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Ski-Ort Bansko in Bulgarien:Monopoly im Schnee

Bansko, Bulgarien

Bansko wäre gerne das St. Moritz Bulgariens. Die meisten Urlauber kommen jedoch, weil Skifahren hier besonders günstig ist.

(Foto: Samuel Kubani/AFP)

In wenigen Tagen gastiert der Weltcup-Zirkus in Bansko, dem größten Wintersportort Bulgariens. Er soll noch weiter wachsen. Widerstand ist zwecklos.

Ach, der Skizirkus könnte so schön sein. Die Sonne strahlt über den weißen Bergen Bulgariens, Skifahrer kurven die Pisten herab, Bässe dröhnen, eine Go-go-Tänzerin windet sich auf einem rosa lackierten Hummer-Geländewagen. Ivan Obreykov lächelt zufrieden. Wenn nur die Ökos nicht wären.

"Die Grünen sind gegen alles", schimpft der Marketingmanager des Skigebiets Bansko, das im Pirin-Gebirge rund 150 Kilometer südlich von Sofia liegt. "Für sie wäre es das Beste, wenn der Berg frei von Menschen bliebe." Obreykov sitzt in einem der modernen österreichischen Lifte, der ihn hinauf zur Bergstation auf dem Todorka in 2560 Metern Höhe trägt. Er ist 62, war früher Kameramann und ist im Winter jeden Tag hier oben. Um Werbefilme für Bansko zu drehen oder um einfach Ski zu fahren. "Um 15 Uhr gehe ich ins Büro", sagt er. Der Teint ist sein Zeuge.

Bansko war einmal ein kleines Dorf

Es wird wieder mal ein schöner Arbeitstag für Ivan Obreykov. Am Gipfel ist es minus 20 Grad kalt und fast windstill, es hat geschneit, und die 300 Schneekanonen packen noch mal was drauf. Ringsum leuchten die Gipfel des Pirin-Massivs, der Blick fliegt über das Städtchen Bansko im Tal bis hinüber zur Rila-Bergkette. Ende Februar werden hier Weltcuprennen ausgetragen. In weiten Schwüngen carvt Obreykov durch den Schnee, es ist ein Wochentag, nur wenige andere Fahrer sind auf der Piste. Am Wochenende müsste er Slalom fahren zwischen all den Ausflüglern, die aus Serbien, Griechenland, Mazedonien und der Hauptstadt Sofia einfallen.

Bis zu 10 000 Wintersportler drängen sich dann auf den Pisten von Bansko. Das Skigebiet ist aber nur für 6000 bis 7000 Gäste ausgelegt, die Gondel kann maximal 2400 Skifahrer pro Stunde auf den Berg schaufeln. Manchmal warten die Touristen drei bis vier Stunden in der Schlange, bei Minusgraden. Seit vergangenem Jahr fahren Ersatzbusse die Gäste auf den Berg, der Stau an der Talstation ist geblieben. "Deshalb brauchen wir eine zweite Gondel und mehr Pisten", sagt Ivan Obreykov.

Mehr Hotels, mehr Lifte, mehr Skifahrer. "Ein Teufelskreis", sagt Katerina Rakovska. Sie ist 41 und spricht hervorragendes Englisch. Rakovska arbeitet in Sofia für den World Wide Fund For Nature (WWF), der mit einer Koalition von 22 Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Bürgerinitiativen namens "For the Nature" seit Jahren gegen den Ausbau des Skigebiets kämpft. Der Konflikt begann im Jahr 2000, als sich die Firma Ulen anschickte, Bansko zum größten Skigebiet Bulgariens auszubauen. Zuvor war Bansko ein kleines Dorf, Schafe und Kühe trotteten über die ungepflasterten Straßen. Es gab zwei Lifte und zwölf Kilometer Piste. Nun sollten breite Schneisen in den jahrhundertealten Bergwald geschlagen werden.

Den Pirin-Nationalpark hat die Unesco zum Weltnaturerbe erklärt - wegen der Schönheit seiner Bergseen, Schluchten und Nadelwälder, durch die Braunbären und Wölfe streifen. Und wegen der 1315 Pflanzenarten, von denen einige wie das Pirin-Veilchen nur hier wachsen. Die NGOs klagten. Und verloren. Sie hatten sich mit einem mächtigen Gegner angelegt. Diverse Medien berichten, hinter Ulen stehe mittlerweile auch Tseko Minev, zugleich größter Teilhaber an der First Investment Bank und Präsident des Bulgarischen Skiverbandes. Ivan Obreykov bezeichnet dies als Unterstellung.

2003 surrte die erste Gondel hinauf ins Skigebiet, und in Bansko brach das Goldfieber aus. In aberwitzigem Tempo wurden um die Talstation Hotels und Apartmenthäuser gebaut. 20 000 bis 25 000 Gästebetten gebe es nun, schätzt die Stadtverwaltung. Riesige Kästen säumen die Straße von der Stadtmitte zur Gondel, einige mit mehrstöckigen Balkonen wie in Tirol. Viele Fenster sind dunkel.

"Es sieht aus wie eine tote Stadt", räumt Ivan Obreykov ein. "Viele Gebäude stehen leer." Vor allem Briten kauften die Ferienwohnungen. Als die Finanzkrise das Vereinigte Königreich beutelte, verkauften sie wieder. "Jetzt haben wir weniger Briten hier als in der Anfangszeit", sagt Obreykov. Und auch die Russen bleiben diesen Winter lieber zu Hause.

Bansko Ski Resort Draws Foreign Tourists

Bis zu 10 000 Wintersportler drängen sich dann auf den Pisten von Bansko.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Um vor allem in der Nebensaison mehr Urlauber anzulocken, setzt Bansko wie andere Wintersportorte auf Kultur. Das ganze Jahr über gibt es Festivals, von Ballett über Jazz und Oper bis zum Bergfilm. Was Bansko aber von anderen Skiorten mit eingekauftem Kulturprogramm abhebt, ist seine immense Bedeutung für die bulgarische Geschichte.

Das goldene Zeitalter der Stadt war die Ära der nationalen Wiedergeburt im 18. und 19. Jahrhundert. Es war die Zeit, als Neofit Rilski die erste bulgarische Grammatik schrieb und Paisiy Hilendarski die erste Geschichte Bulgariens. Beide wurden in Bansko geboren. Die Stadt lag damals auf der Route der Handelskarawanen von den griechischen Häfen nach Ost- und Mitteleuropa und war eine der wohlhabendsten in Bulgarien. Die Kaufmänner hatten Büros in Wien und Paris und gönnten sich 1835 die damals größte Kirche Bulgariens. Die goldenen Ikonen an deren Stirnseite malten Künstler der in ganz Bulgarien berühmten Bansko-Schule. Damit der osmanische Sultan das Gotteshaus nicht gleich wieder abriss, meißelten sie Halbmonde neben das Kreuz über dem Eingang.

"Wir nennen sie die Unsterblichen"

Im Stadtzentrum wurden einige Gebäude aus der verklärten Blütezeit Banskos hübsch restauriert. Die Geburtshäuser von Neofit Rilski und Paisiy Hilendarski sind heute Museen, ebenso wie das Velyanova-Haus mit seinen bunten Fresken. Sie sind Festungen, gebaut aus Stein und dunklen Balken. Hohe Mauern umfassen ihre Gärten, Schießscharten, vergitterte Fenster und Schutzräume unter Falltüren erzählen von der Angst vor Banditen und vor den osmanischen Besatzern.

Heute sind die Türken wieder da, diesmal als zahlende Gäste. "Wir nennen sie die Unsterblichen", sagt Lubomir Ivanov, 27, ein Snowboardlehrer mit jugendlichem Gesicht. "Viele Griechen, Türken und Israelis sehen hier das erste Mal Schnee und drehen durch." Gerade rast wieder ein Unsterblicher vorbei, Schuss die Piste hinab. "Nicht geradeaus!", brüllt ihm sein Skilehrer hinterher, vergeblich.

Ivanov heißt eigentlich anders. Aber wenn sein richtiger Name in der Zeitung stünde, hätte er Angst, dass seine Skischule und er selbst Probleme bekommen. Viele Skitouristen in Bansko seien Anfänger, sagt Ivanov. "Sie kommen hierher, weil es billig ist." Die Schnäppchen-Urlauber buchen günstige Pauschalreisen, Flug und Skipass inklusive. "Viele haben nicht das Geld, abends aus dem Hotel zu gehen", sagt Ivanov. Deshalb sind die urigen Restaurants im Stadtzentrum mäßig gefüllt. Dabei wäre Bansko gerne ein edler Skiort, das St. Moritz Bulgariens. "Aber der Service ist nicht professionell", sagt Ivanov. Er hat selbst mehrere Jahre für Ulen gearbeitet, bevor er zu einer anderen Skischule gewechselt ist. Nicht im Guten.

"Ulen versucht, ein totales Monopol zu errichten", sagt Ivanov. "Leider gelingt ihnen das so langsam." Einige Skischulen hätten schon aufgegeben, gegängelt von den Regeln des Platzhirschs. Auch deshalb meiden viele Bulgaren Bansko. Die Wohlhabenden fahren lieber in den Alpen Ski. "Bei gutem Schnee ist Bansko das beste Skigebiet Bulgariens", sagt Ivanov. "Aber für ambitionierte Skifahrer gibt es nicht genügend gute Pisten."

Tatsächlich hat man das Skigebiet locker in einem Tag abgefahren. Die meisten Pisten sind blau und rot, die Abfahrt zur Talstation ist ein langer Ziehweg. Eine Ausnahme ist die schwarze Tomba-Piste, eingeweiht von Italiens Slalomidol Alberto Tomba. Steil und eisig stürzt sie zwischen den Bäumen hinab; sie wird nächste Woche von den besten Skifahrerinnen unter die Kanten genommen werden.

"Wir müssen das Skigebiet erweitern", sagt deshalb Tanya Stancheva, eine gepflegte Dame mittleren Alters, die zuständig ist für die wirtschaftliche Entwicklung Banskos. "Wir brauchen die Genehmigung der Regierung für eine zweite Gondel." Ulen würde sofort investieren. "Aber die Umweltschützer werfen uns zwei Schritte zurück, wenn wir einen nach vorne machen. Sie kommen aus der ganzen Welt, um unsere Pirin-Berge zu schützen", sagt sie spöttisch. "Aber wir sind alle sicher, dass die zweite Gondel kommt. Sonst stirbt unser Geschäft."

Alles legal also

Der Ton ist rau geworden in Bansko. Es gibt Demos, Gegendemos und Korruptionsvorwürfe von beiden Seiten. "Sie behaupten, wir würden von Schweizer Skiorten bezahlt, um ihr Image zu ruinieren", sagt Katerina Rakovska vom WWF. Die Naturschützer halten die zweite Gondel für eine Werbemaßnahme, um leer stehende Ferienwohnungen zu verkaufen. Ulen sollte lieber größere Kabinen ans Stahlseil hängen, fordern sie, statt noch mehr Bergwald zu roden.

Denn schon jetzt sei das Skigebiet wesentlich größer als erlaubt - genauer gesagt um rund 65 Hektar zu groß, wie die Staatsanwaltschaft und das Umweltministerium feststellten. Die Konzession sah laut Dokumenten nur 99,55 Hektar vor. Für manche Pisten habe es keine Umweltverträglichkeitsprüfung gegeben, andere seien viel zu breit, wieder andere überhaupt nicht auf dem Flächennutzungsplan vorgesehen - ebenso wie der 15 000 Kubikmeter große Wasserspeicher für die Schneekanonen. Eine Strafe musste Ulen dennoch nicht fürchten. Die Vergehen seien in den Jahren 2002 bis 2007 passiert und damit verjährt, erklärte das Umweltministerium. Ivan Obreykov betont, dass Ulen seine mehr als 60 Prozesse vor Gericht alle gewonnen habe. Alles legal also.

Auch die Unesco sprang den Naturschützern nicht bei. Statt den Pirin-Nationalpark auf die Liste des gefährdeten Welterbes zu setzen und so Druck auf die bulgarische Regierung zu machen, schnitt sie das Skigebiet einfach aus dem Weltnaturerbe heraus. "Die Unesco hat uns sehr enttäuscht", sagt Rakovska. Die Umweltschützer haben sich mittlerweile mit dem Status quo abgefunden. "Die Entwicklung zurückzudrehen ist unmöglich", sagt Rakovska. "Es wäre schon ein großer Erfolg, wenn nicht mehr Lifte und Pisten gebaut würden."

Genau das soll demnächst passieren. Derzeit entwirft eine Beratungsfirma einen neuen Nutzungsplan. Der sieht vor, Bansko mit den Mini-Skigebieten von Dobrinishte und Kulinoto zu verbinden. So soll eine riesige Skiarena mit 333 Kilometern Pisten und Ziehwegen geschaffen werden. Es wäre eines der größten Skigebiete Europas.

Informationen

Anreise: Mehrere Airlines fliegen täglich nach Sofia. Von dort fahren Busse von verschiedenen Stationen nach Bansko. Die Fahrt dauert ungefähr zweieinhalb Stunden, das Ticket kostet 13 Leva (knapp 7 Euro).

Unterkunft: Dank des Baubooms gibt es Zimmer in Hotels und Ferienwohnungen aller Klassen. Wegen der Überkapazitäten sind die Preise oft niedrig. In Pensionen sind Zimmer mit Bad und Frühstück ab zehn Euro pro Nacht zu haben. Diverse Unterkünfte unter www.banskoski.com/de oder www.bansko.org

Skifahren: Der Tagespass kostet 58 Leva (rund 30 Euro), Kinder bis zu zwölf Jahren bezahlen 40 Leva (rund 20 Euro). Die Skisaison dauert in diesem Winter noch bis 6. April.

Informationen: Tourist-Informationszentrum, Vazrazhdane-Platz 4, Bansko 2770, www.banskocity.bg (englisch, infocenter@bansko.bg; Auskünfte zum Skiresort Bansko unter www.banskoski.com/de, Tel.: 00359 749 844 80, E-Mail: info@banskoski.com.