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Rio de Janeiro:"Typisch, diese Kolonialmentalität"

Impressionen aus Brasilien

Rio von oben

Sie ist die Urenkelin des Konstrukteurs und Erbauers der Christusfigur, die inzwischen eher ungewollt, wie sie sagt, zu ihrer Passion geworden sei. Erst als ihre Familie zur offiziellen Feier anlässlich des 50. Jahrestages des Monuments eingeladen war, habe sie überhaupt davon erfahren, was sie mit dem Christus vom Corcovado verbindet. Bis dato hielt sich die Mär, die Figur sei ein Geschenk Frankreichs anlässlich der Unabhängigkeitsfeier Brasiliens gewesen und deshalb auch von einem Franzosen entworfen worden.

"Typisch, diese Kolonialmentalität", sagt Márcia. "Uns Brasilianern mangelt es noch immer an Selbstwertgefühl. Wenn etwas großartig ist, denken die Leute hier, das muss ja aus dem Ausland kommen." Bel nickt. Fünf Jahre hat sie gebraucht, bis sie alle Verträge und Pläne aus den Archiven zusammengetragen hatte, um zu belegen, dass dem nicht so ist. Die 45-Jährige ist Dokumentarfilmerin, und natürlich hat sie inzwischen zahlreiche Filme und Ausstellungen vor allem einem gewidmet: der Erlöserstatue vom Corcovado. "Den Kopf und die Hände hat mein Urgroßvater tatsächlich in Paris bei dem Bildhauer Paul Landowski in Auftrag gegeben. Das ist aber die einzige Verbindung, die es nach Frankreich gibt."

Kopf und Hände wurden in mehr als 50 Teile zerlegt, nach Rio verschifft und auf dem Corcovado zusammenmontiert. Im Film sieht man in alten wackeligen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, wie die Menschen mit Bettlaken durch die Straßen gehen, um Geld für die Christusfigur zu sammeln, das ihnen manche Leute direkt aus dem Fenster ins aufgehaltene Laken warfen. Das im Wortsinn aus dem Fenster geworfene Geld sollte den Bau an der Figur vorantreiben, die zur Unabhängigkeitsfeier nicht rechtzeitig fertig geworden war. "Auch die Archivaufnahmen beweisen, dass es eben kein Geschenk Frankreichs war", sagt Bel.

Am anderen Morgen ist Márcia bereits wieder mit Schönheitskorrekturen am Christus beschäftigt.