Urlaubstrend in Russland Sehnsucht nach dem sibirischen Sommer

Ein Fan der alten Kultur: Ivan Ostrowanski steht in Kosakentracht vor der Kapelle der Palisadensiedlung Semiluzhenskij Ostrog.

(Foto: Anja Martin)

Offen, glücklich, feierfreudig - so schätzen Russlands Städter die Menschen auf dem Land ein. Diese Nostalgie macht den Urlaub in Sibirien attraktiv.

Von Anja Martin

Das Salz klumpt schon, das Brot hält sich noch wacker. Wladimir Fjodrowitsch Iljin und seine Frau Gela stehen unverdrossen im Unwetter und begrüßen ihre Gäste. Ganz traditionell, mit Brot und Salz. Jeder soll vom Laib abreißen und den Ranken in Salz tunken - für Freundschaft und gegen böse Geister. Nicht einmal der Zar hätte es gewagt, Brot und Salz abzulehnen, sagt man. In seiner Kosakentracht scheint das Rentnerpaar eine Projektion aus alten Zeiten zu sein. Während den Besuchern das Wasser über den Kapuzenrand rinnt, stehen die beiden Sibirier ungeschützt und trotzdem wie imprägniert im Wolkenbruch, der aufgeweichte Boden quatscht. Möglicherweise macht man sich in Sibirien generell nicht so viel aus dem Wetter? Immerhin hat es Plusgrade.

Hinter der Szene geht es hinein in eine Palisadenfestung mit Ziehbrunnen und Kapelle. Man könnte Semiluzhenskij Ostrog, rund 20 Kilometer außerhalb der 500 000-Einwohner-Stadt Tomsk im südlichen Westsibirien als Freilichtmuseum bezeichnen, aber es ist in erster Linie Wladimirs und Gelas Zuhause, das der ehemalige Polizist aus dem Holz der Taiga errichtet hat. Voller Liebe zu den slawischen Wurzeln und der Kultur der Kosaken, die solche gesicherten Ansiedlungen einst gegen Angriffe der Nomaden bauten. Die beiden leben tatsächlich hier, sommers wie winters, mit Kind und Enkeln. Im Nachhinein weiß Wladimir Iljin die staatlichen Stellen auf seiner Seite, man zahlt ihm ein Gehalt. Schließlich tut es auch dem Tourismus gut, sich auf Traditionen zu besinnen. Unendliche Weite und unzählige Birken allein können Besucher nicht hinter den Ural locken. 2000 bis 2500 Menschen kommen bereits jährlich in Wladimirs Festung. Besonders beliebt ist es, hier nach altem russischem Ritus zu heiraten.

Den Eingang zur hölzernen Kapelle flankieren heute zwei Kosaken mit schwarzen Hosen, rotem Umhang und Schwertern. Der links vom Portal ist Ivan Ostrowanski, 25 Jahre alt. Stolz und stoisch stiert er durch die Regenfahnen. Warum er das macht? Er sei ein Fan der alten Kultur, sagt er einfach. Was gibt es da noch zu erklären? Später wird er das 20-Kilo-Kettenhemd ablegen und zurück nach Tomsk fahren, in sein Alltagsleben als Geschichtslehrer. Die Menschen hätten ein steigendes Interesse an Traditionen, bestätigt eine junge Frau mit Rock und Kopftuch, die normalerweise im Museum für slawische Kultur arbeitet. Jetzt steht sie am Tischende in einer niedrigen Hütte mit gemütlichem Holzofen und zeigt den Besuchern, wie sie hier aus Wollfäden und zwei Holzspießen Talismane gegen den bösen Blick weben. "Die eigenen Wurzeln finden", sagt sie, "wir denken nicht, dass das veraltet ist."

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Schuld sind immer die Amerikaner

Ein 14-Jähriger, ganz neuzeitlich im Kapuzenshirt, sitzt auf dem, was einmal die Beine eines mannshohen Bären werden sollen, treibt dem Holzblock mit Stemmeisen und Gummihammer Konturen in den Leib. Die Älteren stimmen zum Akkordeon Volksweisen an. Aus aktuellem Anlass auch eine, die aus der östlichen Ukraine hierher kam. "Wir fühlen mit unseren Brüdern und Schwestern", schicken sie, dem slawischen Gedanken verbunden, vorneweg. Der Konflikt mag mehr als 3000 Kilometer Luftlinie entfernt sein, doch er ist auch in Sibirien präsent - auf den Fernsehbildschirmen, in den Köpfen, in Gesprächen. Die meisten hier denken nach wie vor im alten Ost-West-Feindbild: Schuld an allem sind die Amerikaner. Solche politischen Sichtweisen muss man aushalten können, wenn man die Region besucht.

Aufgenommen wird der Gast aus dem Westen dennoch sehr herzlich. Wladimir sagt: "Wollt ihr nicht über Nacht bleiben? Wir graben ein paar Kartoffeln aus und kochen gemeinsam. Einfach, aber gut. Das haben wir oft so gemacht." Überall wird für Besucher gesungen und getanzt, mit ihnen gegessen, getrunken und gebastelt. Sei es im Museum, im Park, auf dem Gutshof. Die verschüttete Kultur und die alten Traditionen, die den Russen seit dem Ende der Sowjetzeit wieder so ans Herz gehen, sollen erfahren werden, nicht begafft. Für Wladimir Iljin ist das, was er macht, denn auch kein Schauspiel und keine Folklore. Es ist sein Leben, "nichts, das man abnimmt und aufsetzt wie eine Perücke".

Dass die Grenze zur Folklore dennoch fließend ist, stört kaum. Im Dorf Tscheposch, am Fuß des Altaigebirges, warten Frauen in bunten Kleidern, winken hinein in ein pittoreskes Haus mit unzähligen Püppchen an den Wänden. Die sind nicht etwa Dekoration. Sie hüten, helfen, unterstützen und sagen vorher - jede hat eine Aufgabe, so sehen das die Frauen. Die Puppen haben keine Gesichter: Sie sollen die Seelen der Betrachter nur spiegeln, sie nicht stehlen. Viel erzählen Olga, Svetlana und Tamara über die Charaktere der Puppen, ein Universum an Aberglauben für den Hausgebrauch wird ausgebreitet.