Reisebuch über Leuchttürme:Die Erleuchtung einer Landratte

Reisebuch über Leuchttürme: Illustrationen, die aus Fantasie und Anekdoten entstehen, schmücken das Buch.

Illustrationen, die aus Fantasie und Anekdoten entstehen, schmücken das Buch.

(Foto: José Luis González Macías/Mare Verlag)

Mit dem Meer verbindet den Illustrator und Autor José Luis González Macías nur eines: die Leidenschaft für Leuchttürme. Daraus ist ein zauberhaftes Buch entstanden.

Rezension von Stefan Fischer

Man hat es bei diesem Buch mit dem Werk eines Hochstaplers zu tun. Wer wüsste das besser als der Autor selbst, der spanische Grafikdesigner und Texter José Luis González Macías. Er sei kein Fachmann auf dem Gebiet der Leuchttürme, teilt er gleich im ersten Absatz seines Vorwortes mit und nennt sich selbst eine Landratte. Er habe noch nicht einmal, schreibt er weiter, auch nur ein einziges der drei Dutzend Bauwerke, die sein "Kleiner Atlas der Leuchttürme am Ende der Welt" würdigt, jemals besucht.

Trotzdem hat das spanische Kulturministerium die Originalausgabe 2020 als schönstes Buch des Jahres ausgezeichnet. Ohne Kenntnis der Konkurrenz lässt sich sehr wohl behaupten: eine vorzügliche Wahl. González Macías faktenhubert nämlich nicht mit technischen Details, es geht ihm auch nicht um Seemannsgarn und schon gar nicht um Superlative. Sondern um Geschichten.

Um Gerüchte und Geheimnisse einerseits, um die Leidenschaft von Ingenieuren und Architekten andererseits. Nicht zuletzt haben es ihm auch Kuriositäten angetan. Und all diese Geschichten verwebt er mit seinen Illustrationen, die die Realität wiedergeben und zugleich Stimmungen erzeugen, die es erst einmal nur in der Fantasie des Grafikers gibt oder die ihren Ursprung in den Anekdoten haben, die González Macías recherchiert hat.

Von jedem der Leuchttürme hat er eine grob pixelige Zeichnung angefertigt, eine Nachtszene jeweils in Schwarz, Weiß und Türkis - sowie einem dezenten Gelbton für das jeweilige Leuchtfeuer. Dazu, auf der folgenden Doppelseite, eine schematische Skizze wie in einem Bauplan mit dann doch - indes sehr knapp gehaltenen - technischen Angaben sowie eine großzügige mehr See- als Landkarte, in der der jeweilige Leuchtturm verortet ist.

Reisebuch über Leuchttürme: An keinem der Orte, die er darstellt, ist González Macías gewesen - einen Hochstapler muss man ihn trotzdem nicht nennen.

An keinem der Orte, die er darstellt, ist González Macías gewesen - einen Hochstapler muss man ihn trotzdem nicht nennen.

(Foto: José Luis González Macías/Mare Verlag)

In diesen scheinbar schlichten Illustrationen kann man sich verlieren, sie bedienen die romantische Vorstellung von einem Eremitendasein am Meer, zugleich ist in ihnen das Gefahrvolle, Abweisende, Einsame einer Leuchtturmwärter-Existenz enthalten. José Luis González Macías verbindet in den Zeichnungen sehr elegant das Zivilisatorische mit dem Außerzivilisatorischen.

Und er hat ein Faible für das Scheitern: von Ingenieuren, von Leuchtturmwärtern, von Politikern. Der aktuelle Eddystone-Leuchtturm vor der englischen Hafenstadt Plymouth etwa ist bereits der fünfte an diesem Standort, einige Vorgängerbauten haben den Wettern nicht standgehalten. Anderen Leuchttürmen ist irgendwann einmal das Personal auf rätselhafte Weise abhandengekommen, woraus sich mitunter Spukgeschichten entwickelt haben.

Um in diesen "Kleinen Atlas der Leuchttürme" aufgenommen zu werden, qualifiziert aber auch eine tragikomische Schnurre wie diese: Im 19. Jahrhundert stritten Mexiko und Frankreich um die Clipperton-Insel, ein Atoll im Pazifik. Um Machtansprüche zu manifestieren, errichteten Franzosen auf Clipperton einen Leuchtturm. Dauerhaft niedergelassen haben sie sich dort jedoch nie, heute ist Clipperton unbewohnt. Zwischenzeitlich gab es allerdings eine Art Sekte dort, die ein tragisches Ende genommen hat. In Betrieb war der Leuchtturm lediglich von 1906 bis 1917 und dann noch einmal von 1935 bis 1938.

Es bleibt kaum aus, dass Größenwahn eine Rolle spielt in diesem "Kleinen Atlas" - ohne den Erhabenheit und Eleganz aber kaum zu haben sind. González Macías nennt Beispiele, wonach vor allem aus Metall gefertigte Leuchttürme erst einmal ausgestellt worden sind, unter anderem auf Weltausstellungen, um von Massen bewundert zu werden, ehe sie an ihren entlegenen Bestimmungsort verbracht und dort endgültig aufgerichtet worden sind. Gleich der erste Leuchtturm in dem Buch, der von Stanislaw-Adschihol vor der Küste der Ukraine, in der Mündung des Dnjepr ins Schwarze Meer erbaut, ist eine unerwartet filigrane Metallkonstruktion. Entsprechend würdigt González Macías dessen Architekten Wladimir Schuchow.

Es ist diese Empathie, die José Luis González Macías reinwäscht von dem gegen sich selbst gerichteten Vorwurf der Hochstapelei.

José Luis González Macías: Kleiner Atlas der Leuchttürme am Ende der Welt. Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt. Mare Verlag, Hamburg 2023. 160 Seiten, 36 Euro.

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