Mittelmeer "Die Berliner Mauer ist doch auch in einer Nacht gefallen"

Bahçeli hat ein paar schlichte Tische aufgestellt, zu elegant mag er's nicht. Es kommen die Jungen, sie hören tatsächlich Janis Joplin, unterhalten sich auf Englisch - die einen verstehen kein Griechisch mehr, die anderen haben nie Türkisch gelernt. Ein Vorbild für die Zukunft der Insel? "Es wird funktionieren, wenn das alte Denken nicht mehr in den Köpfen ist", glaubt Bahçeli. Und auch wenn gerade wieder Gespräche über die Wiedervereinigung der Insel, die unter UN-Vermittlung in der Schweiz stattfanden, gescheitert sind: Die Hoffnung will er nicht aufgeben. Wie auch die Aktivisten von "Unite Cyprus Now" zwar enttäuscht sind, aber weitermachen wollen. "Die Berliner Mauer ist doch auch in einer Nacht gefallen", hört man oft auf der Insel.

Der Weg aber scheint noch weit zu sein. Das merkt auch, wer als Tourist versucht, beide Teile der Insel zu bereisen, ohne ein Reiseunternehmen an seiner Seite zu haben. Mietautos bekommt man entweder nur für den Norden oder für den Süden - die Abwicklung im Schadensfall könnte kompliziert werden. Den Übergang in Nikosia muss man ohnehin erst einmal finden. Ausgeschildert ist er nicht. Und auch nicht verzeichnet auf der touristischen Karte, die man im Süden bekommt. Auf keinen Fall will die Republik Zypern den Eindruck erwecken, dass sie die Machtverhältnisse im Norden anerkennt. Die türkische Seite hat in ihren Touristen-Karten zwar die Checkpoints verzeichnet, dafür gibt es kein Symbol für Kirchen, die Gäste ja vielleicht doch interessieren könnten. Gut zu finden sind indes Marinas, Golfanlagen - und die Esel von Karpasia.

Dieser Teil der Insel, einer der schönsten, wird wohl nicht mehr lange so wild und unberührt bleiben, wie man ihn jetzt noch erleben kann. Unterhalb des Esel-Zauns liegt ein kilometerlanger Sandstrand, ein Schutzgebiet für Schildkröten. Trotzdem machen sich bei Golden Sands Hütten breit. Wer sich auskennt, findet Oasen wie die Bucht bei Agios Filon. Ein paar Schirme, ein Restaurant. Wer Zyperns ruhige Seiten kennenlernen will, sollte allerdings ohnehin im Herbst oder Frühjahr kommen, wenn die Orchideen blühen und man auf den Wanderwegen im Gebirge nicht verglüht.

*international nicht anerkannt, mit Ausnahme der Türkei

(Foto: )

Doch auch dann wird man die Bausünden sehen: die Marina auf der Karpaz-Halbinsel, ins Nichts gesetzt, an einen Strand, an dem bis dato nur alle paar Kilometer steinerne Überreste von jahrhundertealten Lagerhallen für Johannisbrotschoten standen. An den Hängen ziehen sich Apartment-Siedlungen mit geklonten Häusern empor, die zwar weder über Wasser- noch Stromanschluss verfügen, aber günstig zu haben sind. Briten und Russen werden auf großen Werbetafeln als Kunden umworben. Sie füllen gemeinsam mit Türken vom Festland auch die Bordelle und Casinos Nordzyperns, die hier florieren, weil Glücksspiel in der Türkei offiziell verboten ist. Eine Schnellstraße führt seit Kurzem fast bis zur Spitze der Insel. Praktisch, wenn man baden gehen will. Praktisch aber auch für die "Bauhyänen", wie Irene Raab Marancos die Spekulanten nennt, die im Norden Zyperns gute Geschäfte machen. Auf rechtlich unsicherem Terrain.

Die aus Deutschland stammende Reisefachfrau lebt seit drei Jahrzehnten bei Girne, dessen griechischer Name Kyrenia auch von türkischen Zyprioten benutzt wird. Mit der Grenzöffnung 2003 und dem EU-Beitritt 2004 sei eine Kettenreaktion in Gang gebracht worden, sagt Raab Marancos: Auf einmal hätten Bauern begonnen, ihr Land zu verkaufen - Land, das griechischen Bauern gehörte. Die Siedler aus Anatolien waren nach der Annexion in den 1980er-Jahren von der türkischen Regierung in die menschenentleerten Dörfer geschickt worden. Nun fürchteten sie, im Falle einer Wiedervereinigung Zyperns in die Türkei zurückzumüssen. "Da haben sie den Boden lieber zu Geld gemacht."

Wasser, Strom, Tomaten für die Hotels - die Türkei beliefert mittlerweile den Norden Zyperns mit allem, was er für seine touristische Expansion braucht. Arbeitskräfte inbegriffen. Man trifft hier viele Türken, die froh sind, der Enge und Perspektivlosigkeit ihrer Heimat entkommen zu sein, Kurden häufig, aber auch Menschen, die in Antalya keine Arbeit mehr finden. Hier gibt es sie - Nordzypern habe die Zahl seiner Besucher zwischen 2010 und 2015 von 900 000 auf 1,5 Millionen nahezu verdoppelt, schreibt die griechisch- zypriotische Tageszeitung Simerini. Es gibt mittlerweile einige Strände, zu denen - rechtswidrig - nur Hotelgäste Zugang erhalten oder für die Eintritt verlangt wird.

Das jüngste Tourismus-Projekt im Norden heißt Bafra: 18 Hotels an einem bislang unbebauten Strand im Süden der Karpaz-Halbinsel. Zwei stehen bereits: Arche Noah in Form eines Schiffs und Kaya Artemis, das aussieht wie ein zu hoch gewachsener griechischer Tempel. Das nächste Hotel, das fertig wird, heißt Babylon.

In den Hotels des Nordens finden Türken eine Zuflucht, die es daheim nicht aushalten

Dabei will der Norden nur machen, was der Süden längst vorgemacht hat, in Badeorten wie Agia Napa oder Limassol. Schon in den 1960er-Jahren, als Zypern noch geeint war und bevor die Urlauber Ibiza oder Mallorca kannten, gab es hier einen Party-Strand: Varosha, ein damals neu entstandener Teil der Stadt Famagusta an der Ostküste. Weiter, weißer Sand, türkises Wasser, Hochhäuser. Man fand das schick. Heute ist Varosha eine Geisterstadt im türkisch besetzten Norden. Ein einziges Hotel ist zugänglich, dort stehen Lounge-Sessel am Strand. Man kann hier baden mit Blick auf fensterlose Häuser und einen Wachturm am Strand. Das Meer jenseits der roten Bojen ist angeblich vermint.

Auch in Famagusta haben sich zahlreiche Initiativen gegründet, die eine Wiedervereinigung anstreben. Evie Hadjikakou-Abou Youssef kann sich noch erinnern, wie sie als Kind hier geschwommen ist, zum "Kamelfelsen", einem Buckel vor der Küste, und zurück. Sie war 14, als sie, ihre Geschwister und Eltern das Haus am Strand Hals über Kopf verlassen mussten. "Da hängen so viele Kindheitserinnerungen dran."

Das Orangenfest, das Sintflutfest am Strand mit dem großen Jahrmarkt. Famagusta ist eine interessante Stadt mit seinen venezianischen Befestigungsanlagen, den alten Lagerhallen, der antiken, teils noch unter Sand und Bäumen begrabenen Siedlung Salamis, der Kathedrale, erbaut vom französischen Kreuzfahrer-Geschlecht der Lusignans, die als Moschee genutzt wird. Einen Übergang gibt es, eine neue Straße dorthin auch. Die Öffnung war für Juni in Aussicht gestellt, bis heute kann man nicht passieren, das türkische Militär sperrt sich. Doch auch von den Nachbarorten im Norden wie im Süden komme wenig Unterstützung, klagt Serdar Atai.

Dort fürchtet man wohl die Konkurrenz. Atai, der mit seiner Organisation Masder für eine Anerkennung Famagustas als Unesco-Weltkulturerbe kämpft, ärgert das. "Die Insel muss sich auf ihr gemeinsames Erbe besinnen. Wenn wir wieder ein Land sind, werden alle profitieren, türkische wie griechische Zyprioten."

Reiseinformationen

Anreise: Der Nordteil der Insel Zypern hat zwar einen Flughafen im Westen von Nikosia; Ercan wird aber, da die Türkei als einziger Staat die Türkische Republik Nordzypern anerkennt, nur von der Türkei aus angeflogen. Man muss also in Istanbul umsteigen. In den Süden gibt es direkte Flugverbindungen von Deutschland nach Larnaca.

Reisearrangement: Der Münchner Studienreiseanbieter Studiosus hat eine zehntägige Reise durch beide Teile Zyperns im Programm. Man reist z. B. nach Paphos, in das Troodosgebirge, nach Nikosia und Kyrenia, Salamis und Famagusta. In Nikosia trifft die Gruppe eine Dichterin, in Famagusta einen UN-Mitarbeiter. Die Reise "Zypern - die ganze Insel" ist inklusive Flug, Rundreise, Übernachtungen in Vier- und Fünf-Sterne-Hotels, Halbpension und Studiosus-Reiseleitung ab 1845 Euro buchbar. Internet: www.studiosus.com Weitere Auskünfte: www.welcometonorthcyprus.org, www.visitcyprus.com

Zypern Unterwegs im Schwarzwald von Zypern

Wandern im Troodos-Gebirge

Unterwegs im Schwarzwald von Zypern

Wer es im heißen zypriotischen Sommer an den Sandstränden nicht mehr aushält, der flüchtet in die kühlen Hochlagen des Troodos-Gebirges. Dort stoßen Wanderer und Mountainbiker auf ein ausgedehntes Wegenetz und gelegentlich sogar auf ein Stück Weltkulturerbe.