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Hausboot-Tour in Irland:Meditation mitten im Fluss

Drei Angler treiben gerade in einem Fischerboot vorbei, fast reglos, wie zu einem Gemälde erstarrt. Bleibt die Zeit stehen, wenn am Ufer höchstens mal ein Pferd den Kopf hebt oder ein Schaf Grasbüschel kaut? Mark Roding sitzt in solchen Momenten hinter dem Steuerrad und beobachtet, wie sich die Menschen an Deck verhalten. "Die Deutschen kommen oft mit einer inneren Unruhe an, damit kommt man hier nicht weit", sagt er. Und doch kommen immer mehr von ihnen nach Irland, leihen sich ein Hausboot und fahren von einer Schleuse zur nächsten.

Der mit Abstand größte Anbieter für Hausbootreisen in Irland hat nach eigenen Angaben 46 Prozent deutsche Kunden, Gäste aus Irland folgen mit 23 Prozent, dahinter liegt die Schweiz mit elf Prozent. Die Zahlen stammen von dem Freiburger Unternehmen Locaboat, zu dem seit kurzem auch die irische Firma Carrickcraft gehört. Zusammen sind die Unternehmen nun Marktführer im irischen Hausboot-Tourismus.

Shannon Irland Hausboot Mai 2019

Entlang der Strecke finden sich Burgruinen, Hügellandschaften, ein Kohlebergwerk und hübsche Fischerdörfer mit kleinen Pubs aus Steinmauern.

(Foto: Korbinian Eisenberger)

Zusätzliche Liegehäfen ermöglichen nun Routen in neue Regionen, etwa über Bellanaleck ins acht Kilometer entfernte Enniskillen mit seiner historischen Inselstadt und einem Schloss aus dem 16. Jahrhundert. Im Jahr 2018 verzeichneten die beiden Unternehmen zusammen 9800 Hausbootgäste in Irland, ein Großteil davon am Shannon, Tendenz steigend.

Zu Fuß geht es an Land, wo kleine Pubs und Kirchen die Ortschaften am Ufer zieren. Ein Fischer, der sich als Franky vorstellt, wirft seine Angel aus. Irisch, einheimisch, 59 Jahre alt. Ein Mann mit Kescher, Eimer und Köderbox, einer, der den Shannon kennt, seitdem er denken kann. Franky erzählt, dass er seit dem Morgengrauen fischt und bis Sonnenuntergang bleiben will. So wie gestern. "Fangen werde ich heute wahrscheinlich nichts", sagt er und lässt einen Blick auf seine Zahnlücke zu. Ihm geht's nicht um den großen Fang. Es reicht ihm, mit der Rute in einem Klappstuhl am Ufersteg zu sitzen.

Mit den Fahrrädern vom Deck des Hausboots lassen sich auch vom Fluss weiter entfernte Gebiete erkunden. So gelangt man an Orte, an denen auch die Schattenseiten deutlich werden, mit denen Irland zu kämpfen hat. 50 Kilometer südwestlich der Grenze zu Nordirland ist das gut zu sehen.

Shannon Irland Hausboot Mai 2019

Zwölf Stundenkilometer Maximalspeed, dafür Komfort unter Deck - und darauf Fahrräder für Touren abseits des Flusses.

(Foto: Korbinian Eisenberger)

Dort steht im Fischerdorf Termonbarry eine komplette Siedlung leer. Häuser ragen aus Rasenflächen hervor, die es nie zu Vorgärten gebracht haben. Fenster und Türen sind mit Sperrholz vernagelt, eine verrostete Schaukel quietscht im Wind, wahrscheinlich nicht erst seit gestern. Nach zwei Jahrzehnten des Wirtschaftsaufschwungs erlebte Irland 2008 den großen Crash. Neubaugebiete, die für Hoffnung und Wachstum standen, wurden so zu trostlosen Geisterstädten.

Zurück auf dem Hausboot, wo Gischt ans Fenster spritzt, mit dem Wind nehmen die Wellen zu. Und doch werden sich die leeren Rotweingläser auf dieser Reise keinen Zentimeter auf der Küchenablage bewegen, was am mangelnden Rotweindurst der Besatzung liegt und an der inneren Ruhe dieses Wasserfahrzeugs.

Die meisten Hausboote sind mittlerweile wie kleine Ferienwohnungen eingerichtet, mit Sitzgarnitur, Stromanschluss und Kajüten mit Schrank, Vorhängen und einem eigenen Bad samt Warmwasserdusche und Spülung. Und in der Küche steht ein Kühlschrank, groß genug für den Monatsbedarf einer Kleinfamilie.

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In den Sechzigerjahren berichtete noch so mancher Shannon-Rückkehrer von Schiffbrüchen (was feucht ist, aber nicht sonderlich gefährlich, weil der Fluss überwiegend sehr flach verläuft). Mittlerweile lassen die Anbieter ihre Gäste vor Reiseantritt ein Online-Tutorial absolvieren, auf dem Boot folgt dann eine detaillierte Einweisung. Hinzu kommt, dass auf dem Shannon keine Berufsschifffahrt betrieben wird, das macht ihn für unerfahrene Bootstouristen attraktiv.

Drei Tage und drei Nächte geht dieser Törn, der mit einem Transfer vom Flughafen nach Carrick beginnt, flussaufwärts nach Lough Key führt und in nördlicher Richtung zum Schlosshotel Kilronan Castle. Von dort geht es wie in einer Triangel flussabwärts nach Süden bis Termonbarry, mit seinen leerstehenden Häusern. Ihren Charme gewinnt die Ortschaft in Ufernähe zurück, wo der Weg über grüne Alleen zwischen Steinhäuschen in den Pub Purple Onion führt.

Drinnen stellt Kunstsammler Paul Dempsey hinter roten Fensterrahmen Bilder von Erotik-Künstlern aus. Oben läuft Jazz vom Plattenspieler, im Erdgeschoss serviert der 53-Jährige im Cordjackett Tabletts voll mit Scones und Blauschimmelkäse. Ein Ölbild auf Leinwand zeigt eine Steinformation am Flussufer, die verdächtig einem Frauengesäß ähnelt. Die Fotografien sind dagegen unverdächtig direkt, den Aktmodellen ist nur zu wünschen, dass sie nicht im zugigen Frühjahr, sondern im August oder September im Freien posiert haben.

Später auf dem Boot, der Wind wird stärker: Ein ungünstiger Moment zum Anlegen, doch Mark Roding hält das Steuer mit nautischer Autorität in der Hand. Sein Boot schmiegt sich an den Steg, da kann der Wind noch so pfeifen. Schon vor 40 Jahren ist er bei jedem Wetter mit seinem Vater über diesen Fluss gefahren. Im Hausboot, oben an Deck, wo über einem die Wolken zu Kunst werden.

Roding kann stundenlang reglos am Steuer stehen, fast meditativ, wie bei einer Siesta, man weiß nicht, wacht er oder träumt er. Roding sagt: "Wir Iren sind die Spanier des Nordens."

Reiseinformationen

Anreise: Hin- und Rückflug nach Dublin aus mehreren deutschen Städten non stop ab 90 Euro. Anbieter ist unter anderem Aer Lingus, www.aerlingus.com

Reisearrangements: Der seit 1977 auf Hausbootfahrten spezialisierte Reiseveranstalter Locaboat mit seinem deutschen Sitz in Freiburg bietet diverse führerscheinfreie Hausboottouren auf Flüssen und Seen in Europa an, darunter der irische Shannon oder die Mecklenburgische Seenplatte. Sieben Tage mit einem Sechs-Personen-Boot auf dem Shannon und/oder Erne-River kosten bei einer Onlinebuchung insgesamt 752 Euro zur Hauptreisezeit im September. Tel. 0761-207370, www.locaboat.com

Weitere Auskünfte: Infos zum Shannon River und zur Region um die Hafenstadt Carrick on Shannon, wo viele Touren starten, unter www.carrickonshannon.ie

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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