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Performance Hotel:Ein Bett für die Kunst

Geld wird als Zahlungsmittel zwar akzeptiert, kein Geld aber auch: In einem Hotel in Stuttgart kann man für seine Übernachtung mit Performances bezahlen.

Ronja von Wurmb-Seibel

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Hotel Performance Hotel Stuttgart

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Sein Blick ist fordernd. Lange dunkle Wimpern, darunter graublaue Augen. Die linke Hand - sie stammt von einer Schaufensterpuppe - ist ausgestreckt. So, als wolle das rosa Schwein aus Pappmaché jeden, der eintritt, abkassieren. Und das ausgerechnet vor der Eingangstür des Performance Hotels in Stuttgart, wo Gäste für ihre Übernachtung nicht zahlen müssen. Zumindest kein Geld. Wer hier in der Gablenberger Hauptstraße nächtigen will, muss eine Performance aufführen.

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Bestimmt hat das Byung Chul Kim. Der 36-jährige Koreaner studiert Kunst und findet: "Künstler sollten von ihrer Kunst leben können." In seinem Hotel können sie wenigstens mal übernachten. Kostenlos, genauso wie Kim selbst seit Juli vergangenen Jahres. Damals war das Haus Atelier und Treffpunkt für Stuttgarter Kunststudenten. Auf den ersten beiden Etagen wurden Projekte geplant, im dritten Stock wohnte Kim. Miete überwies er keine, stattdessen bezahlte er mit körperlicher Arbeit und einigen Hausmeisterjobs. So kam Kim auf die Idee für sein Hotel: Jeder Gast gibt das zum Besten, was er besonders gut kann. Das müsse nicht immer hohe Kunst sein: "Performance ist alles, was mit Begeisterung gemacht wird", sagt Kim.

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Albern sein zum Beispiel. Mit grimmiger Miene und aufgeregt glucksend entführt Brigitte Sommer das Pappmaché-Schwein, um es etwas weiter links mit einem dicken Seil an der verschmutzten Regenrinne festzubinden. Die wenigen Meter legt die 58-Jährige mit wackligen Schritten zurück, ungeschickt läuft sie in hochhackigen Schuhen, die so rot sind wie die Pappnase in ihrem Gesicht. Auf dem Gehsteig vor dem Performance Hotel mimt Sommer einen Clown. Fußgänger werden zu Zuschauern, Autofahrer winken aus den Fenstern, am Ende der Darstellung mischt sich unter den Applaus die Hupe eines Rollstuhlfahrers. Begeistert klatschen die Hotelgäste in die Hände. Begeistert? Moment mal! Ist das jetzt etwa auch eine Performance?

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Kim kann diese Frage nicht beantworten. Er ist beschäftigt. In der linken Hand eine Filmkamera, rechts den Fotoapparat, hält er die Aktion fest. Mit seiner Kamera sammelt Kim sämtliche "Kunstwerke", die im Hotel entstehen. Schlafperformer, Live-Schminker und Schutzhauben-Models sind nur einige Beispiele für das, was auf den unzähligen Bändern des Hotelbetreibers zu sehen ist. Besonders fasziniert hat ihn die "Orale Gegenökonomie": Ein Gast hatte den Preis für seine Übernachtung aufgegessen: Fünf-Euro-Scheine auf Toastbrot mit Tomatensoße. Von diesen Dingen kann Kim stundenlang erzählen, ansonsten ist der Koreaner eher ruhig, beobachtet, hört zu und filmt.

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Bisher haben etwa 100 Künstler und gewöhnliche Leute eine Performance im Hotel aufgeführt. Gäste waren es noch mehr, denn auch wer nicht performt, darf bei Kim übernachten. Dann allerdings nach den Regeln herkömmlicher Ökonomie: mehr Leistung, mehr Geld. Eine Nacht auf der Matratze kostet zehn Euro, auf dem Boden fünfzig Cent. Die fordernde Pose des Pappmaché-Schweins macht also doch Sinn. Heute bleibt sie allerdings unbeachtet. Alle Gäste bezahlen ihren Auftritt mit einer Vorstellung.

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Auf die Clown-Nummer folgen "zeichnende Ohren". Zwei Gäste malen zu den Geräuschen, die sie umgeben. In erster Linie ist das der Lärm vorbeirauschender Autos. Denn das Performance Hotel liegt direkt an einer viel befahrenen Straße.

Das Haus wurde um 1800 erbaut, heute gehört es der Stadt Stuttgart, die es im vergangenen Sommer für ein Jahr an eine Dozentin der Kunsthochschule vermietet hat. Davor stand das Gebäude viele Jahre leer. Als Kim hier sein Revier aufschlug, glich es mehr einer Bruchbude als einem Hotel. Der Student musste zentimeterdicke Staubschichten entfernen, vergammelte Teppiche rausreißen, Schimmel entfernen.

Irgendwas gibt es immer zu reparieren, das gilt heute und wohl auch noch dann, wenn das Hotel im Juli seine Türen für immer schließt. Es ist ein einjähriges Kunstprojekt, mit dessen letztem Tag auch Kims Leben als Hotelbetreiber endet. Mit der Performance soll es dann aber nicht vorbei sein. In den vergangenen Wochen handelte Kim eine Kooperation mit der französischen und der Deutschen Bahn aus. Das Ergebnis: Ein Performance Express, der nach den gleichen Regeln funktioniert wie das Hotel. Geld wird als Zahlungsmittel zwar akzeptiert, kein Geld aber auch.

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Im ganzen Haus gibt es nur eine Heizung. Statt Suiten bietet Kim seinen Gästen drei einfache Zimmer. Genaugenommen sogar bloß zwei, denn zwischen den größeren beiden ist keine Tür eingebaut. Zwei Betten, drei durchgelegene Matratzen. Bei Bedarf auch noch ein paar Isomatten. In der bestgebuchten Nacht haben hier 17 Gäste geschlafen. Heute sind es drei. Der Bezug der Matratze hat ein Loch, sie selbst liegt auf alten Holzdielen, die bei jedem Schritt knarzen.

Gastfreundschaft und ausgefallene Einrichtung lassen den mangelnden Komfort aber schnell vergessen. Comics, Zeichnungen, ein Brief an die Queen: Mit Tesafilm und Reißzwecken sind überall an den Wänden kleine Kunstwerke befestigt. Teils sind es Relikte von Gästen, teils vom Hotelbesitzer selbst.

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Auch weniger kreativer Wandschmuck ziert die Wände des Performance Hotels. "Abspülen erwünscht", steht auf einem Zettel über der Spüle. Zwischen Töpfen, Tassen, Ahornsirup und einer Packung Fertigpizzateig finden sich brauchbare Zutaten für das Abendessen. Das kostet pro Person zwei Euro und etwas tatkräftige Unterstützung: Knoblauch schneiden, Salat waschen, Tee kochen.

Beim Anblick der vielen fremden Hände, die in seiner Küche hantieren, verlässt Kim fluchtartig den Raum. Sekunden später kehrt er zurück, die Kamera in der Hand: "Toll", ruft er und fotografiert drauflos: Den Vorgang nur als bloßes "Kochen" zu bezeichnen, käme hier niemandem in den Sinn.

Nach dem Essen gibt es die letzte Performance des Tages. Szenische Gesänge und inszenierte Gedichte, dargeboten vor einem großen Glasfenster, das zur Straße zeigt und an dem Stunden zuvor die beiden Zeichner am Werk waren.

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Eine Gruppe Jugendlicher geht vorbei. Auf dem Weg zur nächsten Kneipe bleiben sie nur kurz stehen. Der Hotelbesitzer, seine Gäste und die Kamera sind zu dieser Uhrzeit die einzigen Zuschauer. Und ein Schwein aus Pappmaché. Das sitzt inzwischen im Gang. Kim hat es hereingeholt.

Am nächsten Morgen wird es wieder vor dem Hotel stehen, seine Hand ausstrecken und Ausschau halten nach zahlenden Gästen. Vermutlich vergebens.

Performance Hotel, Gablenberger Hauptstraße 22, Stuttgart; Kontakt: byungchulkim@gmx.de; Tel.: 0177/682; Übernachtungspreise ohne Performance: drei bis zehn Euro.

© SZ vom 10.6.2010/dd
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