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Ski-Ort Bansko in Bulgarien:"Wir nennen sie die Unsterblichen"

Im Stadtzentrum wurden einige Gebäude aus der verklärten Blütezeit Banskos hübsch restauriert. Die Geburtshäuser von Neofit Rilski und Paisiy Hilendarski sind heute Museen, ebenso wie das Velyanova-Haus mit seinen bunten Fresken. Sie sind Festungen, gebaut aus Stein und dunklen Balken. Hohe Mauern umfassen ihre Gärten, Schießscharten, vergitterte Fenster und Schutzräume unter Falltüren erzählen von der Angst vor Banditen und vor den osmanischen Besatzern.

Heute sind die Türken wieder da, diesmal als zahlende Gäste. "Wir nennen sie die Unsterblichen", sagt Lubomir Ivanov, 27, ein Snowboardlehrer mit jugendlichem Gesicht. "Viele Griechen, Türken und Israelis sehen hier das erste Mal Schnee und drehen durch." Gerade rast wieder ein Unsterblicher vorbei, Schuss die Piste hinab. "Nicht geradeaus!", brüllt ihm sein Skilehrer hinterher, vergeblich.

Ivanov heißt eigentlich anders. Aber wenn sein richtiger Name in der Zeitung stünde, hätte er Angst, dass seine Skischule und er selbst Probleme bekommen. Viele Skitouristen in Bansko seien Anfänger, sagt Ivanov. "Sie kommen hierher, weil es billig ist." Die Schnäppchen-Urlauber buchen günstige Pauschalreisen, Flug und Skipass inklusive. "Viele haben nicht das Geld, abends aus dem Hotel zu gehen", sagt Ivanov. Deshalb sind die urigen Restaurants im Stadtzentrum mäßig gefüllt. Dabei wäre Bansko gerne ein edler Skiort, das St. Moritz Bulgariens. "Aber der Service ist nicht professionell", sagt Ivanov. Er hat selbst mehrere Jahre für Ulen gearbeitet, bevor er zu einer anderen Skischule gewechselt ist. Nicht im Guten.

"Ulen versucht, ein totales Monopol zu errichten", sagt Ivanov. "Leider gelingt ihnen das so langsam." Einige Skischulen hätten schon aufgegeben, gegängelt von den Regeln des Platzhirschs. Auch deshalb meiden viele Bulgaren Bansko. Die Wohlhabenden fahren lieber in den Alpen Ski. "Bei gutem Schnee ist Bansko das beste Skigebiet Bulgariens", sagt Ivanov. "Aber für ambitionierte Skifahrer gibt es nicht genügend gute Pisten."

Tatsächlich hat man das Skigebiet locker in einem Tag abgefahren. Die meisten Pisten sind blau und rot, die Abfahrt zur Talstation ist ein langer Ziehweg. Eine Ausnahme ist die schwarze Tomba-Piste, eingeweiht von Italiens Slalomidol Alberto Tomba. Steil und eisig stürzt sie zwischen den Bäumen hinab; sie wird nächste Woche von den besten Skifahrerinnen unter die Kanten genommen werden.

"Wir müssen das Skigebiet erweitern", sagt deshalb Tanya Stancheva, eine gepflegte Dame mittleren Alters, die zuständig ist für die wirtschaftliche Entwicklung Banskos. "Wir brauchen die Genehmigung der Regierung für eine zweite Gondel." Ulen würde sofort investieren. "Aber die Umweltschützer werfen uns zwei Schritte zurück, wenn wir einen nach vorne machen. Sie kommen aus der ganzen Welt, um unsere Pirin-Berge zu schützen", sagt sie spöttisch. "Aber wir sind alle sicher, dass die zweite Gondel kommt. Sonst stirbt unser Geschäft."

Alles legal also

Der Ton ist rau geworden in Bansko. Es gibt Demos, Gegendemos und Korruptionsvorwürfe von beiden Seiten. "Sie behaupten, wir würden von Schweizer Skiorten bezahlt, um ihr Image zu ruinieren", sagt Katerina Rakovska vom WWF. Die Naturschützer halten die zweite Gondel für eine Werbemaßnahme, um leer stehende Ferienwohnungen zu verkaufen. Ulen sollte lieber größere Kabinen ans Stahlseil hängen, fordern sie, statt noch mehr Bergwald zu roden.

Denn schon jetzt sei das Skigebiet wesentlich größer als erlaubt - genauer gesagt um rund 65 Hektar zu groß, wie die Staatsanwaltschaft und das Umweltministerium feststellten. Die Konzession sah laut Dokumenten nur 99,55 Hektar vor. Für manche Pisten habe es keine Umweltverträglichkeitsprüfung gegeben, andere seien viel zu breit, wieder andere überhaupt nicht auf dem Flächennutzungsplan vorgesehen - ebenso wie der 15 000 Kubikmeter große Wasserspeicher für die Schneekanonen. Eine Strafe musste Ulen dennoch nicht fürchten. Die Vergehen seien in den Jahren 2002 bis 2007 passiert und damit verjährt, erklärte das Umweltministerium. Ivan Obreykov betont, dass Ulen seine mehr als 60 Prozesse vor Gericht alle gewonnen habe. Alles legal also.

Auch die Unesco sprang den Naturschützern nicht bei. Statt den Pirin-Nationalpark auf die Liste des gefährdeten Welterbes zu setzen und so Druck auf die bulgarische Regierung zu machen, schnitt sie das Skigebiet einfach aus dem Weltnaturerbe heraus. "Die Unesco hat uns sehr enttäuscht", sagt Rakovska. Die Umweltschützer haben sich mittlerweile mit dem Status quo abgefunden. "Die Entwicklung zurückzudrehen ist unmöglich", sagt Rakovska. "Es wäre schon ein großer Erfolg, wenn nicht mehr Lifte und Pisten gebaut würden."

Genau das soll demnächst passieren. Derzeit entwirft eine Beratungsfirma einen neuen Nutzungsplan. Der sieht vor, Bansko mit den Mini-Skigebieten von Dobrinishte und Kulinoto zu verbinden. So soll eine riesige Skiarena mit 333 Kilometern Pisten und Ziehwegen geschaffen werden. Es wäre eines der größten Skigebiete Europas.

Informationen

Anreise: Mehrere Airlines fliegen täglich nach Sofia. Von dort fahren Busse von verschiedenen Stationen nach Bansko. Die Fahrt dauert ungefähr zweieinhalb Stunden, das Ticket kostet 13 Leva (knapp 7 Euro).

Unterkunft: Dank des Baubooms gibt es Zimmer in Hotels und Ferienwohnungen aller Klassen. Wegen der Überkapazitäten sind die Preise oft niedrig. In Pensionen sind Zimmer mit Bad und Frühstück ab zehn Euro pro Nacht zu haben. Diverse Unterkünfte unter www.banskoski.com/de oder www.bansko.org

Skifahren: Der Tagespass kostet 58 Leva (rund 30 Euro), Kinder bis zu zwölf Jahren bezahlen 40 Leva (rund 20 Euro). Die Skisaison dauert in diesem Winter noch bis 6. April.

Informationen: Tourist-Informationszentrum, Vazrazhdane-Platz 4, Bansko 2770, www.banskocity.bg (englisch, infocenter@bansko.bg; Auskünfte zum Skiresort Bansko unter www.banskoski.com/de, Tel.: 00359 749 844 80, E-Mail: info@banskoski.com.