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Sentiero della Pace in Norditalien:Berg der Hoffnung

Sentiero della Pace, Trentino, Italien

Teils an den Felswänden entlang, teils in Tunneln verläuft die Strada delle 52 Gallerie, die als Nachschubweg auf den Monte Pasubio gebaut wurde.

(Foto: Dietmar Mitterer Zublasing/ www.diewanderer.it)

Der "Sentiero della Pace" folgt auf 500 Kilometern dem Frontverlauf aus dem Ersten Weltkrieg. Wer auf den spektakulären Kriegspfaden im Trentino wandert, lernt viel über den Wert des Friedens.

Was für ein Frieden! Die Malga Zocchi liegt da wie eine Alm aus dem Bilderbuch. Ein helles, steinernes Haus in einer sanft ansteigenden Blumenwiese, eingerahmt von saftig grünen Lärchen. Die Kühe machen sich an den Orchideen zu schaffen, während direkt vor dem Haus ein Esel neugierig über den Zaun schaut. Über einem Feuer aus Fichtenholz werden kleine Käselaibe geräuchert, die einen würzigen Duft verströmen.

Aber wenn es nach der Sennerin Graziella Marisa ginge, einer energischen Frau mit rötlich gefärbtem Kurzhaar, dann könnte es hier durchaus ein bisschen weniger friedlich zugehen. "Hier bei uns wird nichts gemacht zum 100. Kriegsjubiläum", sagt sie vorwurfsvoll, "die Tourismusverantwortlichen haben gesagt, wir sollen uns was überlegen - das kann nicht wahr sein, oder?" Schließlich verarbeitet sie hier mit ihrem Bruder und ihrer Tochter täglich die Milch von 22 Kühen zu verschiedensten Käsesorten und bewirtet Gäste mit Polenta oder Gnocchi, da kann sie sich nicht auch noch einen Kopf um Gedenkveranstaltungen machen, oder? Auf der Alm, über die die Front verlief, wurde 1916 der italienische Nationalheld Cesare Battisti gefangen gehalten, bevor ihn die Österreicher nach einem Schauprozess in Trient hinrichten ließen.

Familie, am Sentiero della Pace, Italien

Familie Marisa bietet auf der Malga Zocchi Käse an.

(Foto: Gasser)

Die Malga Zocchi liegt an der nördlichen Seite des Monte Pasubio, eines karstigen Felsmassivs, das sich südöstlich von Rovereto erstreckt und dessen Name in ganz Italien untrennbar mit der "Grande Guerra", dem Ersten Weltkrieg, verbunden ist. Denn am Monte Pasubio verstrickten sich zwischen 1916 und 1918 italienische Alpini und österreichisch-ungarische Kaiserjäger in einen brutalen Stellungskrieg, der allein auf dem Gipfelplateau des Berges 10 000 Tote und ein Vielfaches an Verwundeten gefordert hat. Der Berg ist auf allen Seiten durchzogen von alten Militärstraßen und Maultierpfaden, oft spektakulär in den Fels gehauen, mit vielen Tunneln, die die Soldaten vor feindlichen Angriffen schützen sollten. Auf diesen Pfaden verläuft ein Abschnitt des "Sentiero della Pace", des Friedensweges, der circa 500 Kilometer von der Marmolada im Osten über den Monte Pasubio im Süden bis zum Stilfser Joch im Westen reicht, einmal durchs Trentino, das damals Welschtirol hieß - immer an der Frontlinie entlang, an der sich Soldaten Österreich-Ungarns und des italienischen Königreichs gegenüberlagen.

Bevor die Frontlinie zu einem Weg des Friedens und Gedenkens werden konnte, war sie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ältere Arbeitnehmer, wie Claudio Fabbro erzählt, einer der Initiatoren des Sentiero della Pace. Fabbro ist bei der Landesverwaltung des Trentino für Wege und Hütten zuständig. "Mir kam 1986 die Idee, die Arbeitslosen zur Sanierung und Markierung der alten Kriegspfade einzustellen." Das versöhnende Element sei dann hinzugekommen: "Wer auf diesem Weg wandert, vorbei an Schützengräben, Festungen und Kriegsüberresten, kommt zwangsläufig ins Nachdenken", so Fabbro. In den vergangenen Jahren wurde der Weg etwas vernachlässigt, die Markierung mit der gelben Friedenstaube war kaum noch zu sehen. Doch zurzeit, versichert Fabbro, würden die Markierungen erneuert.

Der spektakulärste Wanderweg auf den Monte Pasubio, die "Strada delle 52 Gallerie" (Straße der 52 Tunnel) gehört streng genommen gar nicht zum Friedensweg, lohnt aber den Aufstieg allemal. Markierung bräuchte es hier keine, denn an Wochenenden im Sommer muss man nur immer der Masse nachgehen, so beliebt ist der Weg, der von Süden auf das Bergmassiv führt. "Auf jedem Schritt siehst du hier den Wahnsinn und die Mühen des Krieges", sagt Michele Zandonatti und geht mit Stirnlampe durch die ersten Tunnel voran. Der 46-Jährige ist Wanderführer und Experte in Sachen Grande Guerra. Seit Jahren erforscht, säubert und vermisst er die vielen Tunnelsysteme, die von beiden Kriegsparteien in den Kalk des Massivs getrieben wurden. "Schon als Kind haben mich die Erzählungen der Alten über den Krieg in den Bergen fasziniert." Er habe wissen wollen, was genau an den verschiedenen Orten passiert sei und weshalb. "Als ich Bücher gelesen und nachgeforscht habe, wurde mir klar, dass manches von dem, was erzählt wurde, gar nicht stimmen konnte."