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Neulich in ... Lissabon:Gefährliche Nähe

Man solle die Straßenbahnlinie 28 nehmen, stand im Reiseführer. Dann werde man Lissabon gleich kennenlernen. Und wie man Lissabon so kennenlernt!

Vor allem müsse man gleich zu Beginn seines Aufenthaltes unbedingt in die 28 steigen, stand im Reiseführer: Nichts bringe einem die Stadt näher als eine Fahrt mit ihrer berühmtesten Straßenbahnlinie. Also nahmen wir die 28, an unserem ersten Tag in Lissabon.

Touristenfallen

So ein Nepp!

Stellten uns brav in die Schlange an der Haltestelle am Largo Martim Montiz, zahlten unsere 1,45 Euro für das Ticket und setzten uns an ein geöffnetes Fenster. Dann waren wir bereit, uns die Stadt näherbringen zu lassen.

Das passierte dann auch gleich. Allerdings nicht uns, sondern einer amerikanischen Touristin auf der anderen Wagenseite. Die hatte den Hinweis im Reiseführer, die legendäre Linie 28 fahre manchmal haarscharf an den Altstadthäusern vorbei, offensichtlich nicht sehr ernst genommen und sich zum Filmen aus dem Fenster gelehnt. Wir mussten unsere Fahrt unterbrechen, damit die Frau die Reste ihrer Videokamera von den Gleisen klauben konnte.

Ein Pflaster brauchte sie auch. Wie habe er nur so nah an der Hauswand vorbeifahren können, wollte sie vom Schaffner wissen. Der Schaffner zuckte mit den Schultern. Er sah traurig aus. Aber das, stand im Reiseführer, tun alle Portugiesen.

Wir fuhren weiter. Fünf Minuten später hielten wir erneut: Vor uns waren ein Kleinwagen und ein Taxi zusammengestoßen. Die Autos waren leicht verbeult und standen 20 Zentimeter auf den Gleisen. Hinter uns standen sehr schnell vier oder fünf andere Straßenbahnen. Wir schauten uns Lissabon an, das ja sehr nahe war.

Von unseren Sitzen aus konnten wir das Fleisch in der Metzgereitheke nebenan betrachten und die Küche einer älteren Frau, die gerade kochte. Ein Stockwerk höher wurden die Blumen gegossen, das Wasser tropfte auf den Bürgersteig. Und weil wir ja im melancholischen Lissabon waren, sahen die Tropfen natürlich wie Tränen aus. Nach ungefähr einer Stunde kam ein Polizist.

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