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Sansibar und die Corona-Krise:Plötzlich Ruhe an den weißen Stränden

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Wegen solcher Strände kommen im Jahr 500 000 Urlauber nach Sansibar, vor allem Italiener und Deutsche. Zurzeit sind sie leer.

(Foto: imago/Westend61)

Die ersten Infizierten auf Sansibar waren Deutsche. Nun schottet sich die Urlaubsinsel gegen Touristen ab, um sich selbst zu retten - und rätselt über die Zukunft.

Als die Touristen verschwanden, eröffnete die "Lazziz"-Bäckerei. Plötzlich roch es nach frisch gebackenem Brot auf dem mit Schlaglöchern übersäten Vugaplatz in der Altstadt Stone Town, wo sonst abgemagerte Katzen in Straßenabfällen wühlen. Vor der Bäckerei, die Hühnchenpasteten und Mini-Pizzen zu erschwinglichen Preisen anbietet, wartete eine Schlange von Einheimischen, viele mit Kindern auf dem Arm. Sie standen nicht dicht gedrängt, aber auch nicht ganz im 1,5-Meter-Corona-Abstand, über den auch auf Sansibar in den vergangenen Tagen überall informiert worden war. "Es war reiner Zufall, dass wir mitten in der Corona-Krise eröffnet haben", sagt Jungbäcker Hasham Alnoor, 26, ein typischer Sansibarer mit afrikanisch-indisch-arabischen Wurzeln.

Der kosmopolitische Archipel 40 Kilometer vor der Küste Tansanias, derzeit das am stärksten wachsende Tourismusziel Afrikas, hatte seinen Tag X am 18. März - als der erste Corona-Fall offiziell verkündet wurde. Zehn Tage später gab es auf Sansibar mit 1,4 Millionen Einwohnern amtlich immer noch erst drei positiv getestete Fälle, in ganz Tansania 13, in Ostafrika unter 100; die Dunkelziffer sei aber hoch, vermutet die deutsche Botschaft in Daressalam. Das Virus ist in Afrika angekommen.

"Corona, Corona", rufen Halbwüchsige den verbliebenen Weißen nach, denn das haben sie, kurz bevor die Schulen auch hier schlossen, noch gelernt: Anders als bei Ebola und Aids ist diesmal nicht Afrika die Wiege einer Angst machenden Krankheit, die Gefahr kommt aus China und Europa.

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Jetzt sind nur wenige Menschen, meist Einheimische, an den Stränden Sansibars unterwegs.

(Foto: Bernd Bieder / imago / imagebroker)

Die ersten beiden Infizierten auf Sansibar waren Urlauber aus Deutschland, die dritte Betroffene ist angeblich die aus England zurückgekehrte tansanische Energieministerin Salama Talib. Sie soll sich laut Zeitungen nicht an die vorgeschriebene Quarantäne gehalten und weitere Personen angesteckt haben. Alle Fälle bisher seien "importiert", den Patienten gehe es gut, betonte Sansibars Gesundheitsminister Hamad Rashid Mohamed. Schon Anfang März hatte die Regierung alle italienischen Charterflüge gestrichen. Italiener stellen neben Deutschen die meisten der 500 000 jährlichen Touristen auf der Ferieninsel. Am vergangenen Wochenende kam dann das Aus für alle internationalen Flüge.

Die Abschottung gegen Touristen, um sich selbst zu retten, hat unabsehbare finanzielle Folgen. "Wir rechnen mindestens mit 50 Prozent Einbußen", sagen Hoteliers. Sansibar lebt vom Tourismus, an dem 70 000 direkte Arbeitsplätze und 80 Prozent der Deviseneinnahmen hängen. Jetzt gibt es zwei Szenarien: Entweder bleibt die Insel durch frühes Eingreifen von der Pandemie weitgehend verschont oder es kommt aufgrund eklatanter medizinischer Unterversorgung und räumlicher Beengtheit erst recht zur Katastrophe. In Ost- und Südafrika leben allein 20 Millionen HIV-Infizierte.

Überraschend "schnell und gut" habe das seit 1964 als teilautonomer Inselstaat zu Tansania gehörende Sansibar auf die Corona-Gefahr reagiert, sagt die deutschstämmige Ärztin Jenny Bouraima, die seit sechs Jahren auf der Insel praktiziert. Das Virus war kaum angekommen, da hatte sich die Gewürzinsel bereits verändert: leere Gassen in der von Souvenirhändlern bevölkerten Altstadt. Das Luxushotel Park Hyatt: "wegen Corona geschlossen". Eine 14-tägige obligatorische Quarantäne für alle noch Einreisenden wie etwa Rückkehrer, selbstgebastelte Handwaschstationen mit Wasserbehältern und Seife etwa vor dem Supaduka-Supermarkt im Kitesurfing-Ort Paje und an der St.-Joseph's-Kathedrale in Sansibar-Stadt. Noch im kleinsten Dorfkiosk stehen Desinfektionsmittel für Kunden. Fahrer von Boda-Bodas, den Motorradtaxis, knattern mit Gesichtsmasken über staubige Straßen.

Hotels unterrichten indes Social Distancing für Kellner - wie man die vereinzelten Gäste, meist Langzeittouristen oder hier lebende Ausländer, "mit Abstand bedient und ohne Interaktion Zimmer reinigt", erklärt Lisenka Beetstra, Generalmanagerin der Emerson-Hotels.

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Dachterasse des Teehauses Emerson über der Altstadt Stone Town: Kellner werden nun in social distancing geschult.

(Foto: imago / imagebroker)

Monsunregen, Nebensaison, Corona-Angriff und die Ramadan-Fastenzeit - diesmal kommt im April und Mai alles zusammen. Schwärzeste Wolken türmen sich über der Insel, setzen die Unesco-geschützte Altstadt regelmäßig unter Wasser. Für die Hotelbranche ist die Zeit sonst eine Verschnaufpause, nun mit unbestimmtem Ende. Der Reiseveranstalter Ali Amour von Fisherman Tours, dem örtlichen Tui-Partner, sagt: "Dank verbesserter Corona-Hygiene könnten wir zum ersten Mal ohne Cholera durch die Regenzeit kommen." Laut WHO starben in Sansibar 2015 bis 2018 mehr als 500 Menschen an Cholera. Bis vor wenigen Tagen war Veranstalter Amour im Großeinsatz, bugsierte, unterstützt von örtlichen Gepäckträgern, die letzten 600 deutschen Urlauber am winzigen Abeid-Amani-Karume-Flughafen in vier Maschinen der Condor, darunter Gäste, die noch kurz vor der globalen Reisewarnung in den vermeintlichen Traumurlaub gestartet waren.

Seit dem Abflug der meisten Touristen herrscht plötzlich Ruhe an den weißen Stränden. Einheimische Frauen und Kinder graben im Sand nach winzigen Essmuscheln; geräuschlos gleiten Dhau-Segelboote auf abendlichen Fischfang. Wird der Tourismus zurückkommen? "Die Psyche der Urlauber wird den Ausschlag geben", glaubt Ali Amour: "Will man nach überstandener Corona-Krise nichts wie weg aus Europa oder im Gegenteil lieber zu Hause bleiben und auf keinen Fall in ein unsicheres afrikanisches Land?" Hoteliers befürchten, das gesamte Jahr abschreiben zu müssen. Wie Simon Beiser, Juniorchef des Familienhotels Blue Oyster, zahlen die meisten ihre Belegschaft trotz leerer Betten noch weiter. "Vielen Hoteliers wird bald das Bargeld ausgehen", sagt Maciek Zielinski, der polnische Manager der expandierenden Jambiani Villas.

Es wird viel spekuliert in diesen Tagen auf Sansibar, das angeblich nur über sechs Beatmungsgeräte verfügt, von denen drei defekt seien, wie gemunkelt wird. Könnte Chloroquin, ein bekanntes Malaria-Mittel, gegen Corona helfen, wie manche Studien nahelegen? "Reine Spekulation", sagt Jenny Bouraima. Demografisch könne das junge Land - zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 25 Jahre - durchaus im Vorteil sein, meint die Ärztin, jedoch seien auch junge Menschen teilweise vorbelastet, und Krankheiten wie Malaria, die jährlich allein in Tansania 20 000 Todesopfer fordert, dürften nicht vernachlässigt werden.

Tansanias Gesundheitsministerin Ummy Mwalimu hat indes schon mal gut ausgestattete Hotels im ganzen Land als Quarantänestationen benannt. Preis pro Bett und Nacht bis zu 100 Euro, vom Eingewiesenen selbst zu zahlen. Die ersten 111 Betten sind belegt.

© SZ vom 02.04.2020/ihe
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