Reisepionier Ibn Battuta Dreimal so weit wie Marco Polo

Ibn Battuta, auf einer Abbildung aus dem Buch "Découverte de la terre" von Jules Verne aus dem 19. Jahrhundert.

(Foto: imago/Leemage)

Der Berber Ibn Battuta berichtete im 14. Jahrhundert von Reisen in die entlegensten Winkel der Erde. Ibn wer? Die fast unglaubliche Geschichte eines Weltenbummlers.

Von Irene Helmes

"Ich träumte, ich säße auf den Flügeln eines großen Vogels, der mich nach Mekka brachte, dann in den Jemen, ostwärts und später Richtung Süden, dann wieder weit nach Osten, bis er schließlich in einer dunklen, grünen Gegend landete und mich verließ." Ob Ibn Battuta diesen Traum je hatte, bleibt der Fantasie überlassen. In seinen Erinnerungen "Rihla" beschreibt er später jedenfalls so die Vorahnung, sein Leben als Reisender zu verbringen.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Sie ereilt ihn während seiner ersten Pilgerfahrt nach Mekka. Zu ihr bricht der gebildete, adlige 22-Jährige im Jahr 1325 aus dem marokkanischen Tanger auf. Es ist das Jahr nach Marco Polos Tod. Drei Jahrzehnte später wird Ibn Battuta, glaubt man seinen Berichten, aus nie endender Neugier etwa 120 000 Kilometer zurückgelegt haben und damit dreimal so weit gereist sein wie sein legendärer Zeitgenosse aus Venedig. Ein unerschrockener Draufgänger ist Ibn Battuta anfangs aber keineswegs. Bei einer seiner ersten Stationen in Tunis etwa, als Zufallsgefährten von Bekannten und Verwandten begrüßt werden, ist seine Laune am Boden: "Ich war so von meiner Einsamkeit überwältigt, dass ich meine Tränen nicht zurückhalten konnte und bitterlich weinte."

"Hast du je einen Stein gesehen, der vom Himmel gefallen ist?"

Doch je weiter er sich von Zuhause entfernt, desto weltgewandter wird Ibn Battuta - und sammelt Geschichten über die erstaunlichsten Menschen und Orte. Weder im Osten noch im Westen habe er je einen voluminöseren Kopfputz gesehen als den Turban eines Kadis in Alexandria, erklärt er später. Kairo beschreibt er als überwältigende Metropole "unvergleichlich in Schönheit und Pracht". Er berichtet von einem irakischen Dorf, in dem Derwische bei rituellen Tänzen großen Schlangen die Köpfe abbeißen, er besucht Bethlehem ("die Christen verehren den Ort zutiefst und empfangen alle gastlich, die dort hinkommen").

In Ostafrika begegnet er Menschen "mit pechschwarzer Haut und Tattoos auf ihren Gesichtern", in deren Stadt mit Goldstaub gehandelt wird. Kokospalmen, so beeindruckend ihr Nutzen sein mag, gehören für ihn zu den "merkwürdigsten Bäumen überhaupt", ihre Nüsse scheinen ihm "wie Menschenköpfe". Im Persischen Golf beobachtet er Perlentaucher, die angeblich länger als eine Stunde unter Wasser bleiben können.

Der Sultan von Birgi - in der heutigen Türkei - fragt seinen Gast, "Hast du je einen Stein gesehen, der vom Himmel gefallen ist?", und führt ihm einen schwarzen, glitzernden Felsen vor, der unzerstörbar scheint, vermutlich einen Asteroiden. Auf der Krim in der christlichen Stadt Kaffa (heute Feodossija) gesteht Ibn Battuta den "Ungläubigen" neidlos zu, dass sie "einen der bemerkenswertesten Häfen der Welt" besitzen. Er ist zu Gast beim legendären Mongolenherrscher Usbek Khan, der die sogenannte Goldene Horde befehligt und freundet sich mit einer von dessen Frauen an. Mit dieser reist er später nach Byzanz zu ihrem Vater, dem Kaiser, und wird mit Pauken und Trompeten empfangen. Immer wieder, erzählt Ibn Battuta später, wird er auf seinen Reisen nicht nur mit offenen Armen empfangen, sondern sogar wegen seiner Weltläufigkeit in den Dienst der Mächtigen aufgenommen und großzügig entlohnt - zum Beispiel als Richter. Es ist nicht zuletzt diese fast märchenhafte Reibungslosigkeit, die ihm später den Vorwurf einbringen wird, manches nicht nur ausgeschmückt, sondern ganz erfunden zu haben.

"Die schmutzigste, grässlichste und stinkendste Stadt der Welt"

Auch wenn er ein begehrter Gast zu sein scheint, umgekehrt gefällt es dem Reisenden längst nicht überall. In der jemenitischen Königsstadt Ta'izz etwa wirken die Einheimischen auf ihn "arrogant, unverschämt und unhöflich, wie es meistens in Städten der Fall ist, in denen Könige residieren". Das somalische Zeila scheint ihm "die schmutzigste, grässlichste und stinkendste Stadt der Welt" wegen all des Fischs und des Bluts der Kamele, die mitten auf der Straße geschlachtet werden. Wo es möglich ist, konzentriert sich der Fremde jedoch auf die schönen Seiten.

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Damaskus etwa beeindruckt Ibn Battuta mit seiner Pracht und seinen guten Sitten ganz besonders. Als der Reisende einmal einen Sklaven sieht, dem auf der Straße chinesisches Porzellan in Stücke springt, helfen ihm Passanten, so dass er Ersatz kaufen kann. Diese Wohltätigkeit lobt Ibn Battuta überschwänglich, "denn sein Herr hätte ihn sonst zweifellos geschlagen oder zumindest gescholten, und der Sklave wäre untröstlich gewesen wegen des Vorfalls". Im Jahr 1348, als er gegen Ende seiner Reisen wieder durch Damaskus kommt, beeindruckt Ibn Battuta ein weiteres Schauspiel. Die Stadt ist inzwischen von der Pest geplagt, und eine Prozession der Muslime "wurde von der ganzen Stadt begleitet, von Männern und Frauen, Klein und Groß; die Juden kamen mit ihrem Gesetzbuch und die Christen mit ihrem Evangelium, alle mit ihren Frauen und Kindern". Der Gott, an den der Muslim Ibn Battuta glaubt, belohnt diese Eintracht seiner Ansicht nach sofort: "Gott linderte ihr Elend, an einem Tag starben in Damaskus weniger als 2000 Menschen, während in Kairo 24 000 starben."

Das Bagdad von Ibn Battuta ist "die Wohnung des Friedens und Hauptstadt des Islam", in dem Männer und Frauen Tag und Nacht flanieren, wo opulent geschmückte Badehäuser und zahllose Basare stehen. Nicht immer sind Basare jedoch friedliche Orte - in der iranischen Stadt Täbris, auf "einem der schönsten Märkte" der Welt, beobachtet Ibn Battuta später irritiert, wie Frauen an den prächtigen Juwelenständen handgreiflich werden, um die schönsten Schmuckstücke zu ergattern.

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Im Gegensatz zu manch anderem Reisepionier macht Ibn Battuta - abgesehen von seiner Abscheu bei solchen Episoden - kaum einen Hehl aus seiner Leidenschaft für die Damenwelt. Über seine erste Pilgerreise etwa schwärmt er: "Die Frauen in Mekka sind außerordentlich schön und sehr fromm und bescheiden. Sie verwenden so gerne Parfums, dass sie manchmal die Nacht hungrig bleiben, um statt Essen Düfte zu kaufen". In den türkischen Gebieten fällt Ibn Battuta besonders "der Respekt auf, der in diesem Land den Frauen gezeigt wird". Diese seien oft so elegant, dass man ihre Gatten im Vergleich leicht für ihre Diener halten könne. Sogar bei der Besichtigung eines christlichen Klosters in Konstantinopel versäumt Ibn Battuta nicht, die jungen Nonnen zu beschreiben, die ihm als Königstöchter vorgestellt werden.