Deutsche Inseln: Lindau Großer Bahnhof

Ein ganz besonderes Lebensgefühl: Sommer in Lindau.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Lindau, die Stadt am Bodensee mit dem Postkarten-Hafen, lebt schon lange vom Tourismus und tut sich gerade deshalb schwer mit Veränderung. Jetzt wagt sie es trotzdem.

Von Hans Gasser

Airbrush-Tattoo gefällig? Oder lieber: "Dein Name auf einem Reiskorn"? Im Angebot wären auch noch zwei Porträt-Karikaturisten, eine fünfköpfige Romafamilie, die herzergreifend singt, sowie ein Harfe spielender Peruaner. Sie alle stehen oder sitzen entlang der Hafenpromenade von Lindau. Und bei allen läuft das Geschäft gut.

Es ist viel los hier, an einem Spätsommertag im September, am wohl schönsten Hafen des Bodensees. Zwei geschwungene Molen begrenzen ihn; am Ende der einen steht Bayerns höchster - und einziger - Leuchtturm, am Ende der anderen der steinerne bayerische Löwe, der sein offenes Maul dem See zuwendet. Obacht, hier beginnt Bayern, sollte das heißen, gerichtet an alle, die mit dem Schiff kamen, um hier, in dieser alten Kaufmannsstadt, mit ihren Waren zu handeln. Diese Zeiten sind lang vorbei, gehandelt wird zwar noch immer, aber eben eher mit Kuchen, Kaffee und um den Hals zu hängenden Reiskörnern.

Die Stadt, vielmehr ihr historischer Kern auf der Insel, sieht jedoch immer noch so aus wie zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als der bayerische König Maximilian II. diesen Postkarten-Hafen errichten ließ: Alte Bürgerhäuser mit gestuften Giebeln, spitze Türme, bemalte Erker, holzgetäfelte Weinstuben. Und dazwischen, die Insel von Nord nach Süd zerteilend, der Bahnhof, eröffnet 1853 und ziemlich groß für eine so kleine Stadt.

"Wir brauchen keinen Bahnhof auf der Insel", sagt Lukas Hummler. "Er hemmt die Stadtentwicklung." Hummler, ein Mann um die 50, ist Ur-Lindauer und überzeugter Insulaner. "Aber erst seit drei Generationen", wie er scherzhaft sagt. Die alteingesessenen Patrizier würden so einen natürlich immer noch als Zuagroasten betrachten. Hummler sitzt im Restaurant des Segler-Clubs, direkt am See, hier merkt man nichts mehr von den vielen Touristen. Der gelernte Bootsbauer verdient sein Geld, indem er Boote repariert und ein Winterlager für sie unterhält. Obwohl er eher auf dem Wasser zu Hause ist, beschäftigt der Streit um den Bahnhof Hummler auch schon seit Jahren, wie viele andere Bürger der Stadt: Die einen wollen den Bahnhof weghaben, um die Teilung der Insel zu beenden und neue Wohnungen zu bauen. Die anderen wollen ihn behalten. Nach mehreren Bürgerentscheiden wurde ein Kompromiss gefunden: Der Bahnhof wird nur geringfügig zurückgebaut, gleichzeitig soll ein neuer Fernbahnhof am Festland für die schnellen Züge zwischen München und Zürich entstehen. Hummler, der der FDP nahesteht, hätte lieber die Bahnflächen zum neuen Stadtquartier gemacht, so wie bei Stuttgart 21, nur ein paar Nummern bescheidener. "Die Einzigartigkeit der Insel wird nicht erkannt", sagt er.

Für ihn bedeutet die Insel ein ganz besonderes Lebensgefühl, er ist hier aufgewachsen, "die Gassen und der Hafen waren für mich ein einziger Abenteuerspielplatz". Der See, der sich ständig ändert, das Wetter, das hier eine große Rolle spielt, vor allem für Segler wie ihn, der kleine abgeschlossene Kosmos, in dem man überall zu Fuß hinkönne. "Eigentlich muss ich die Insel den ganzen Sommer über nicht verlassen." Den vielen Touristen könne man ganz gut ausweichen, wenn man die Hafenpromenade meide, und ab Oktober gehöre die Stadt eh wieder den Einheimischen. Nur die Nebeldecke falle ihm im Winter nach gewisser Zeit auf den Kopf: "Herrgottsack, so ein Wetter, denk ich mir dann, aber trotzdem will ich nicht weg."