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Reisepionier Thomas Stevens:Eine Radtour für die Ewigkeit

Thomas Stevens Radpionier

Thomas Stevens - die Illustration zeigt ihn im japanischen Dorf Yadoya, offenbar bei einer Teezeremonie.

(Foto: Wikimedia Commons)

Der Abenteurer Thomas Stevens umradelte Ende des 19. Jahrhunderts als erster Mensch die Erde - auf einem Gefährt, das anderen das Genick brach.

Von Irene Helmes

Als Thomas Stevens - entgegen aller Erwartungen noch am Leben und bei bester Gesundheit - im Jahr 1887 seine Geschichte geordnet zu Papier bringt, beginnt er mit einem genüsslichen Seitenhieb auf die ewigen Zweifler. Im besten Fall sei jemand wie er bis vor Kurzem als weltfremder Visionär abgetan worden. Aber, so der 32-Jährige weiter: Erfolg bedeute eben, sich von "Kritik" und "Witzeleien" nicht irritieren zu lassen.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Was in seinem Fall heißt: Sich allen Warnungen zum Trotz auf ein neuartiges, geradezu mörderisches Gefährt zu schwingen, um damit nicht nur ein Land zu durchfahren, sondern den ganzen Erdball zu umrunden. Dieses Gefährt ist ein schwarzes Hochrad der Marke Columbia.

Zwar begeistert das Hochrad in den 1880ern besonders sportliche, experimentierfreudige junge Herren mit dem entsprechenden Geldbeutel. Bequem oder sicher ist es aber noch lange nicht - und deshalb für viele eher eine Höllenmaschine. Der Radjournalist Nick Crane beschreibt das Vehikel ein Jahrhundert später in seinem Vorwort zu Stevens' Reisebericht folgendermaßen: Die Konstruktion erzwang eine "kerzengerade Haltung, die maximalen Windwiderstand erzeugte", während "der Fahrer gefährlich im Sitz balancierte - und das auf Schulterhöhe eines großen Mannes". Und: "Es war ein sehr tiefer Sturz, wenn man einen der gefürchteten 'Köpfer' hinlegte. Diese waren oft tödlich".

So dramatisch endet Stevens' Trip nicht, doch die Gefahr besteht. Umso besser für Stevens, denn er unternimmt die Reise auch, um spannend darüber schreiben zu können. Allerdings beginnt er keinen Wettlauf gegen die Zeit à la "In 80 Tagen um die Welt", auch hat er keine verrückten Reisegefährten oder fiesen Konkurrenten auf der Strecke. Sein Abenteuer ist vielmehr eine Ein-Mann-Aktion im Schneckentempo, und wo es nicht anders geht, muss Stevens das Rad schieben oder tragen. Auf etwa 1000 Seiten fasst er am Ende zusammen, was er in Nordamerika, Europa und Asien binnen zweieinhalb Jahren erlebt hat.

San Francisco bis San Francisco: die wichtigsten Stationen der Tour.

(Foto: Dravot / CC-by-sa-3.0)

Und dabei mixt er seine eigenen Abenteuer mit historischen Anekdoten. Am kalifornischen Donner Lake etwa erinnert er seine Leser an grausige Pioniergeschichten: Der letzte Überlebende einer eingeschneiten Auswanderergruppe sei dort einst gefunden worden, "als er gerade wild an einem menschlichen Arm nagte, dem letzten Überrest seiner Leidensgefährten".

Stevens hingegen kämpft sich unbeirrbar über miserable Schotterpisten und Bergpässe, durch die Sierra Nevada, die Rocky Mountains und die Great Plains Richtung Ostküste vor, vollzieht also rückwärts die Wege der europäischen Siedler nach. Von 1884 auf 1885 überwintert er komfortabel in New York City und macht dort Bekanntschaft mit dem Outing Magazine, als dessen Sonderkorrespondent er seine Reise im April per Schiff Richtung Europa, genauer den Hafen von Liverpool fortsetzt.

Die Straßen in Stevens' Heimat England, die er einige Jahre zuvor Richtung Neue Welt verlassen hat: ein Traum. Kaiser Wilhelms Deutschland: auch nicht verkehrt. Stevens schwärmt von idyllischen Dörfern und blühenden Obstwiesen im Schwarzwald: "Ich habe niemals zuvor einen so hübschen Ort gesehen - ganz bestimmt nicht in Kombination mit einer geradezu perfekten Straße für das Radfahren". Und dann erst Schwaben an einem strahlenden Pfingstfeiertag: "Ich fahre an mehreren Biergärten vorbei, in denen jede Menge fröhliche Augsburger versammelt sind, in großen Schlucken schäumendes Bier trinken, Wurst essen und Militärkapellen lauschen."

Ein übernatürliches Wesen?

Südlich von München flaut die Begeisterung des Weltenbummlers wieder ab. Die Passkontrolle an der Grenze zum habsburgerischen Österreich etwa - "eine kritische und unnötig lange Überprüfung des Dokuments" - nervt Stevens, und auch nicht alle Einheimischen zwischen Inn und Donau beeindrucken ihn: "Die Männer hier wirken wie langweilige, uninteressante Sterbliche, in ihren engen und gleichzeitig irgendwie schlecht sitzenden Pluderhosen, meistens etwa drei Nummern zu kurz (...)". In Wien amüsiert er sich aber schon wieder über die exzentrischen Städter.

Stevens reist weiter und immer weiter nach Südosten, im Gepäck auch einen Revolver, der sich über weite Strecken als "eher schmückend als notwendig" erweist. Er denkt über Parallelen zwischen bulgarischen Bauern und Ranchern in Nebraska nach, kommentiert die Rolle der Frauen in unterschiedlichen Gesellschaften. Im Osmanischen Reich lässt er sich vom Gesang der Muezzine wecken. In Konstantinopel erlebt er den Ramadan, das Durcheinander der Kulturen, tanzende Derwische und die bunten Basare. Und beobachtet bereits im Jahr 1885 frühe Touristenfallen - als ihm klar wird, wieviel Profit ein Fremdenführer machen kann, "wenn er eine Reisegruppe mit genug Geld und wenig Ahnung von Antiquitäten begleitet".

Thomas Stevens hoch zu Ross - nein, zu Rad natürlich.

(Foto: Wikimedia Commons)

Mühseliger noch als die Rocky Mountains erscheinen Stevens die Gebirge Anatoliens ("das schlimmste Bergklettern, das ich mit dem Rad bisher erlebt habe"). Zugleich erregt er mit seinem Hochrad immer noch mehr Aufmerksamkeit in abgelegenen Regionen, wo sein Anblick einer Sensation gleichkommt. Stevens berichtet von angeblichen Wettrennen mit berittenen Einheimischen, tapfer abgewehrten Überfallversuchen, Orten, an denen die Menschen "kurz davor sind, mich für ein übernatürliches Wesen zu halten".

So altmodisch viele Stellen von Stevens Bericht heute wirken, so aktuell sind manch andere. Etwa als er sein Dilemma beim Stopp in einem armenischen Dorf beschreibt. Dort wird er von den Bewohnern großzügig bewirtet, die aber partout kein Geld annehmen wollen: "Offenbar denken sie, das Entertainment, das ich ihnen geboten habe (...) ist ihr Frühstück wert. Aber es kommt mir wie Diebstahl an Armen vor, von ihnen etwas ohne Gegenleistung anzunehmen, also gebe ich den Kindern Geld."

Iran, Afghanistan, das britisch beherrschte Indien und am Ende Japan - überall schlägt sich Stevens irgendwie durch, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Komplikationen mit den örtlichen Sitten und Bürokratien. Die Reise durch Sibirien etwa wird ihm nicht genehmigt. Zweieinhalb Jahre nach seinem Aufbruch erreicht Stevens über den Pazifik den Hafen von San Francisco.

Einmal um die Welt - das kann es nicht gewesen sein

Die Abenteuerlust erhält sich der Wahlamerikaner aber auch nach seinem Rekord. Stevens unternimmt als Pressekorrespondent bereits wenig später eine Expedition nach Ostafrika, um dort den verschwundenen Entdecker Henry Morton Stanley aufzuspüren. Nach Reisen unter anderem nach Russland und Indien gerät seine Karriere als Autor aber ins Trudeln. Er kehrt nach England zurück, heiratet schließlich und leitet ein Theater in London. Dort stirbt er 1935 im Alter von 80 Jahren.

Stevens' Gefährt, das schwarze Columbia-Rad, wird von der Firma lange nach seinem Tod in Ehren gehalten - und dann im Zweiten Weltkrieg gespendet, um mit dem Erlös die alliierten Truppen zu unterstützen. 2017 werden 200 Jahre Fahrrad gefeiert. Die Tour des Thomas Stevens gehört dabei zu den spannendsten und kuriosesten Leistungen. Die erste Frau, die es in den 1890er Jahren Stevens nachmacht, spart sich übrigens die Tortur mit dem Hochrad und fährt bereits ein moderneres Modell - was Annie Londonderrys Tour nicht weniger bemerkenswert macht.

Die Zitate wurden aus der gekürzten, englischsprachigen Version von Thomas Stevens' Reisebericht "Around the World on a Bicycle" übersetzt, erschienen 1988 bei Century Hutchinson (Erstveröffentlichung 1888).

© SZ.de/cag/dd

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