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Reisepionier Thomas Stevens:Ein übernatürliches Wesen?

Südlich von München flaut die Begeisterung des Weltenbummlers wieder ab. Die Passkontrolle an der Grenze zum habsburgerischen Österreich etwa - "eine kritische und unnötig lange Überprüfung des Dokuments" - nervt Stevens, und auch nicht alle Einheimischen zwischen Inn und Donau beeindrucken ihn: "Die Männer hier wirken wie langweilige, uninteressante Sterbliche, in ihren engen und gleichzeitig irgendwie schlecht sitzenden Pluderhosen, meistens etwa drei Nummern zu kurz (...)". In Wien amüsiert er sich aber schon wieder über die exzentrischen Städter.

Stevens reist weiter und immer weiter nach Südosten, im Gepäck auch einen Revolver, der sich über weite Strecken als "eher schmückend als notwendig" erweist. Er denkt über Parallelen zwischen bulgarischen Bauern und Ranchern in Nebraska nach, kommentiert die Rolle der Frauen in unterschiedlichen Gesellschaften. Im Osmanischen Reich lässt er sich vom Gesang der Muezzine wecken. In Konstantinopel erlebt er den Ramadan, das Durcheinander der Kulturen, tanzende Derwische und die bunten Basare. Und beobachtet bereits im Jahr 1885 frühe Touristenfallen - als ihm klar wird, wieviel Profit ein Fremdenführer machen kann, "wenn er eine Reisegruppe mit genug Geld und wenig Ahnung von Antiquitäten begleitet".

Thomas Stevens hoch zu Ross - nein, zu Rad natürlich.

(Foto: Wikimedia Commons)

Mühseliger noch als die Rocky Mountains erscheinen Stevens die Gebirge Anatoliens ("das schlimmste Bergklettern, das ich mit dem Rad bisher erlebt habe"). Zugleich erregt er mit seinem Hochrad immer noch mehr Aufmerksamkeit in abgelegenen Regionen, wo sein Anblick einer Sensation gleichkommt. Stevens berichtet von angeblichen Wettrennen mit berittenen Einheimischen, tapfer abgewehrten Überfallversuchen, Orten, an denen die Menschen "kurz davor sind, mich für ein übernatürliches Wesen zu halten".

So altmodisch viele Stellen von Stevens Bericht heute wirken, so aktuell sind manch andere. Etwa als er sein Dilemma beim Stopp in einem armenischen Dorf beschreibt. Dort wird er von den Bewohnern großzügig bewirtet, die aber partout kein Geld annehmen wollen: "Offenbar denken sie, das Entertainment, das ich ihnen geboten habe (...) ist ihr Frühstück wert. Aber es kommt mir wie Diebstahl an Armen vor, von ihnen etwas ohne Gegenleistung anzunehmen, also gebe ich den Kindern Geld."

Iran, Afghanistan, das britisch beherrschte Indien und am Ende Japan - überall schlägt sich Stevens irgendwie durch, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Komplikationen mit den örtlichen Sitten und Bürokratien. Die Reise durch Sibirien etwa wird ihm nicht genehmigt. Zweieinhalb Jahre nach seinem Aufbruch erreicht Stevens über den Pazifik den Hafen von San Francisco.

Einmal um die Welt - das kann es nicht gewesen sein

Die Abenteuerlust erhält sich der Wahlamerikaner aber auch nach seinem Rekord. Stevens unternimmt als Pressekorrespondent bereits wenig später eine Expedition nach Ostafrika, um dort den verschwundenen Entdecker Henry Morton Stanley aufzuspüren. Nach Reisen unter anderem nach Russland und Indien gerät seine Karriere als Autor aber ins Trudeln. Er kehrt nach England zurück, heiratet schließlich und leitet ein Theater in London. Dort stirbt er 1935 im Alter von 80 Jahren.

Stevens' Gefährt, das schwarze Columbia-Rad, wird von der Firma lange nach seinem Tod in Ehren gehalten - und dann im Zweiten Weltkrieg gespendet, um mit dem Erlös die alliierten Truppen zu unterstützen. 2017 werden 200 Jahre Fahrrad gefeiert. Die Tour des Thomas Stevens gehört dabei zu den spannendsten und kuriosesten Leistungen. Die erste Frau, die es in den 1890er Jahren Stevens nachmacht, spart sich übrigens die Tortur mit dem Hochrad und fährt bereits ein moderneres Modell - was Annie Londonderrys Tour nicht weniger bemerkenswert macht.

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Die Zitate wurden aus der gekürzten, englischsprachigen Version von Thomas Stevens' Reisebericht "Around the World on a Bicycle" übersetzt, erschienen 1988 bei Century Hutchinson (Erstveröffentlichung 1888).