bedeckt München 23°
vgwortpixel

"Habana Libre" in Kuba:Im Hotel der alten Kämpfer

Hier sind alle Gäste gleich, nur Fidel nicht: Das "Habana Libre" war einst Hauptquartier der kubanischen Revolution - ein Rückblick auf 50 Jahre Geschichte.

Breitbeinig und mit verschränkten Armen steht Raúl Trelles im Foyer des "Habana Libre". Gerade so, als gehöre ihm das Hotel: rotes Sakko, schwarze Hose, rot-blau gestreifte Krawatte über gletscherweißem Hemd, das sich bäuchlings mächtig spannt. Aufmerksame Augen hinter Goldrandbrille und nass nach hinten gekämmtes, pechschwarzes Haar verstärken den direktorialen Habitus. Dabei ist er nur einer von 530 Angestellten.

Trelles ist aber der Einzige, der schon dabei war, als Kubas Diktator Fulgencio Batista zusammen mit dem damaligen Hausherrn Conrad N. Hilton vor fünfzig Jahren ein rauschendes Fest zur Einweihung gab. Nationale wie internationale Prominenz - etwa Elizabeth Taylor - reisten damals an. Drei Bands spielten in den Tanzsälen auf, die Tische bogen sich vor Kaviar und Champagner.

Batistas Diktatur, die korrupt und brutal zusammen mit der italo-amerikanischen Mafia das Volk seit mehreren Jahren niedergehalten und ausgebeutet hatte, ging zu Ende. Die Eröffnungsansprache geriet Hotelier Hilton unfreiwillig zum Abgesang nicht nur auf Batista, sondern auf die vergangenen 60 Jahre, auf Jahrzehnte, in denen die USA maßgeblich die Geschicke Kubas bestimmten: Der Hotelier bezeichnete sich in seiner Rede als zweiten Entdecker Kubas - nach Columbus versteht sich.

Gewiss: Er schuf 1300 neue Arbeitsplätze in einem Jahr, in dem die Arbeitslosenquote auf 18 Prozent gestiegen war. Auch Trelles war damals froh, dass er als Schulabgänger hier untergekommen ist, gerade mal 16 geworden. Dennoch: Von den 21 Millionen Dollar Baukosten des neuen Hotels - das luxuriöseste, größte und modernste Kubas, das höchste Gebäude Lateinamerikas - hat Hilton gerade mal 1,3 Millionen aus eigenen Mitteln finanziert. Fast das Fünffache hat der Rentenfond der Hotelangestellten aufgebracht.

Nummern statt Namen

Trelles macht eine wegwerfende Handbewegung. "Von dem kamen doch nur die Tischdecken und die Servietten, auf denen überall sein Name stand." Die erste Zeit war für Trelles hart, zumal er nur auf Probe eingestellt worden war. Statt Namensschildern wie heute trugen die Angestellten an ihren Uniformen Nummern. "Wenn wir einen Fehler gemacht haben, hat der Vorgesetzte nur die Nummer aufgeschrieben."

Sein Herz schlug schon in dieser Zeit weniger für seinen Arbeitgeber als für die Guerilleros um Fidel Castro, die seit Ende 1956 in den Bergen der Sierra Maestra ihren Kampf gegen das Batista-Regime führten. Er hörte heimlich Radio und tauschte mit Freunden Neuigkeiten vom Frontgeschehen aus. Selbst als Castro am 8. Januar 1959 in Havanna einzog, entfernte er sich nicht von seinem Arbeitsplatz. Er bekam Castro in der Nacht noch zu Gesicht.

Der hatte sich das avantgardistische und unverbrauchte Hilton als Hauptquartier ausgesucht. Auf Fotos in der Eingangshalle sieht man seinen Voraustrupp: müde, bärtige Krieger, die sich mit ihren Gewehren in den Sesseln und Sofas des Foyers fläzen. Die Bilder erinnern an Fotos von GIs aus Saddams erobertem Präsidentenpalast in Bagdad 2003. Nur: die GIs schliefen nicht.

Trelles war 1959 in der Cafeteria tätig, die damals wie heute rund um die Uhr geöffnet hat. Er reichte dem Comandante en Jefe einen Kaffee mit einem Glas Wasser. "Er war sehr nett", sagt er. Von seinen Augen sei etwas Besonderes ausgegangen. Trelles spricht vom 8. Januar wie von einem Tag der Erlösung. "Das war der beste Tag überhaupt. Wir waren glücklich." Und Castro war für ihn der Gast, der bis heute alle überragt hat. Sonst seien alle Gäste gleich, egal ob berühmt, bedeutend, reich oder ganz normal. Nur Fidel nicht.

"Ich kann mir aussuchen, wo ich hier arbeite", sagt Trelles. Er sei ja nur geblieben, weil ihn die spanische Hotelführung vor einigen Jahren inständig darum gebeten habe. Seit 1997 ist das Hotel wieder in ausländischen Händen, wenngleich das kubanische Tourismusministerium noch 51 Prozent der Anteile hält. Trelles verzieht sein Gesicht. Das "Habana Libre", das seit der Hilton-Enteignung im Juni 1960 so heißt, habe in den 1990er Jahren seinen Status als erstes Hotel der Stadt verloren. An das "Plaza" und an das "Cohiba", das auch zur Solmelia-Gruppe gehört, und an das "Nacional", den Koloss aus den 1930er Jahren.