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Nachtleben in Tunis:Unbehelligt von den Traditionshütern

An der Bar sitzt Hella Loukil. Sie raucht und scherzt mit einem der Barkeeper. Man kennt sich. " Le Plug ist einzigartig, weil die Gäste so vielfältig sind", sagt die 29-Jährige mit den langen dunklen Haaren. Sie ist jede Woche da, "weil es lässig ist". Ausgegangen sei sie genau wie die anderen Tunesier auch schon vor der Revolution, sagt sie, daran habe sich nichts geändert. Doch dass Musikbegeisterte Clubs eröffnen, keinen Eintritt verlangen und Bier in Flaschen verkaufen, das sei dann doch eine Besonderheit: "Vor der Revolution musste man sich richtig aufbrezeln zum Weggehen, es gab vor allem VIP-Clubs, wo der Wodka flaschenweise verkauft wurde." Wer es damals gediegener wollte, fuhr in die Touristenzentren Hammamet oder Sousse.

Und genau dort würden Mehdi Hamouda und Karim Latrous, beide Anfang 30, gerne einen Ableger ihres Carpe Diem aufbauen. Die Clubchefs tragen Hip-Hop-Mützen, Tattoos, Baggy-Hosen. Vor zwei Jahren eröffneten sie ihre Resto-Bar, eine Mischung aus Restaurant und Tanzlokal, zwischen La Marsa und Gammarth. An guten Abenden schieben sich schon mal 700 Gäste durch die beiden hallenartigen Räume. Das Carpe Diem ist schick und teuer. Ein Bier für 3,50 Euro, geschichtete Shots namens Orgasmus, Lady Gaga oder Alien Brain für fünf Euro - das sind stolze Preise in einem Land, in dem das Durchschnittseinkommen bei weniger als 400 Euro liegt. Doch der Club ist voll. "Unser Publikum sind Tunesier um die 30, die noch bei den Eltern wohnen, weil sie noch nicht verheiratet sind", sagt Mehdi Hamouda, "aber schon ihr eigenes Geld verdienen."

Auch Frauen können hier rauchen und Bier trinken, ohne belästigt zu werden

Mehdi Hamouda kommt aus der DJ-Szene, hat einige Jahre in Frankreich gelebt. Zurück in Tunesien, langweilte er sich mit dem Musikangebot, begann DJ-Abende zu organisieren: Rock, Heavy Metal, Electro, Techno im eigenen Wohnzimmer, manchmal kamen bis zu 70 Gäste. Als nach der Revolution die Touristen ausblieben, bot ihm ein Freund einen Teil des Restaurantkomplexes Le Relais an. Früher hielten hier Busse mit Pauschaltouristen, dann standen die Räume leer. Mehdi Hamouda und Karim Latrous eröffneten im Oktober 2012.

"Im Carpe Diem gilt das Motto: Was hier passiert, bleibt hier", erzählt Mehdi Hamouda. Das klingt verruchter, als es ist. Gemeint ist: Die Betreiber wollen, dass auch Frauen hier unbelästigt feiern können, Bier trinken, rauchen. An den Türstehern kommen sie viel leichter vorbei als Männergruppen. Einmal sind Frauen im Vorteil. Hier sind sie unbehelligt von den wenigen, aber militanten Traditionshütern, die es am liebsten hätten, wenn sie gar nicht ausgingen, sondern, wenn überhaupt, in Cafés blieben. Bei Tee, Säften und vielleicht mal einer Shisha. "Tunesien braucht Orte wie das Carpe Diem", sagt Hamouda. Für Hamouda ist es kein Widerspruch, dass er, der in Frankreich lebte, jetzt in Tunesien vorlebt, was seiner Meinung nach Gleichberechtigung und Emanzipation bedeutet. "Wir haben doch Glück, dass wir die Freiheit des Geistes kennen", sagt er schlicht.

Bar Carpe Diem Tunis Tunesien

"Was hier passiert, bleibt hier": Das Motto im Carpe Diem klingt verruchter, als es ist.

(Foto: Marieau Palacio)

Für die Gäste sind die neuen Clubs eine Ergänzung zu den bisherigen Discos und Bars. Am einen Abend gehe sie in den Club, am nächsten in ein Shisha-Café, dann in eine schicke tunesische Disco oder zu Freunden nach Hause zu Bier und Cocktails, erzählt die 28 Jahre alte Fatma. Ihren Nachnamen will sie nicht sagen, damit es zu Hause keinen Ärger gibt. Sie mag auch gerne La Villa, eine der wenigen Bars im Stadtzentrum, die dort eine Genehmigung für Alkohol ergattert hat. Sami Baccouche ist hier seit sechs Monaten Manager, neue Menükarten sind gerade im Druck. Baccouche bietet Mittagstisch für Angestellte und After-Work für Laufkundschaft. Dann treffen sich Tunesier zu Bier und gegrillten Calamari, Jazzbands spielen, und auf Flachbildschirmen laufen wichtige Fußballspiele.

Die Club- und Barszene in und um Tunis verändert sich rasant: Betreiber wechseln, neue Clubs ziehen ein, die aussehen wie in Paris oder London. Khaled Trabelsi vom Le Plug hat gerade seine zweite Bar eröffnet, Le Plug Pub in La Goulette, mit mehr Platz. "Für ein Publikum, dem Le Plug La Marsa inzwischen zu jung ist", sagt er. Die Leuchtreklame vom Club Roosevelt, der vorher in den dunklen Räumen untergebracht war, hängt noch am Eingang. Drinnen schmücken die Band-Logos von Muse, The Doors, Metallica und Cannibal Corpse die Wände.

Nur wenige Meter daneben hat vor zwei Monaten das Lucky Luke aufgemacht: ein Nachtclub, der als einer von ganz wenigen bis fünf Uhr früh geöffnet hat. Wenn die anderen Clubs um zwei Uhr schließen, stehen die Partywilligen vor den massigen Türstehern Schlange. "Aber wir kontrollieren nur die Taschen, nicht die Gesichter", beteuert Betreiber Jean Jasmins. Er ist klein, bullig, die strähnigen Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Jasmins ist einer vom alten Schlag, er hat wenig gemein mit den neuen Betreibern von Plug, Carpe Diem oder La Villa. Dabei ist er es, der sie geprägt hat: Vor der Revolution war sein Club Les Jasmins einer der ganz wenigen, die Rock- und Metal-Abende veranstalteten.

Das Lucky Luke ist jetzt so etwas wie die verrucht-abgeranzte Variante der schicken neuen Clubs. Jasmin nutzt sein Alleinstellungsmerkmal als Werbung: "Das Bier ist hier zwar etwas teurer als anderswo, die Deko ziemlich abgewrackt - aber dafür machen wir Stimmung, bis die Fischer mit ihren Booten auslaufen."

Die Straßen sind menschenleer, als die Lucky-Luke-Gäste mit dem Ruf des Muezzins müde den Club verlassen. Ins eigene Fahrzeug will niemand mehr steigen. Gut, dass in kleinen gelben Autos Licht brennt: Jetzt schlägt die Stunde der Taxifahrer.

Informationen

Gepflegter Start: Im Hammam El Yasemine in Tunis-Ariana wird die Haut mit Tonerde bestrichen, dann weich gerubbelt (nur für Frauen), Avenue de 10 Decembre 1948.

Shisha-Cafés: Minztee, Kaffee und frisch gepresste Fruchtsäfte gibt's im schicken Lafayette Club inmitten von Fotografien amerikanischer Hollywoodstars, 38 Rue de Kuweit. Mit Blick aufs Meer kann man die Shisha am Strand von La Marsa genießen, im Salon de thé - La 7eme vague, 21 Rue Mongi Slim. Dazu: Tee mit Pinienkernen oder Mandeln.

Essen: Hervorragende Küche bietet La Villa im Stadtzentrum, ab 21 Uhr gibt es Live-Konzerte oder Fußballübertragungen, 19 Rue de Liberia). Im Le Lodge, 93 Av Mohammed V, treffen sich Einheimische zum After-Work-Bier.

Bars: Ins Le Plug in La Marsa kommen Studenten und Alternative, um zwei Uhr früh ist Schluss, ab Mitternacht häufiger das Bier alle, Rue Mongi Slim. Im Carpe Diem in Sidi Daoud, Route de Gammarth, schwingen die Lampen wie im Film "Coyote Ugly", der Tresen steht auf Bierflaschen. Facebook: Le Carpe Diem. Die Strandpromenade von La Goulette ist am Tag von tunesischen Familien besetzt, die an Plastiktischen Fisch essen. Nachts wird sie zur Ausgehmeile: In der Avenue Roosevelt liegt Le Plug Pub, der Eingang versteckt sich hinter dem Schriftzug "Roosevelt". Wenn das Pub um zwei Uhr schließt, geht's weiter ins Lucky Luke, Avenue Roosevelt.

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Diese Tipps für die Städtereise sind Teil der Serie "Nachtleben", die donnerstags im Reiseteil der Süddeutschen Zeitung erscheint.