plattenbausiedlungen und Gewerbegebieten ist, merkt man bei einem Ausflug in das sozialistische Modellviertel Nowa Huta, 25 Straßenbahnminuten von der Altstadt entfernt. Durchs Viertel führen Erklärtafeln: Obwohl es vor Ort weder Eisenerz noch Kohle gab, stampfte das Regime die "Neue Hütte" aus dem Boden. Die Planstadt bot den Arbeitern der Schwerindustrie nicht nur Wohnraum, sondern auch sonst alles Lebensnotwendige - außer Kirchen, denn die Religion sollten sich die Menschen abgewöhnen.

So erfährt man auch einen der Gründe für die überall augenfällige Verehrung des ehemaligen Papstes Johannes Paul II.: Als Erzbischof von Krakau setzte Karol Wojtyła sich in den 1960er Jahren dafür ein, dass die mehr als 200 000 Bewohner von Nowa Huta eine Kirche bekamen. Bei den Demonstrationen dafür gab es sogar Tote. Dann durfte die Arka Pana, die Arche des Herren, 1977 gebaut werden: Wie ein riesiges Schiff aus Waschbeton mit geschwungenem Dach und einem Kreuz als Mast thront sie auf der Kreuzung. Von einem Fenster über einem der Eingänge grüßt Johannes Paul II.

Mit Kraków versöhnen kann man sich beim Essen, vor allem im "Veganic". Das vegetarisch-vegane Restaurant ist die richtige Mischung aus anspruchsvoll und bodenständig, aus schick und entspannt. Es liegt in einem alten Fabrikkomplex, in dem sich eine angesagte Bar an die andere reiht. Das "Veganic" serviert "neue pflanzliche Küche", und dazu gehören vom Fleisch befreite polnische Klassiker wie Żurek, Suppe aus gesäuertem Roggenmehl, oder Gołąbki, Krautwickel, die hier knackig frisch statt zerkocht daherkommen. Natürlich gibt es auch Pierogi. Und zum Nachtisch, im Land der ubiquitären Eisdiele, Halbgefrorenes mit Beeren, das geradezu überwältigend gut ist.

Die letzte Station der Reise ist Zakopane, das Zentrum der Hohen Tatra, den wilden Bergen an der Grenze zur Slowakei. Hier wird klar, warum Kraków voll ist mit ausländischen Touristen und man dort kaum Polen trifft: Die Polen sind alle, wirklich alle in Zakopane. Weniger als 30 000 Einwohner werden jedes Jahr von drei Millionen Touristen überrannt. Dass die meisten angeblich im Winter zum Skifahren kommen, ist schwer zu glauben. Auf der Hauptstraße schieben sich von 9 Uhr morgens bis Mitternacht die Menschen an den Restaurants und Buden vorbei wie auf dem Volkfest. Zwar ist es dank eines Minibus-Systems einfach, zu den Eingängen des Nationalparks und damit in die Natur zu kommen. Doch leider sieht man von ihr wenig. Auf den Wanderungen gilt die Devise: Wenn 30 Sekunden lang kein anderes menschliches Wesen ins Bild läuft, ist es ein einsamer Weg. Das passiert allerdings nicht.

Adressen

POZNAN

Chwirot. Vegetarisches Bistro mit z.B. Pierogi. Rybaki 10

WROCLAW

FC Caffé. Café mit Sojamilch und (auch) veganem Kuchen. Kuźnicza 30

Warzywniak. Kleines Speise-Café außerhalb des Zentrums mit wechselndem Angebot, z.B. Chłodnik. Plac Grunwaldzki 18-20

Vega. Ältestes vegetarisches Restaurant in Polen, inzwischen vegan; polnische Gerichte. Rynek - Ratusz 27a

KRAKÓW

Glonojad. Vegetarisches Bistro. Plac Matejki 2

Café Mlynek. Vegetarisches Café und Restaurant mit z.B. Bigos. Plac Wolnica 7

Veganic. Schickes vegetarisch-veganes Restaurant. Dolnych Młynów 10

ZAKOPANE

Mountain Bar. Bistro mit Pierogi, schlesischen Klößen u.a., vegane Gerichte sind gekennzeichnet. Ulica Weteranow Wojny 2

Der Aufstieg auf den obersten Gipfel des Hausbergs Giewont soll 40 Minuten dauern: 20 hoch, 20 runter. Es dauert dann eine Stunde und 40 Minuten, weil man mit vielen Polen eine dreiviertel Stunde ansteht, um sich an den Ketten über den von Millionen Wanderern glatt geschliffenen Kalkstein nach oben zu ziehen. Oben drängt man sich mit vielen Polen um das Gipfelkreuz, bevor man wieder 40 Minuten ansteht, um sich an Ketten die Abstiegsroute hinunterzulassen. Nein, ungestörten Naturgenuss sucht man hier vergebens. Die Hohe Tatra sollte man in der Hochsaison unbedingt vermeiden. Wer im Frühjahr oder Herbst kommt, hat mehr von der wunderschönen Natur. Und findet selbst in Zakopane eine Milchbar, in der die Bedienung kein Englisch spricht - aber vegetarische und vegane Gerichte klar gekennzeichnet sind.

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