Liebesdienst in Verona:"An Julia, Verona, Italien"

Romeo und Julia haben Verona zu einer Pilgerstätte für Verliebte gemacht, die Briefe an ihre Schutzpatronin schreiben - und sogar eine Antwort erhalten.

Margit Kohl

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Die Liebe und der Tod - im Italienischen sind sie ein Reimpaar: L'amore et la morte. Auf ewig vereint hat beide William Shakespeare in der wohl bekanntesten Liebesgeschichte der Weltliteratur: Romeo und Julia. Drei Millionen Menschen pilgern jedes Jahr nach Verona, nur um jene norditalienische Stadt zu sehen, in der die beiden lebten, liebten und starben. Längst haben Liebespilger aus der ganzen Welt Julia zur ihrer Schutzpatronin ernannt, und wer sie nicht besuchen kann, der schreibt ihr.

"Liebe Julia, Dear Juliet, Cara Giulietta, Chère Juliette, Querida Julieta", so beginnen all jene um Hilfe flehenden Zeilen, die seit mehr als 70 Jahren die Stadt erreichen. Adressiert sind viele nur ganz vage: "Julia, Verona, Italien". Das Erstaunliche ist weniger, dass solche Briefe ihr Ziel erreichen, als vielmehr, dass sie sogar beantwortet werden.

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Quelle: Christina, Manuela, Veronika und Giovanna (v.l.) Foto: Kohl

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Julia beschäftigt heute eine Mannschaft von 15 ehrenamtlichen Sekretärinnen und einen Sekretär, einen Studenten aus Nigeria. Die Protagonistinnen heißen Veronika, Giovanna, Manuela oder Christina, aber eigentlich sind weder ihre Namen noch ihre Berufe oder ihr Alter relevant, denn sie antworten alle stellvertretend nur für eine: Julia. 5000 Briefe und 2000 E-Mails sind es inzwischen pro Jahr geworden. Da kommen mehr als 400 Antworten auf jede von ihnen.

"Club di Giulietta" heißt ihr Verein, der Präsident ist Giulio Tamassia. Der 77-Jährige hatte den Club 1975 ursprünglich als Freundeskreis für Kulturinteressierte der Stadt Verona gegründet, als er vom Kulturreferenten die Anfrage bekam, ob er sich nicht auch um die Julia-Briefe kümmern könne. "Es gibt ein paar Sponsoren, und die Stadt kommt für das Briefporto auf. Die meisten Julia-Sekretärinnen arbeiten aber vorwiegend von zu Hause aus", sagt Tamassia.

Auch seine Tochter Giovanna ist seit 16 Jahren damit beschäftigt, im Namen Julias Briefe zu beantworten. Länger als zwei bis vier Wochen müsse niemand auf eine Reaktion warten, sagt sie. Formschreiben gäbe es keine, denn jede Julia antworte individuell. Giovanna sitzt im ersten Stock der Via Cappello 21 mit Blick auf den Innenhof von Julias angeblichem ehemaligen Wohnhaus und sortiert neu eingegangene Briefe. Hier oben hat der Club der Sekretärinnen dafür ein kleines Gemeinschaftsbüro eingerichtet. Im Erdgeschoss hört man im Stakkato die Nähmaschinen des Souvenirshops Namen auf rote Stoffherzen hämmern: Maria und Livio, Claudia und Helmut. Zwei Namen und ein Herz in drei Minuten.

Verona Romeo Julia

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Im Hof steht eine Julia-Statue, die man 1972 aufgestellt hat, um der Authentizität der Geschichte etwas mehr Nachdruck zu verleihen. Julia sieht traurig aus. Gewiss, sie ist ohne ihren Romeo. Aber vielleicht ist sie auch nur die vielen Touristen leid, die ihr permanent an die Brust grapschen. Männer wie Frauen. Die einen beherzt, die anderen etwas geniert. Aus einem unerfindlichen Grund soll das Betatschen von Julias Brust Liebesglück verheißen. Fotoapparate klicken, Handykameras werden draufgehalten. Von Romantik keine Spur, eher von Jahrmarkt und Budenzauber: Wer will noch mal, wer hat noch nicht.

Auf dem Balkon posen indes Nachwuchs-Julias und üben den romantischen Augenaufschlag fürs Erinnerungsbild. Seit vergangenem Jahr kann man auf dem Balkon für 800 Euro auch heiraten. Dabei ist der Balkon nicht einmal ein Balkon. Wenn es darum ging, historisch nicht verbrieften Orten mit einer großartigen Inszenierung den gewünschten Effekt zu verleihen, zeigte sich der ehemalige Direktor der Veroneser Museen, Antonio Avena, außerordentlich erfinderisch. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ er aus seinem Museumsfundus einen Sarkophag zum Balkon umfunktionieren, um aus jenem Haus, welches man Julias Familie zuschrieb, eine Touristenattraktion zu machen. Wenn schon Romeos Palazzo ein paar Straßenecken weiter, in der Via Arche Scaligere, nicht mehr als ein paar verbaute Steinreste des ursprünglichen Domizils hergab.

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So will es nun die Ironie der Geschichte, dass Julias legendäre Balkonszene und ihr Hinaustreten mit den Worten "wehe mir!" hier gleichsam zu ihrem ersten Schritt ins Grab wird. Doch mit solch schwermütiger Symbolik will man die dort Jungvermählten vermutlich gar nicht erst belasten. Es reicht schon, dass die Wände im Toreingang des Anwesens schier unter der Last der vielen Wünsche, Namen und Herzen fast zusammenbrechen. Zweimal im Jahr lässt die Stadt die Einfahrt neu übertünchen, bis sich bald darauf erneut kein freies Plätzchen mehr zum Schreiben findet und die Liebespilger dann zu Zettel und Schnipsel greifen, die sie zuweilen mit Kaugummi an der Wand fixieren.

Begonnen hatte alles mit Bittbriefen, welche die Leute bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts am Grab Julias im Kloster von San Francesco al Corso hinterlegten. Allerdings befanden sich im vermeintlichen Sarkophag schon seit geraumer Zeit keine Gebeine mehr. Doch auf Antonio Avenas Einfälle war Verlass. Bereits 1937 ließ er den leeren Sarkophag in die gotisch hergerichtete Gruft verlegen, um die Szenerie nach den Vorstellungen der Touristen ein wenig romantischer zu gestalten. Zur theatralischen Unterstützung hatte er in Ettore Solimani, dem damaligen städtischen Verwalter der Anlage, einen Meister seines Fachs gefunden. Solimani war der festen Überzeugung, man müsse den Besuchern schon ein wenig mehr bieten als ein leeres, grabförmiges Steinbecken.

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So verkaufte er alsbald Eintrittskarten an Pärchen, die sich, Händchen haltend und Küsschen gebend, unter Obhut Julias über deren vermeintlicher Grabstätte ewige Liebe schwörten. Solimani war es auch, der auf die Idee kam, die an Julia gerichteten Briefe quasi stellvertretend zu beantworten, um der Legende noch mehr zum Leben zu verhelfen. Seine klugen Ratschläge in Herzensangelegenheiten ließen die Schreiben immer zahlreicher werden, und schon bald gab es kein Zurück mehr. Solimanis Rolle als erster Sekretär Julias war etabliert, noch lange bevor Teenie-Magazine ihre Doktor-Sommer-Kummerkasten-Rubriken eingerichtet hatten.

Mit schwerer Last ist auch heute wieder der Fanpost-Tisch von Julia-Sekretärin Giovanna beladen. Den großen Berg an neuen Briefen mit Gedichten, Zeichnungen, großen und kleinen Herzen sortiert sie nach Sprachen und nach Schwierigkeitsgrad der Probleme. Für manche Antworten braucht sie nicht mehr als zwei Minuten. Und dann gibt es wieder Briefe, bei denen sich selbst die routinierte Schreiberin ein paar Tage Zeit nehmen muss. Meist geht es dann um Probleme von Menschen anderer Kulturen oder Religionen. Wie im Fall von Faiza, einem muslimischen Mädchen aus Pakistan, das in den USA lebt und gegen ihren Willen mit einem Cousin verheiratet werden soll. "Was ich mehr fürchte als zu sterben", schreibt Faiza, "ist zu sterben, ohne je wirklich verliebt gewesen zu sein."

Verona Romeo Julia

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hr Freitod disqualifiziere Julia keineswegs als Ratgeberin, sagt Giovanna, er spiele für die meisten Briefeschreiber überhaupt keine Rolle. Sie bewunderten einzig Julias Mut. Viele schrieben sich nur ihre Probleme von der Seele. Vergleichbar einem Tagebucheintrag, sei der Inhalt dieser Briefe meist nur an den Schreiber selbst gerichtet. Hauptsächlich weiblich und jung seien die meisten und höchst anfällig für die volle Bandbreite der Gefühle: himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt.

Die Geschichte von Romeo und Julia, auf Happy End getrimmt - das ist es, was sich die Fangemeinde wünscht. In der kommenden Woche wird dieser Wunsch nun in Erfüllung gehen. Dann startet in deutschen Kinos die Hollywood-Romanze "Briefe an Julia", in der eine junge Frau in Verona einen 50 Jahre alten Brief an Julia findet und sich mit Hilfe von Julias Sekretärinnen auf die Suche nach der damaligen Verfasserin und deren Romeo macht. Der Filmstart wird dem Club der Sekretärinnen wieder ein paar Briefe mehr und gewiss auch ein paar Überstunden einbringen. Doch was tun die Veroneser nicht alles, um die Legende von Romeo und Julia weiter am Leben zu erhalten.

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Quelle: dpa

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Informationen

Anreise: Hin- und Rückflug mit Air Dolomiti von München nach Verona ab 99 Euro, www.airdolomiti.it/de/

Unterkünfte: Giulietta e Romeo, DZ ab 98 Euro, Vicolo Tre Marchetti 3, 37121 Verona, Tel.: 0039/045/800 35 54, www.giuliettaeromeo.com; Byblos Art Hotel Villa Amistà, Via Cedrare 38, 37020 Corrubbio di S. Pietro in Cariano/Verona, Letters-to-Juliet-Arrangement mit zwei ÜF 472 Euro pro Person, www.byblosarthotel.com, Buchung unter: www.siglinde-fischer.de/code=hvby

Weitere Auskünfte: www.veronatuttintorno.it, Club di Giulietta: www.julietclub.com

Literatur: Lise und Ceil Friedman: Letters to Juliet. Abrams Books, New York 2006, 12,80 Euro

© SZ vom 12.8.2010/kaeb
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