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Hippe kleine Städteschwestern:Schöne Dänin Aarhus

Kopenhagen / Aarhus

Kopenhagen können Sie gerne 2017 besuchen, wenn Aarhus Kulturhauptstadt und voller als sonst ist. Jetzt aber lassen Sie Kopenhagen mal links liegen.

(Foto: t-lorien - iStockphoto.com/Raymond Thill - Fotolia.com)

Deutsche Dänemark-Touristen steuern oft direkt ihr Ferienhaus oder das Legoland an. Schade eigentlich, denn Kopenhagens lässige kleine Schwester Aarhus ist das perfekte Ziel für einen Städtetrip: entspannt, stilsicher und "hyggelig".

Mit Tausenden anderen vor Museen die Füße platt stehen, an völlig überhöhten Hotelpreisen verzweifeln und das klassische Sightseeing-Programm abspulen? Das muss nicht sein, denn es gibt lohnende Alternativen zu den überlaufenen Tourismus-Hotspots Europas. Kleine Städte-Schwestern bieten viel, zu günstigeren Preisen und ohne Anstehen. Für ein entspanntes verlängertes Wochenende sind sie nicht die zweite, sondern die erste Wahl. Wir stellen wöchentlich die schönsten vor.

Aarhus statt Kopenhagen

Was sind sie lässig, diese Dänen. Ganz entspannt zeigen unsere nordischen Nachbarn, wie man aus Städten Lebensräume macht. Moderne Architektur fügt sich harmonisch zwischen Fachwerkhäuser und Backsteinbauten ein. Eine schon schlafwandlerische Stilsicherheit macht Cafés und Bars zum Traum jedes Innenausstatters. Überall zieren Schrägstriche und Kringel so sympathisch wie formschön die O und die A. Innovativ und inspiriert, aber dabei kein Stück abgehoben präsentiert sich die Kulturszene. Hochwertig und überraschend kreativ ist die Küche. Lässig gestylte Menschen radeln auf dazu passenden Fahrrädern durch die klare, frische Seeluft. Gut, dass die Dänen auch gleich ein eigenes Wort für so viel charmante Nonchalance erfunden haben: hyggelig, was so viel bedeutet wie schön, gemütlich, dufte, ganz famos.

Deutsche Dänemark-Urlauber steuern meist die zahlreichen Ferienhaussiedlungen für ihren Strand- oder Silvester-Urlaub an - und machen höchstens noch einen Abstecher ins Legoland. Schade, so verpassen sie die großartigen Metropolen. Die Hauptstadt Kopenhagen wird von Städtereisenden aktuell als eines der sehenswertesten europäischen Ziele überhaupt gehandelt - weitestgehend unbemerkt vom Gros der Strandtouristen.

Wer der Masse gleich zwei Nasenlängen voraus sein will beim nächsten Wochenendtrip, der fährt gleich nach Aarhus. Die dänische Nummer zwei ist ebenfalls wunderschön und innovativ, ohne dabei ihre Geschichte zu vergessen.

Der Fairness halber gleich vorweg: Einen einzigen Nachteil haben die dänischen Städte. Sie sind relativ teuer, speziell für Essen und Trinken muss ein etwas üppigeres Budget kalkuliert werden. Aber lieber für gute Dinge gutes Geld lassen als in Städten wie Paris oder London für den Hotspot-Faktor zahlen.

Ansehen: Freiluftmuseum und Regenbogen-Aussicht

Die zweitgrößte Stadt Dänemarks schreibt sich jetzt wieder mit Aa statt mit Å - eine nette kleine Geste für Menschen ohne dänische Tatstatur. "Ooahuus" spricht sich die Hafen- und Unistadt, die eine der ältesten Nordeuropas ist. Schon die Wikinger fanden das Fleckchen Jütland in der Århusbucht am Kattegat überaus gut gelegen.

Am besten lässt sich Aarhus zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden. Zwischen April und Oktober bietet die Stadt an zahlreichen Stationen Leihfahrräder an. Diese werden nach dem Einkaufswagen-Konzept mit einem 20-Kronen-Stück entsperrt - gibt man das Fahrrad wieder ab, gibt es auch das Geld zurück. Wer länger aufs Rad setzt, leiht sich eines zum Beispiel für umgerechnet 15 Euro am Tag oder gut 65 Euro in der Woche bei Cycling Aarhus.

75 alte Fachwerk-Häuser aus dem ganzen Land wurden ins Freilichtmuseum Den Gamle By verpflanzt. Nach einer Kutschfahrt durch das Dorf können Besucher den Leuten ins Wohnzimmer und in die Küche schauen. In einer eigenen Bäckerei verkaufen Frauen in weißen Schürzen Gebäck, in einer alten Apotheke reihen sich Fläschchen und Tinkturen und verschiedene Handwerkseinrichtungen sind in Betrieb. Dank der Verkleidungsfreude der Dänen wird so eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert möglich. In zwei weiteren Bereichen werden außerdem die 20er-Jahre und auch die 70er neu zum Leben erweckt. In der Adventszeit gibt es außerdem eine Ausstellung über die Bräuche und Entwicklung des Weihnachtsfests.

Noch weiter in die Vergangenheit geht es im Moesgaard Museum. In einem spektakulären Neubau - das Museum erhebt sich als begehbare Rampe aus der Wiese - wird eine prähistorische Ausstellung zu sehen sein. Die multimediale, interaktive Präsentation eröffnet am 11. Oktober und zeigt das Leben in der Steinzeit bis zu den Wikingern. Rund um das Museum, das etwas außerhalb der Stadt gelegen ist, bildet man sich im Anschluss inmitten schöner Wälder weiter: Der vier Kilometer lange Abenteuer-Lehrpfad "Oldtidsstien" führt entlang von Nachbauten aus der Eisenzeit bis an den Moesgaard-Strand und wieder zurück.

Das Kunstkontrastprogramm gibt es im ARoS, im Kunstmuseum Aarhus. Schon das Gebäude ist spannend. Im Inneren des roten Würfels bieten neun Etagen, die über eine Wendeltreppe oder einen Glas-Aufzug gewechselt werden können, immer neue Aussichten. Besonderes Highlight ist "Your rainbow panorama" - eine Installation des international bekannten Künstlers Olafur Eliasson: Vom Dach aus kann man durch einen begehbaren, im Kreis angeordneten Regenbogen auf die Stadt schauen. Das Museum zeigt vor allem Gegenwartskunst in wechselnden Ausstellungen, aber auch ältere Werke dänischer Künstler. In einem Extrabereich können Kinder selbst kreativ werden.

Frauenmuseum, royale Sommerresidenz und Eisberge

Im Frauenmuseum Kvindemuseet wird die Geschichte der Emanzipation und Frauenbewegung, vor allem aber der Alltag von Frauen über die Jahrhunderte hinweg erlebbar gemacht. Ein weiterer Teil der spannenden Ausstellung widmet sich dem Thema Kindheit.

Nicht nur Dänemarks Hauptstadt, auch Aarhus hat königlich Glamour zu bieten. Im Südwesten der Stadt liegt Schloss Marselisborg, die Sommerresidenz der dänischen Royals. Sind die Königin und ihre Familie zu Gast, findet täglich um 12 Uhr mit großem Tamtam ein Wachaufzug der Königlichen Garde statt. Kein Adel daheim? Auch gut - dann darf nämlich der schöne Schlosspark auch vom niederen Volk besucht werden.

Im Vergleich mit dem Tivoli in Kopenhagen kann der Freizeitpark von Aarhus zwar nicht mithalten, doch auch hier kommen Achterbahn-Fans auf ihre Kosten. Im Tivoli Friheden gibt es mehr als 40 Fahrgeschäfte und Buden, alles ist von der Innenstadt aus zu Fuß erreichbar. Im Winter ist der Tivoli geschlossen, doch von Dezember bis März gibt es dafür auf dem zentralen Bispetorvet-Platz eine kostenlose Eislaufbahn.

Anders als in anderen Städten gehört das Rathaus von Aarhus nicht unbedingt auf die Topliste der Sehenswürdigkeiten. Das Ding ist doch sehr klotzig geraten. In der Domkirke gibt es aber einige schöne Fresken und einen großen Flügelaltar des Lübecker Holzschnitzers Bernt Notke zu sehen.

Besonders schön ist der neue Hafen mit dem "Isbjerget", dem Eisberg. Gerade zum Sonnenuntergang erhebt sich die neu gebaute Skyline wie Packeis verschoben über den Quai. Wer es wie die Einheimischen machen will, schlendert einfach durch die schönen Altstadtviertel und sucht sich später im Universitätspark einen Platz: In der weiten Grünanlage mit zwei Seen lässt sich herrlich ausspannen.

Anbeißen: Smørrebrød und Tapas

Die ideale Stärkung für einen langen Tag liefert das "Emmerys". In dem Café mit eigener Bäckerei gibt es hausgemachtes Bio-Brot, Müsli, Marmeladen aus eigener Herstellung und ein breites Tee- und Kaffee-Sortiment.

Mitten im Quartier Latin, dem französisch angehauchten Viertel von Aarhus, hat das Cafe "Drudenfuss" neben einer warmen Karte auch Frühstück, Brunch und Snacks, wie zum Beispiel sehr reichhaltig belegte Sandwiches im Angebot. Unter einer großen Bahnhofsuhr und vor hohen Rundbögen-Fenstern werden diese an abgeschrammelten schwarzen Tischen verzehrt.

Für Dänemark-Besucher ist Smørrebrød selbstverständlich Pflicht. Nicht nur, weil sich "Smörrebröd" so viel lustiger anhört als Butterbrot. Die dick mit Lachs, Krabben, Käse oder Fleisch belegten Vollkornbrotscheiben sind einfach ein ideales Mittagessen. Wer diese dänische Nationalspeise zelebrieren möchte, geht ins "Den Lille Kro". Dort gibt es zahlreiche hochwertige Varianten mit Heringssalat, Roastbeef oder Garnelen.

Vorwärts, Randale

"La Cabra" ist eine Kaffeebar im nordischen Schick, von der nicht wenige Aarhuser schwören, dass sie den besten Kaffee der Stadt serviert. Die Barista verwenden Bohnen aus eigener Röstung. Dazu ein delikates Törtchen und der Nachmittag ist gerettet.

"Forlæns & Baglæns", also "Vorwärts und Rückwärts", heißt eine kleine Tapas-Bar. Eine Karte im eigentlichen Sinne gibt es nicht, die Tagesgerichte zwischen fünf und zwanzig Euro stehen an Kreidetafeln. Wer mag stellt sich einfach bunt etwas zusammen, dazu einen Wein oder einen Cocktail. Bei gutem Wetter lässt sich an einem der kleinen Tische vor der Tür speisen, bei schlechtem wird es trotz des stylish-schlichten Ambientes drinnen kuschelig.

Das Restaurant "Hærværk" hat erst diesen Sommer eröffnet und sorgt seitdem für tüchtig Randale (übersetzt heißt der Name "Vandalismus"). Das Motto "Nicht das Menü diktiert die Zutaten, die Zutaten diktieren das Menü". Gute Rohstoffe aus regionalem und ökologischem Anbau sollen hier auf den Tisch kommen. Jeden Tag gibt es ein Menü für knapp 50 Euro - wer sich durch die passende Tages-Weine probieren möchte, zahlt noch einmal so viel. Genauso schlicht und wertig wie die Gerichte ist auch die Einrichtung.

Ausgehen: In die Apotheke oder nach Großbritannien

Schon jetzt wartet Aarhus mit einem breiten und abwechslungsreichen Kulturangebot auf - und das wird mit Sicherheit noch größer werden, 2017 wird Aarhus Europäische Kulturhauptstadt. Wichtiges Kulturzentrum ist das "Musikhuset". Das moderne Gebäude mit der großen Glasfront bietet eine ganze Palette von Klassik, über Jazz, Ballett bis hin zu Percussion und Pop.

Am Kanal, dem Åboulevarden, reiht sich eine Kneipe an die andere. Seelenbalsam für alle stilbewussten Szenegänger gibt es in der "St. Pauls Apothek" . Die Bar ist so geschmackvoll eingerichtet, wie das nur Skandinavier hinbekommen. Dunkles Holz, klare Linien, weiß und grau. Hier trinkt man formvollendet Cocktails - oder ordert noch schnell eins der kleinen feinen Gerichte, die der ehemalige Noma-Koch Christian Bøjlund auf den Tisch bringt. So viel Niveau hat seinen (fairen) Preis.

Britischer als in Großbritannien geht es im "Sherlock Holmes Pub" zu. Geblümte Tapeten, Chesterfield-Sofas und ein langer Tresen runden das Ganze ab. Life-Musik, Fußball-Übertragung, Karaoke an Donnerstagen, eine große Bierauswahl, Drinks und eine Raucherlounge runden den Abstecher ins United Kingdom ab.

Feiern mit den Großen

Eine echte Institution ist das "Train". In dem großen Klub treten hochkarätige Musiker und DJs auf, und feiern "die Großen". Tatsächlich kommen hier nur Leute ab 21 Jahren rein. Vor Oberstufenschülern im Party-Modus ist man also sicher.

Das Publikum im "Headquarters" ist jung, hip und lässig. Spielt gerade keine Band life, wird Indie oder Hiphop aufgelegt. Außerdem gibt es Kicker-Tische und dazu noch für dänische Verhältnisse durchaus faire Preise.

Bar, Bühne, Veranstaltungszentrum, Club - das "Studenterhus" in Aarhus ist multifunktional, jung, ein bisschen alternativ. Ein Blick ins Programm lohnt sich auf jeden Fall. Und wer Lust hat auf ein studentisches Publikum und eher knapp bei Kasse ist, kann hier einen entspannten Abend verbringen. Einfach hyggelig.

© Süddeutsche.de/kaeb

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