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Rhône bei Avignon:Willkommen in der großen Familie

l'île de la Barthelasse de la ville d'Avignon

l'île de la Barthelasse: Auf der Flussinsel in der Rhône zählen Familie und Freunde noch.

(Foto: bunyos - Fotolia)

Stadt, Land, Fluss: Gegenüber von Avignon erstreckt sich die Île de la Barthelasse in der Rhône. Hier suchen die Städter das einfache Landleben.

Wann sie zur Pensionswirtin geworden ist, weiß Olga Manguin nicht. "Wir hatten immer schon Gäste", sagt die 76-Jährige, eine Dame mit rauchiger, warmer Stimme. Irgendwann jedenfalls haben sie und ihr Mann dann nicht mehr nur Freunde beherbergt in ihrem Haus auf der Île de la Barthelasse, einer Flussinsel in der Rhône auf der Höhe von Avignon, sondern auch Fremde. Aus diesen sind inzwischen längst ebenfalls Freunde geworden.

Als vor einigen Monaten Olga Manguins Mann gestorben ist, haben all ihre Stammgäste angerufen, um sie zu trösten, sagt die Provençalin. Und ein befreundetes Paar aus Düsseldorf, das seit 25 Jahren bei den Manguins Urlaub macht, ist angereist und einige Zeit bei ihr geblieben, "damit ich nicht so alleine bin", sagt Olga Manguin: "C'est la famille." Die Gäste sind Teil der Familie.

Viel scheint sich tatsächlich nicht geändert zu haben, seit aus dem steinernen Wohnhaus, das im 18. Jahrhundert gebaut wurde und früher einmal eine kleine Farm war, L'Anastasy geworden ist. Ein Landhaus mit fünf Gästezimmern mitten auf dieser lang gestreckten Rhône-Insel, ein wenig versteckt zwischen Feldern und Wäldern, und doch gut zu finden.

Sie schätzt das Familiäre, den Wert von Freundschaften über alles und hat sogar zwei Bücher geschrieben, "Pourquoi avons-nous fait l'amour" und "La tarte aux petits riens", die sich unter anderem mit der Familiengeschichte befassen. Entsprechend bedauert Olga Manguin, dass das Familiäre etwas verloren gehe. "Die Ruhe, die Lebensqualität, das Vogelgezwitscher", das sei alles genauso wie früher. Nur der Zusammenhalt lasse nach. Wobei die beinahe acht Kilometer lange Île de la Barthelasse ihren ländlichen Charakter allemal bewahrt hat, obwohl sie letztlich Teil einer kleinen Großstadt ist - Avignon hat immerhin knapp 100 000 Einwohner. Denn auf der Insel werden seit längerer Zeit schon keine Neubauten mehr gestattet.

Mit Edelbränden locken sie Touristen aus ganz Europa

Olga Manguin kennt die Île de la Barthelasse schon lange, sie hat in die Familie Manguin eingeheiratet, deren berühmtestes Mitglied der Maler Henri Manguin (1874-1949) ist, ein Fauvist. Er hat sich in den Vierzigerjahren ein Atelier eingerichtet drüben in Avignon. Sein Sohn Claude schätzte das Landleben mehr, er ist auf die Insel gezogen, hat Obst angebaut und 1957 die Destillerie Manguin gegründet. Sie existiert heute noch, gleich vis-à-vis von L'Anastasy. Seit drei Jahren betreibt sie Emmanuel Hanquiez; ein Enkel des Gründers, Philippe Manguin, arbeitet als Brenner für ihn. Sie locken mit ihren Edelbränden - zumindest die Birnen dafür wachsen auf der Insel - Touristen aus ganz Europa an.

Olga Manguin hat mit der Destillerie direkt nichts zu schaffen, sie hat mit ihrem Mann zusammen lange in der Gastronomie gearbeitet. Einige Jahre haben sie in Berlin gelebt und dort den Jazz-Club Blue Note betrieben. Später hatte sie das Café des Nadtes in Avignon, in der Rue Saint-Etienne, gleich hinter dem Hotel Europe. Vor allem während des Theaterfestivals in Avignon im Juli wohnen dort viele Regisseure und Schauspieler.

Olga Manguin hatte auch im Café des Nadtes Stammgäste, Heiner Müller kam regelmäßig, "Pina Bausch hat ihren Geburtstag bei uns gefeiert", erinnert sie sich. Sie kennt heute noch viele Theaterleute, regelmäßig besucht sie auch ihre Tochter, die in Paris am Theater Bouffes du Nord arbeitet. Zu den Aufführungen des Festivals in Avignon schafft sie es nicht: "Ich kann nicht weg, am späten Nachmittag kommen meine Gäste zurück von ihren Ausflügen, ich koche für sie." Aber auch so bekommt sie "das schöne Ambiente" der Veranstaltung mit.

Noch heute fährt sie jeden Vormittag hinüber in die Stadt: "Das ist mein Kontakt mit der Zivilisation." Dieses Nebeneinander von Urbanität und Landleben macht die Île de la Barthelasse besonders. Wenn man so will, ist Avignon doppelt umschlossen: Die mittelalterliche Stadtmauer ist nach wie vor intakt, nicht zuletzt aufgrund der Universität ist das Zentrum quirlig, aber auch beengt. Darum herum hat sich eine zweite Stadt entwickelt, die vor allem aus Sozialsiedlungen, Gewerbegebieten, Vororten und Ausfallstraßen besteht, ohne Charme, ohne Flair.

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Nur nach Westen, zur Rhône hin, gibt es eine Brücke hinaus ins Ländliche; und das ist wörtlich zu nehmen. Über den Pont Édouard Daladier gelangt man innerhalb weniger Minuten hinüber auf die Flussinsel, selbst zu Fuß ist man schnell drüben, denn vieles konzentriert sich am südlichen Ende der Barthelasse: der große Campingplatz, das Freibad, das Restaurant Le Bercail, von dessen Terrasse man einen schönen Blick hat auf den Pont d'Avignon und auf den Domfelsen mit dem Papstpalast.

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