Graz Abgrazen im Bauer Play

Die Zeiten der heiligen Trinkerei sind vorbei: In den Grazer Bars sind die Exzesse der einstigen Avantgarde längst Kulturgeschichte.

Von Helmut Schödel

Wodka braucht man, roten Curaçao, Lime Juice und Zitronensaft. Wenn man wüsste, wieviel von allem, müsste man nur noch rühren und hätte einen bei den Staatsmeisterschaften der "Österreichischen Barkeeper-Union" 1993 preisgekörnten Cocktail zubereitet. Diese rote Mischung aus Feuerwasser und Fruchtsaft heißt "Das Lächeln des WolfiB." und ist eine von Herrn Manfreds Kreationen.

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(Foto: Foto: dpa)

Herr Manfred ist ein schlanker Mann mit lichtem Haupthaar und vornehmer Blässe. Die Vermutung, er trage sogar im Bett einen schwarzen Anzug, ist nicht ganz unberechtigt, und gerade wurde er von Gault Millau und Schlumberger zum "Barmann des Jahres 2002" gekürt.

Seit 20 Jahren ist Herr Manfred Chef in der Ernst-Fuchs-Bar, die zum Grazer Traditionshotel "Erzherzog Johann" gehört, und hat seinen Stammgästen zuliebe bisher allen Abwerbungsversuchen getrotzt. Denn die "Ernst-Fuchs-Bar" - kleine Theke, davor die Lounge - besucht man nicht, weil sie der berühmte Künstler Fuchs gestaltet hat, sondern weil der Barkeeper Manfred heißt.

Für das Jahr 2003, in dem Graz Kulturhauptstadt Europas ist, hat er einen eigenen "Kulturcocktail" erfunden, in den Farben der Kulturhauptstadt-Werbung blau und grün. Sieht aus wie Gift, ein Schierlingsbecher mit Zuckerrand, der eine gewisse Alkoholtoleranz voraussetzt.

Buchstaben verbiegen

Eines Tages, als der Grazer Dramatiker Wolfgang Bauer wieder die "Fuchs-Bar" besuchte, um zur Erinnerung an seine Aufenthalte im "Raffle's"- Hotel einen Singapur Sling zu trinken, hatte Herr Manfred gerade einen neuen Cocktail fertig und Bauer ein neues Stück: "Das Lächeln des Brian de Palma".

Der Cocktail hieß von nun an "Das Lächeln des WolfiB.", und wer sich drei-, viermal ein "Lächeln" bestellt, lächelt dann selber eine ganze Nacht durch, eine dieser Grazer Nächte, die in den sechziger und siebziger Jahren berühmt und berüchtigt waren.

"Amazing Grace, amusing Graz" hieß es damals, als die Hauptstadt der Steiermark noch lange nicht Kulturhauptstadt war, sondern ein weithin bekanntes Krähwinkel der Avantgarde; als man im "forum stadtpark" die Buchstaben verbog, um die Literatur neu zu erfinden; als bei den berühmten Literatur-Symposien des Grazer Avantgarde-Festivals "steirischer herbst" den Granden der Dichtkunst die Bleistifte so locker saßen wie Billy the Kid der Colt.

Im Grunde war diese Fixierung der Grazer auf das Avantgardistische eine Reaktion auf den Semmering. Zwischen Graz und Wien und eigentlich den Rest der Welt schiebt sich wie ein Riegel ein Bergkamm: Der Schicksalsberg der Grazer ist der Semmering. Sie leben dahinter und beschlossen dann, in der Kunst voraus zu sein. Tagsüber war man "avant", und wenn dann die Nacht auf Graz fiel, dann war man "après", dann begannen die Grazer Nächte.

Zum Geistesleben gehörten das Nachtleben und die Grazer Frauen. Der Semmering schob sich auch vor die Emanzipationsbewegung wie ein Riegel, was die sich kraftgenialisch gebärdende Grazer Männergesellschaft nicht genug loben konnte.

Grazer Surrealismus

Damals vermutlich entstand das Lächeln des Wolfgang Bauer, der Ende der sechziger Jahre mit seinem Stück "Magic Afternoon" einen Welterfolg gelandet hatte und dann unter dem Einfluss geistiger Getränke mit Stücken wie "Ein fröhlicher Morgen beim Friseur" einen speziellen Grazer Surrealismus entwickelte: Nachtgespenster im Dialog.

- Herr Bauer, wo würden Sie denn einen Besucher der Kulturhauptstadt am Abend hinschicken?

- I geh ja kaum noch aus. Des kann man nur eine begrenzte Zeit lang aushalten. Waast? Des is ja...

- Jetzt geht Ihr Sohn aus, der Jack? Der malt.

- Naa, ned in Graz. I kauf ihm jetzt aa kaane Bilder mehr ab. I hab lang genug bezahlt. Jetzt...

- Jetzt gibt's viele Lokale von damals nicht mehr.

- Die "Haring-Bar"...

- Wo der junge Bauer mit Ionesco saß...

- Ganz anders!

- Graz ist wieder spießiger geworden?

- Graz is ned spießig. I würd eher sagen: stumpf.

- Für das Kulturhauptstadt-Jahr hat man dem Grazer Wahrzeichen, dem Glockenturm, einen schwarzen Schatten gebaut.

- Ich nehm's als Faktum. Manchmal wirft der schwarze Schatten aan Schatten auf den Uhrturm.

- Nix is bliebn?

- No ja, des "Theater Café", zum Beispiel. Des is bliebn. Äußerlich hat sich nix verändert. Eröffnet 1885 um zwölf Uhr mittags.