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Chișinău in Moldawien:Ein Moment Bangkok

Dafür gibt es das UNIC. Das fünfstöckige Kaufhaus wurde in der kommunistischen Ära errichtet und hat sie überdauert, ohne sich der Gegenwart erkennbar anzupassen. Drinnen riecht es nach Gummi und synthetischen Stoffen, Verkäuferinnen langweilen sich, aber an der Fassade prangt ein nagelneuer Außenlift, der die wenigen Kunden fast lautlos in vergangene Jahrzehnte hievt und dann wieder auf dem Vorplatz ausspuckt. Das große Getümmel herrscht nur wenige Ecken weiter am Hauptmarkt, der Piața centrală. In dem Gewirr aus Gässchen, Hallen und Hunderten Ständen, zwischen Einkaufstaschen mit Disney-Motiven, endlosen Stapeln Geschirr, Ersatzbatterien und Lebensmitteln, zwischen Ramsch und kleinen Entdeckungen erinnert alles einen Moment an den Chatuchak-Markt in Bangkok. Und siehe da, die Schuhe sind tatsächlich "Made in Thailand".

Die Sympathie für eine Stadt wächst wie so oft besonders beim Essen und Trinken. Auch wenn die Republik Moldau dem 20. Jahrhundert nur sehr eingeschränkt nachtrauert, herrscht in der Gastronomie ein Trend zur Nostalgie: Restaurants wie das 24 Stunden geöffnete Eli Pili (zu deutsch "Wir haben gegessen, getrunken") sind detailverliebt mit altem Krimskrams dekoriert oder zeigen wie das Propaganda schon im Namen historische Selbstironie. Das typische Essen ist rustikal - Fleisch, Käse, Gemüse -, gut und ohne Schnickschnack. Auch das MamiCo ist im Retrostil gehalten, bietet dazu aber noch eine fast mediterrane Terrasse in einer hübschen Seitenstraße. Was überall auf der Karte steht: heimischer Wein. Moldau ist ein Land der Winzer, die heißen Sommer bringen beliebte Sorten wie den Negrul de Purcari hervor und sichern so ein Viertel von Moldaus Arbeitsplätzen. Das schier endlose Weinlager Mileștii Mici nahe der Hauptstadt wurde 2007 sogar ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen.

Kompott und Felsenklöster

Dass es in Moldau sehr wohl Erfolgsgeschichten gibt, zeigt auch die einheimische Restaurantkette La Placinte. Fast ein Dutzend Filialen hat sie mittlerweile allein in der Hauptstadt und schafft erstaunlich gut den Spagat zwischen unkitschiger Folklore und von Einheimischen empfohlener Küche. Serviert werden neben typischen herzhaften oder süßen Blätterteiggerichten wunderbare Krautwickel im Tontöpfchen und natürlich das unvermeidliche "Kompott", ein Eistee-ähnliches hausgemachtes Getränk. Wer das Geld dafür aufbringen kann, genießt im nobleren armenischen Sarkis zu europäischen Preisen auf einer Terrasse direkt am Dendrarium-Park Fleisch und Gemüse vom offenen Sommergrill, danach getrocknete Früchte und Tee aus der Region.

Ein für Touristen aufpoliertes Nachtleben hat Chișinău nicht zu bieten. Doch auch hier lohnt es sich, auszuprobieren: Manch einer, der aus dem Lästern über den Ausverkauf Berliner Clubs nicht mehr herauskommt, könnte sich zum Beispiel über das Tipografia 5 freuen, wo man sogar 2014 noch ohne Hipster-Overkill in verlassenen Hallen mit Blick über die Lichter der Stadt tanzen kann.

Orheiul Vechi, ein Ausflugsziel nordöstlich von Chișinău

(Foto: spvvk - Fotolia)

Auch in den grünen Hügeln außerhalb Chișinăus warten Kontraste. Auf zerbröckelnde und halbverlassene Dörfer folgen malerische Klöster. Wer gerade noch überlegt hat, ob da hinter einer hohen Mauer wirklich Männer in offenen Fenstervorsprüngen gekauert und gewunken haben (die einheimische Freundin sagt: ja, das sei ein Gefängnis), ist eine Biegung weiter schon durch leuchtend blau lackierte Zäune und Fensterläden abgelenkt. Bei Orheiul Vechi, etwa 60 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt, zeigt sich, was die Zukunft des Tourismus in Moldau sein könnte: Idyllische Natur und jede Menge Geschichte. Im 13. Jahrhundert haben orthodoxe Einsiedler ein Felsenkloster in die Sandsteinwände des Raut-Tals gehauen, es gibt archäologische Funde aus der Zeit der Mongolen zu bewundern. Im Dorf Butuceni haben die Einwohner einige Häuschen renoviert und setzen auf eine hübsche Mischung aus Tradition und Öko-Tourismus.

Auf der Rückfahrt prangt rechts schließlich ein riesiges Logo von Chișinău neben der Einfallstraße. Ja, es ist aus Beton, ja, es ist grau. Doch die Rückkehrer wissen inzwischen, dass dahinter mehr wartet als nur Grau. Vielleicht braucht das Mauerblümchen unter den europäischen Hauptstädten nur noch etwas, um aufzublühen.

Linktipp: Aus einem Projekt einheimischer Studierender ist ein Moldau-Kulturreiseführer "aus erster Hand" entstanden - auf Deutsch.