Kolumne "Ende der Reise":E-Biker als Mundräuber

Mountainbiker auf dem Trail in der Schwäbischen Alb beim Äpfel pflücken Baden Württemberg Deutschla

In Flagranti: Radler schrecken auch vor hoch hängenden Früchten nicht zurück.

(Foto: Ralf Schanze/imago)

Obstbauverbände klagen, dass Touristen die Erntezeit wörtlich nehmen und sich an ihren Plantagen bedienen. Dabei gibt es legale Möglichkeiten zu klauen.

Glosse von Hans Gasser

"Wenn du in den Weinberg eines andern kommst, darfst du so viel Trauben essen, wie du magst, bis du satt bist, nur darfst du nichts in ein Gefäß tun." So steht's in der Bibel, in einem der Bücher Mose. Und was in der Bibel steht, kann so falsch nicht sein, oder? Küchentisch-exegetisch kann man das so betrachten: Wer nur klaut, um seinen Hunger zu stillen, also einen sogenannten Mundraub begeht, der soll nicht bestraft werden. Leben und leben lassen. Wer aber auf Vorrat klaut, damit Gefäße oder Kisten füllt, den soll die volle Härte des Gesetzes treffen. Handabhacken und so weiter.

Nun ist die Bibel vor langer Zeit geschrieben worden, als es noch keinen E-Bike-Tourismus, ja überhaupt keinen Tourismus gab. Deshalb konnten die Verfasser auch nicht ahnen, dass zur Erntezeit im fernen 21. Jahrhundert nach Christus an Main und Bodensee der Mundraub derart überhand nimmt, dass Obstbauverbände Alarm schlagen. "Neulich wurde ein ganzer Weinberg leer gemacht", klagt man etwa beim Landesverband Erwerbsobstbau Baden-Württemberg. Überall griffen die Radler zu, beim Wein, bei den Äpfeln und Zwetschgen. Ja, es sind meist die Radler, heutzutage natürlich E-Biker, denn überall, wo das Obst wegkommt, führen Radwege vorbei: An der Mainschleife zwischen Kitzingen und Schweinfurt etwa und entlang des Bodensees sowieso.

Ob das nun an Corona liegt, wie man beim Obstverband in Baden-Württemberg mutmaßt, weil dadurch mehr Leute draußen unterwegs sind oder ob die Gelegenheit einfach Diebe macht, noch dazu, wenn man hinterher mit dem Elektromotor schnell die Biege machen kann, wer weiß es. "Oft ist das ein spontaner Impuls, weil ein Apfel so lecker aussieht", glaubt man bei der Obst vom Bodensee-GmbH. Es komme aber auch vor, dass Leute tütenweise Obst mitnehmen.

Und das kann natürlich nicht mehr als Mundraub durchgehen. Der mildernde Straftatbestand "Mundraub" wurde übrigens schon 1975, also fast zu biblischen Zeiten, aus dem deutschen Gesetzbuch gestrichen. Seitdem ist es ein Diebstahl wie jeder andere.

Erwischt und bestraft wird jedoch kaum jemand. Höchstens dadurch, dass auf den Trauben und Äpfeln noch Spritzmittelreste waren, die zu einer Magenverstimmung führen.

Und dennoch, wir wollen nicht urteilen, denn wer ohne Sünde ist... Und viel Obst verfault ungenutzt, weil die Besitzer zu faul sind, es zu ernten. Deshalb gibt es eine Website namens mundraub.org. Dort sind Obstbäume und Sträucher aufgelistet, an denen sich Obstdiebe ganz legal bedienen können, ja, es ihnen sogar gedankt wird.

© SZ
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