Reisepionier Ibn Battuta:Was zu weit geht, geht zu weit

Im Jemen entdeckt der Reisende zwischen Palmen und Obstgärten "äußerst schöne" Frauen, die regelmäßig auf Kamelen zu ausgedehnten Picknicks reiten und "eine Schwäche für Fremde haben, und sich nicht - wie die Frauen in unserer Heimat - weigern, sie zu heiraten". Schon während seiner ersten Hadj berichtet er von zwei recht kurzlebigen eigenen Hochzeiten. Am Ende seines Lebens wird er fünf Kinder mit verschiedenen Frauen in die Welt gesetzt haben. In seinen Erinnerungen zu Ephesus erwähnt er in einem Nebensatz, dass er dort "ein griechisches Sklavenmädchen für 40 Dinar gekauft" hat. Über Details schweigt sich Ibn Battuta aus - wie sein Umgang mit Frauen wirklich war, bleibt an vielen Stellen offen. Eines zumindest geht ihm entschieden zu weit: Als er später im afrikanischen Mali erlebt, dass Frauen sich "splitternackt" in der Öffentlichkeit bewegen, listet er das unter "den schlechten Eigenschaften" des malischen Volkes auf.

Sein Weg führt den Mann aus Tanger seinen Erzählungen nach aus unstillbarer Neugier in die entferntesten Ecken der damals bekannten Welt, nach Indien, auf die Malediven und an die chinesischen Küsten, gar bis nach Sumatra. Schließlich kehrt er aber wieder um. Zu Ibn Battutas letzten Reisen zählen ein Abstecher nach Andalusien sowie eine Expedition durch die Sahara bis nach Timbuktu. Die Wüste lernt er als gnadenlosen Ort kennen, der "von Dämonen heimgesucht" sei, die Reisende durch Sandstürme und andere Tricks verwirren und vom Weg abbringen. In der Oasenstadt Walata fällt ihm der ungezwungene Umgang zwischen den Geschlechtern auf - während er am Hof von Mali von der extremen Unterwürfigkeit gegenüber dem Herrscher irritiert ist, vor dem sich das Volk im wahrsten Sinne des Wortes in den Staub wirft.

Da der Sultan von Marokko darauf besteht, dass der Reisende seine Erlebnisse für die Nachwelt festhält, diktiert Ibn Battuta in den Monaten nach der endgültigen Rückkehr dem Schreiber Ibn Jusayy einen monumentalen Nachlass. Dieser enthält neben bunten Schilderungen der Fremde auch ein Loblied auf die Heimat, nicht zuletzt auf die günstigen Lebensmittelpreise und hohe Esskultur im Maghreb. Außerhalb des arabischen Sprachraums kommt die Geschichte erst im frühen 19. Jahrhundert an, als ein Schweizer in Kairo auf das Dokument aufmerksam wird. Sein voller Titel lautet "Ein Geschenk an diejenigen, die über die Wunder der Städte und des Reisens nachdenken", genannt wird es meist schlicht "Rihla" (Reise). Nach längerer Zeit werden europäische Übersetzungen und Analysen verfasst.

Wie alle mittelalterlichen Reiseberichte wirft die "Rihla" viele Fragen auf. Der britische Islamwissenschaftler David Waines weist in seinem Buch "The Odyssey of Ibn Battuta. Uncommon tales of a Medieval Adventurer" (2010) darauf hin, dass Ibn Battutas Berichte immer wieder massiv in Zweifel gezogen werden - zunächst von Zeitgenossen, später von Wissenschaftlern. Dasselbe gelte jedoch für alle Reisenden seiner Zeit, auch Marco Polo werde bis heute von manchen Sinologen nicht ernstgenommen, so Waines weiter. Für ihn bleibt Ibn Battuta, trotz erfundener oder abgeschriebener Passagen in der "Rihla", "ohne Zweifel einer der wirklich großen Reisenden der Welt".

So beschäftigt der exzentrische Pionier aus Tanger bis heute die Wissenschaft. Und die Popkultur erst recht. In Dubai gibt es seit zehn Jahren die "Ibn Battuta Mall" mit dem Slogan "Great stuff. Fantastic place", deren Hauptbereiche, wie es stolz auf der Website heißt, den Regionen nachempfunden sind, die er bereiste. Außerdem ist Ibn Battuta Held eines saudi-arabischen Computerspiels und einer malaysischen 3D-Cartoonserie und hat Bollywood-Songs inspiriert. Das Ibn Battuta Centre in Marrakesch schließlich testet in seinem Namen Fahrzeuge, die bei der Erforschung fremder Planeten wie des Mars eingesetzt werden sollen. Zumindest das dürfte dann wieder ganz im Sinne des rastlosen Weltenerkunders sein.

© SZ.de/kaeb/dd
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