Städtereise in Russland Sankt Petersburg, plötzlich hip

Das Anti-Café "Zifferburg" im Golizyn-Loft: Hier wird nach Zeit bezahlt.

(Foto: Paul Katzenberger)

Mit seinen Zarenschlössern ist Sankt Petersburg schon lange ein Touristenmagnet. Doch nun beleben junge Kreative das Stadtbild - man muss allerdings wissen, wo.

Von Paul Katzenberger

Als der Gast einen Gin Tonic bestellt, findet das sofort das Interesse von Ilja und Jegor. Die beiden Twens aus Sankt Petersburg beginnen an diesem frühen Freitagabend gerade entspannt ihr Wochenende bei einem Kneipenbier im Golizyn-Loft. Mit fremdländischem Akzent haben sie hier noch niemanden etwas ordern gehört: "Wie haben Sie hierher gefunden?", fragen sie den Ausländer erstaunt.

Selbst für Einheimische ist der Golizyn-Loft noch relativ neu. 2016 zogen etwa 60 kreative Kleinbetriebe in das geschichtsträchtige Altstadtpalais am Fontanka-Ufer 20: Im Jahr 1790 war es für den Diplomaten und Mineralogen Dmitrij Golizyn errichtet worden, hier ging einst die aristokratische Gesellschaft Sankt Petersburgs ein und aus. Über die Jahrhunderte kam das Gebäude herunter, doch nun beleben die neuen Betreiber das alte Gemäuer rund um den geräumigen Innenhof wieder.

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Noch wirkt vieles provisorisch, denn saniert wird nur, wo akuter Bedarf besteht. Dennoch haben sich zahlreiche Lokale wie der "Underground Kebab Store", das "Bombay Café" oder die Sushi-Bar "Bomu" breitgemacht. Bars wie "Stille Wasser" ("Tichij Omut") oder "Schläger" ("Skandalist") wollen schon durch ihre Namen klarstellen, dass sie irgendwie anders sind. Für das Café "Doris Day" gilt das nicht unbedingt, dafür liegt es gleich neben einem der bekanntesten sogenannten Anti-Cafés Sankt Petersburgs, der "Ziferburg" (kyrillisch: Цифербург).

In Anti-Cafés zahlt der Gast nicht pro Kaffee und/oder Kuchen, sondern nach verbrachter Zeit. Eine Minute kostet in der "Zifferburg" drei Rubel, das heißt für eine Stunde fallen umgerechnet 2,50 Euro an. Alles, was konsumiert wird, ist in diesem Preis inbegriffen - ebenso wie das gemütliche Ambiente der zwei Altbau-Säle, in denen auch Veranstaltungen und Konzerte stattfinden.

Noch mehr geistige Nahrung bieten im Golizyn-Loft die Galerien "Auf gemeinsame Kosten" ("W Skladtschinu") oder "Herrenhaus 39" ("Pomest'e 39"), dort lassen sich Besucher von junger Kunst aus Sankt Petersburg inspirieren. Die Boutique "Tykva Store" betreibt im Golizyn-Loft eine ihrer vier örtlichen Niederlassungen. Sie arbeitet an dem Ruf, erste Adresse für Avantgarde-Mode in Sankt Petersburg zu sein, schließlich werde sie von mehr als 50 Designern aus ganz Russland beliefert. Auch Friseure, Tattoo- und Brillenläden sind auf dem Gelände untergekommen, modern übernachten kann man im Kapsel-Hostel "Your Space".

Stolz auf das Neue

Russisch-Kenntnisse sind hilfreich: Weil ausländische Urlauber eben noch selten hierher finden, sind die Betreiber der Bars, Restaurants und Shops nicht auf sie eingestellt. Dabei sind touristische Anziehungspunkte wie die Blutskirche und das Russische Museum nur wenige Gehminuten entfernt. Doch das kleine, verfleckte und in die Jahre gekommene Eingangstor übersehen die meisten Reisenden, die hier vorbeikommen.

Bescheidenes Portal: Eingang zum Golizyn-Loft.

(Foto: Paul Katzenberger)

Ilja und Jegor finden das schade: Sie würden sich gerne mehr mit Ausländern austauschen. Dazu haben Russen häufig nicht so oft Gelegenheit wie Menschen in Westeuropa. Wer mit Einheimischen ins Gespräch kommen will, aber kein Russisch versteht, kann bei vergleichsweise moderaten Preisen auf die Dienste der Reiseführer zurückgreifen. Eine von ihnen ist Olga Vanyashova, die nahezu täglich Besuchergruppen aus Deutschland das klassische Sankt Petersburg mit seinen Schlössern und Kunstsammlungen präsentiert. Da macht es der 32-Jährigen Spaß, Touristen auch mal diese neue Seite der Stadt zu zeigen: "Wir sind stolz darauf, dass es diese innovativen Lebensweisen nun auch bei uns gibt", sagt sie.