Dänemark:Der Platz am Tisch, der mit feinem Stoff dekoriert war, blieb dem Herr des Hauses vorbehalten

Und wie Mühlig selbst als Zugezogene die Bornholmer Geschichte zu entdecken mithilft, so tut das auch Åsa Martinsson. Früher hat die Schwedin liturgische Gewänder gefertigt - sie ist Weberin. Vor Jahrzehnten schon hat sie die "Liebe zum Mittelalter gepackt", wie sie sagt. Heute fertigt Martinsson Stoffe nach Art des Mittelalters. Schriftliche Zeugnisse gibt es kaum, dafür Kunstwerke, die das zumeist herrschaftliche Leben im 14. und 15. Jahrhundert in Europa abbilden. An ihnen orientiert sie sich. Blau mit weißen Streifen war demnach sehr verbreitet. Sind die Stoffe auf den Bildern grün, könne man sicher sein, dass sie aus Wolle sind, nicht aus Leinen, sagt sie. "Das lässt sich kaum färben."

Tischdecken, Bettüberzüge, Raumteiler - alles gab es in einem wohlhabenden Mittelalter-Haushalt. Wollte der Herr des Hauses am Schreibpult ungestört sein, zog er einen Vorhang um sich. Auch der Sitzplatz eines hochrangigen Menschen konnte mit feinem Stoff gekennzeichnet sein. Im Bett schlief das Paar auf einem über die ganze Breite gezogenen Kopfkissen; dazu hatte jeder sein eigenes kleines Kissen.

"Das Bettzeug wird tatsächlich flauschig"

Ein Bild hat Martinsson gefunden, das eine Frau zeigt, die einen Stock über das Laken zieht. "Zuerst dachten wir, die machen nur das Bettzeug glatt." Sie hat es ausprobiert, und siehe da: "Man zieht den Stock nicht drüber, man schlägt die Federn auf. Das Bettzeug wird dadurch tatsächlich flauschig."

Åsa Martinsson und ihr Mann Martin Eriksson haben diesen Sommer nicht wie sonst ihr Zelt bezogen. Sie wohnen im Stormandsgård, im Herrenhaus. Und sind dort gleichsam ein lebendiges Geschichtsbuch. Für den Abend hat sich der Weberinnen-Kreis der Insel Bornholm angekündigt. Der besteht immerhin aus 100 Frauen. Åsa Martinsson wird einige unterrichten in der Kunst des mittelalterlichen Webens.

Aber zuerst muss sie noch schnell erklären, warum der Stuhl im Festsaal ihrer Sommerresidenz eine kleine Erhebung auf der Sitzfläche hat. Das Kissen rutscht damit nicht so leicht zu Boden. Wie praktisch. Nur eines stört Martinsson: die Felle an der Wand. Die müssen runter, sagt sie, weil: historisch sicher nicht korrekt. Stoffe sollten dort hängen. Ihre nächste Aufgabe für lange schwedische Winterabende.

Reiseinformationen

Anreise: Von Deutschland aus bis Ende November mit der Fähre von Sassnitz auf Rügen (Fährhafen Mukran) nach Rønne; die Überfahrt dauert ca. dreieinhalb Stunden, www.faergen.de

Übernachtung: In der Alten Strandvogtei, FeWo für bis zu drei Pers. / Woche ab 675 Euro; es gibt dort Märchenabende in deutscher Sprache, www.wildlachs.de

Mittelalterdorf: Das Dorf ist vom 1. Mai bis 30. September geöffnet, dazu an Gründonnerstag und Karfreitag und in den dänischen Herbstferien Mitte Oktober. Die Organisatoren planen für 2017 Angebote auf der ganzen Insel, z. B. eine Schatzsuche für Kinder, www.bornholmsmiddelaldercenter.dk

Weitere Auskünfte: Kontakt zur Weberin Åsa Martinsson: www.textilverkstad.se

© SZ vom 08.09.2016
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