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Essaouira in Marokko:Winde des Wahnsinns

Essaouira gilt als Afrikas "Windhauptstadt". Ein Traum für Surfer, manchmal ein Albtraum für Strandurlauber. Schließlich heißt es, die Winde könnten einen durchdrehen lassen. Doch seit 2000 Jahren zieht die pittoreske Medina Eroberer und Liebhaber an: Von Phöniziern über Römer und Piraten bis zu Jimi Hendrix und den "Rolling Stones".

Marcel Burkhardt

17 Bilder

Essaouira Marokko

Quelle: Burkhardt

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Essaouira an der Küste Marokkos gilt als Afrikas "Windhauptstadt", was Surfern aus aller Welt gefällt, Strandurlaubern manchmal weniger - es heißt, die Winde könnten wahnsinnig machen. Dabei können sich die Touristen in die pittoreske Altstadt zurückziehen. Einen besonderen Charme hat das alte jüdische Viertel - zumindest tagsüber. Eine Bilderreise von Marcel Burkhardt

Yassine El Kradsi liebt Essaouira, denn in keiner anderen Küstenstadt Marokkos bläst der Wind so kühl und stetig wie hier. "Hier kann ich frei atmen, hier fühle ich mich lebendig - das ist meine Stadt", sagt der Mittzwanziger, der sein Geld im 170 Kilometer östlich gelegenen Marrakesch verdient, indem er das Haus eines deutschen Architekten hütet und instand hält. Doch so oft wie möglich fährt er aus dem heißen Landesinneren an den Atlantik, um Freunde zu besuchen, die Nächte durchzufeiern und um dann in den Ruinen des alten jüdischen Stadtviertels ungestört einen neuen Tag mit einem Spezial-Frühstück zu beginnen: gegrillten Sardinen in frisch gebackenem, duftend warmem Fladenbrot, dazu Tomatenscheiben und dicke Zwiebelringe. "Das musst du probiert haben", sagt Yassine El Kradsi, "so frisch wie hier kriegst du das nirgends." Und es schmeckt sehr gut - sogar um sieben Uhr morgens. Die Sardinen und einen großen Wolfsbarsch hat er gerade erst im Hafen von Essaouira geholt, wo die ...

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... Fischer im Morgengrauen von ihrer nächtlichen Fahrt heimkehren. Einen guten Fang haben sie gemacht: Ihre alten Holzboote sind prall gefüllt mit silbrig schimmernden Fischen.

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Müde und erschöpft sehen die Männer aus, aber Ruhe gönnt sich keiner, denn an der Kaimauer warten Händler, Restaurantbesitzer und Hausfrauen ungeduldig auf die frische Ware. Es wird geschoben und gedrängelt, die Menge ist laut und unruhig. Die Fischer dagegen sind still, ohne viele Worte schöpfen sie ihren Fang aus den Booten.

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Was nicht in den Kühltransportern landet, wird direkt am Hafen verarbeitet. Die Luft riecht scharf nach Fischinnereien, nach denen die Möwen gieren. Nur einen Steinwurf entfernt ...

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... präsentieren die Fischer in ihren eigenen Lokalen stolz ihren Fang: Golddoraden, Hummer, Langusten und Garnelen. Auch Katzenhaie und Rochen gelten als Delikatessen. Früher haben in Essaouira nicht nur Fischer angelegt, sondern weitaus wildere Gesellen.

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Die Stadt hat viele Reisende und Herren gesehen: Phönizier und Karthager haben hier vor mehr als 2000 Jahren ihre Schiffe vertäut. Dann kamen die Römer, im 16. Jahrhundert bauten die Portugiesen ihre Festung Mogador - heute trägt noch die vorgelagerte Insel diesen Namen. Später fanden Piraten an diesem Ort Unterschlupf.

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In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verschlug es die Musiklegenden Jimi Hendrix und Bob Marley nach Essaouira, auch Yusuf Islam - früher Cat Stevens - sowie die Rolling Stones verweilten hier. Ihren Vorbildern folgte eine große Hippie-Schar. Jedes Jahr im Juni ist die weiße Stadt am Meer noch heute von musikalischem Zauber erfüllt. Dann feiern einheimische Musiker mit Künstlern und mehr als 100.000 Fans aus der ganzen Welt das Gnaoua-Festival.

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Die Medina Essaouiras gehört inzwischen zum Welterbe der Unesco. Im Jahr 1760 beauftragte Sultan Mohammed Ben Abdullah den gefangenen französischen Architekten Théodore Cornut mit dem Bau dieser "neuen" Stadt, die rasch zu einem bedeutenden Umschlagplatz von Gold, Salz und Elfenbein wurde. Viele prächtig verzierte Eingangstüren, Fassaden und Arkaden der Medina erinnern an den alten Reichtum der Stadt, die als "Marokkos Tor zur Welt" galt. Inzwischen geht es ...

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... in den Gassen der Altstadt aber etwas geruhsamer zu. Zwar ist Essaouira noch immer ein bedeutendes Zentrum marokkanischen Kunsthandwerks, aber bevor die Touristen tagsüber in die Gassen der Juwelier-, Holzkunst- und Lederhändler strömen, wirkt die Medina verschlafen und wie aus der Zeit gefallen. Autos und Motorräder sind verboten, nur Pferdefuhrwerke erlaubt.

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Während große Teile der Medina saniert und herausgeputzt sind, viele Restaurants, Bars und kleine Luxushotels beherbergen, warnen Reiseführer oft vor dem heruntergekommenen, alten jüdischen Viertel, der Mellah. Auch Drogenverkäufer sollen den Warnungen der Führer entsprechend hier ihren Geschäften nachgehen. Am Tag aber gehören die Straßen den Hausfrauen und Kindern, ein Streifzug durch die alten Gassen ist dann ein ungefährliches, kleines Abenteuer.

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Im 19. Jahrhundert, als der Handel mit Europa blühte, lebte in der Mellah eine der größten jüdischen Gemeinden Marokkos. Als der Hafen aber vor mehr als 100 Jahren unbedeutender wurde, verließen die jüdischen Händler die Stadt. Viele der Häuser verfallen, zerbröseln in der salzigen, windigen Meeresluft. Dennoch beherbergt fast jedes noch einen Friseur- oder Kramladen.

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Der ständig wehende Wind, der die Wellen vor Essaouira meterhoch aufpeitscht, soll Menschen wahnsinnig machen können. Dabei trägt er einen so lieblichen Namen - Alizee. Die Böen sind kalt und feucht, die Luft riecht nach Tang und Schlick. Die wenigen Männer, die am Strand nach Muscheln suchen, ertragen Alizee aber gelassen. Sie arbeiten gemächlich, plaudern miteinander oder schauen minutenlang ruhig aufs Meer. Keiner hat es eilig. Ein ganz anderes Gefühl herrscht dagegen ...

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... später am Tag einige hundert Meter weiter südlich, wo Windsurfer über die Wellen jagen. Weil auf den kühlen, starken Wind in Essaouira ganzjährig Verlass ist, kommen Surfer inzwischen aus der ganzen Welt hierher. Es gibt einige Surfschulen, die auch blutigen Anfängern das Wind- und Kitesurfen beibringen.

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Dass dies bei starkem Wind für die Schüler und manchmal wohl auch für die Lehrer nicht immer ein Spaß ist, hören Zuschauer am lautstarken Gejammer, wenn Segel und Gleitschirme wieder einmal ins Wasser platschen. Stoisch nehmen hingegen die Kamele am Strand die Böen hin - wer den ärgsten Wüstenstürmen standhält, hält auch Alizee aus.

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Während der böige Wind den Badeurlaubern am Strand beständig feine Sandkörner ins Gesicht bläst, gehen die Handwerker in der Stadt ihrer Arbeit nach. Bevor er seine Schmuckkästchen aus Zedern- und Zitronenholz für umgerechnet wenig mehr als einen Euro an die Händler abliefert, poliert der alte Tischer seine kleinen Kunstwerke noch einmal gründlich.

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Nach ein paar Stunden Ruhe sind auch die Fischer am Nachmittag wieder im Hafen und flicken ihre Netze. Denn wenn ...

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... die Nacht über Essaouira hereinbricht und die Liebespaare auf der alten Stadtmauer flanieren, fahren die Fischer schon wieder hinaus aufs Meer.

Informationen

Die meisten Reisenden erreichen Essaouira von fast jedem Punkt in Marokko mit dem Bus. Es gibt tägliche Verbindungen etwa von Agadir, Tiznit, Safi, El Jadida und Casablanca. Am häufigsten aber fahren Supratours-Komfortbusse vom Bahnhof in Marrakesch ins etwa 170 Kilometer westlich gelegene Essaouira; die Fahrt dauert circa zweieinhalb Stunden.

Vom Busbahnhof aus ist die Medina von Essaouira innerhalb von fünf Minuten zu Fuß zu erreichen. Wenige Kilometer südlich von Essaouira gibt es auch einen kleinen Flugplatz. Am Wochenende landen dort Maschinen aus Casablanca. Mehr Informationen finden Sie unter visitmorocco.com, das Programm des jährlich stattfindenden Gnaoua-Festivals im Juni erhalten Sie unter festival-gnaoua.net.

© sueddeutsche.de/Burkhardt/kaeb/lala

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