Fäkalien in der Nordsee:"Baden auf eigene Gefahr"

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Fragt man den Umweltdezernenten, warum er kein Reservebecken baut, lässt Graul bedächtig seine Krawattennadel mit dem Wilhelmshavener Wappen auf und zu schnappen. Das Kanalsystem sei nun einmal "historisch gewachsen", sagt er und blickt liebevoll auf eine gusseiserne Büste neben seinem Schreibtisch. Es ist der Kopf von Captain Edward, einem britischen Kapitän, der Wilhelmshaven nach dem Krieg mit aufgebaut hat.

Wenn Graul über die Geschichte der Stadt spricht, gerät der sonst etwas wortkarge Mann richtig in Fahrt. Wilhelmshaven leite nun schon seit 130 Jahren ungeklärte Abwässer in die Nordsee ein. "Und?" fragt Graul, um sich gleich darauf selbst die Antwort zu geben: "Geschadet hat es ihr nicht." Das würden schließlich die Seehunde belegen. "Von denen gibt es heute mehr als noch vor einigen Jahrzehnten", sagt er und fügt trocken hinzu: "Baden auf eigene Gefahr".

Dass die rote Fahne überhaupt gehisst wird, wenn Abwässer am Strand entlang fließen, dafür musste Wilhelm Schönborn lange kämpfen. Früher konnten sich Badegäste nur an den Möwen orientieren: wenn ein Schwarm über dem Ausgang des Kanals kreist, sind sie auf Fäkalienjagd.

Aber wissen auch die Urlauber, warum die Flagge weht? "Nein", sagt Graul. Aber das sei nicht schlimm, erklärt er, "es kommt sowieso niemand nach Wilhelmshaven, um am Südstrand zu baden." Das sieht der Tourismusverband allerdings anders. Auf ihrer Internetseite wirbt die Stadt mit dem Slogan "Der Südstrand ist die Schokoladenseite" und verspricht dort "spannende Gegensätze".

Während Graul noch von naturtrüber Nordsee, von Seehunden und Mischwasser spricht, wird ein Badegast am Strand etwas konkreter. Hans Helmut Schmidt steigt jeden Tag in die Nordsee. "Früher schwammen hier ganze Würstchen vorbei", sagt der 75-Jährige und wischt sich das Salzwasser aus den Augen, "heute kommen sie zerstückelt."

Es macht ihn zwar wütend, dass die Politiker das Thema schönreden, doch Schmidt halten keine Fäkalien jeglicher Konsistenz von dem täglichen Bad im Meer ab. Im Windschatten einer Mauer rollt er sorgfältig die nasse Badehose in ein Handtuch. Bei Vollmond steigt Schmidt auch nachts in die Nordsee. Dann ist sowieso keiner am Strand, um die rote Fahne zu hissen.

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