Reisepionierin Clärenore Stinnes Frau am Steuer, Abenteuer!

Clärenore Stinnes mitten im Abenteuer vor ihrem Adler Standard 6 (zu sehen im Film "Fräulein Stinnes fährt um die Welt").

(Foto: RealFiction Filmverleih/ dpa)

Eine "chinesische Schnapsnacht", endloser Schlamm und verzweifelnde Begleiter - nichts konnte Clärenore Stinnes abhalten, als erste Frau die Welt im Auto zu umfahren. Mit Hollywood-reifem Happy-End.

Von Irene Helmes

"Man glaubt bestimmt, wir seien Wundertiere aus einer anderen Welt. Bin noch nie so angeguckt worden und komme mir vor wie ein Affe im Stockholmer Zoo am Sonntagvormittag", notiert der Kameramann Carl Axel Söderström 1927 in der Sowjetunion in sein Tagebuch. Was ist passiert? Kurz gesagt hat eine junge Frau die Idee gehabt, von Frankfurt nach Berlin mit dem Auto zu fahren. Mit dem Umweg über den Balkan, den Nahen Osten, Russland, Asien, Süd- und Nordamerika - um die Welt eben. Und Söderström hat sich entschlossen, mitzufahren.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Die junge Frau heißt Clärenore Stinnes. Ihre elitäre Herkunft kann man in ihrem Auftreten nur am Selbstbewusstsein erkennen. Wie ein Mechaniker, weniger wie eine Großindustriellentochter, wirkt sie auf Fotos und in Filmszenen, mit praktischem Bubikopf, Männerhemden und Knickerbocker-Hosen. 1901 geboren, hat sie das für ihre Generation seltene Glück erlebt, freigeistig erzogen zu werden. "Oft mußte ich hören, daß ich mich gar nicht wie ein Mädchen zu benehmen wüßte und noch schlimmer als die Jungens sei. Doch diese Vorwürfe kümmerten mich herzlich wenig, solange meine Eltern mit mir zufrieden waren", erinnert sich Stinnes am Anfang des Buchs "Im Auto durch zwei Welten", in dem sie noch vor ihrem 30. Geburtstag vom Abenteuer ihres Lebens berichten wird.

Dazu kommt sie über ein paar Stationen. In den umtriebigen 1920ern arbeitet sie im riesigen Konzern ihres Vaters, der zu ihrem großen Unglück früh stirbt. Der Direktor einer familieneigenen Automobilfabrik animiert sie zum Rennfahren. Bald füllt sich ihre Berliner Wohnung mit Preisen und Pokalen. Mit 24 nimmt Stinnes an einer Tour in Russland teil, als einzige Frau natürlich, sie gewinnt auch dort. Danach weiß sie, was sie will: die ganze Welt umfahren und mit eigenen Augen sehen.

Stinnes 1927 - in feiner Aufmachung zeigte sie sich nur selten.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Die Voraussetzungen sind bestens, Stinnes weiß ihre Kontakte in Wirtschaft und Politik zu nutzen ("bei allen traf ich auf die größte Hilfsbereitschaft"). So organisiert sie sich zahlungskräftige Sponsoren, Anlaufstationen und Treibstoffdepots in den entlegensten Regionen und natürlich einen Diplomatenpass. Technikbegeistert wählt sie einen neuen Wagen des Typs "Standard 6" der Adler-Werke, ergänzt durch einen kleinen Lastwagen für Reserven, Ersatzteile und Gepäck. Dazu gehören auch "drei Pistolen und Munition, so daß wir uns auch wohl bewaffnet fühlen konnten".

So manche Abenteurer müssen sich zu Stinnes Zeit noch den Verdacht gefallen lassen, ihre Geschichten ausgeschmückt oder gar erfunden zu haben. Alexandra David-Néel etwa wird 1925 als erste Europäerin in Tibet weltberühmt - und mangels Beweisen für ihre einsamen Wanderungen angezweifelt. Stinnes geht ihre Reise in wirklich jeder Hinsicht modern an: Neben dem Automobil ist die Kamera unverzichtbarer Teil der Expedition. Sie engagiert den Schweden Söderström, der schon den Stummfilmstar Greta Garbo in Szene gesetzt hat. Es wird ihre folgenreichste Entscheidung sein.

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Die ersten Interviews gibt Stinnes schon vor der Abfahrt in Frankfurt. Von dort bricht sie am 25. Mai 1927 mit Söderström, zwei Mechanikern und ihrem Hund "Lord" auf. Letzterer war nicht eingeplant, hat laut Stinnes den Abschied aber geahnt und durch einen Hungerstreik verhindert, zurückgelassen zu werden.