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Auf der Insel Chiloé in Patagonien:Beim Fährmann der Seelen

Chile Patagonien Chiloe

Die "Mole der Seelen" auf Chiloé

(Foto: Schöpp)

Auf der Insel Chiloé im Westen Patagoniens endet die Welt. Man kommt trotzdem noch weiter - wenn man den Weg kennt. Und sich nicht vor dem Fährmann fürchtet, der hier die Seelen der Verstorbenen abholen soll.

Weiter westlich wohnen als Don Orlando kann man kaum. Don Orlando hat ein hellgelb gestrichenes Holzhaus mit Gemüsegarten, Gänsen, Hühnern und Brombeersträuchern an der Punta Pirulil. Die liegt am Westrand der grünen Insel Chiloé im Westen Patagoniens. Chiloé ist die Insel der "schwarzen Stürme und der schwarzen Erde", hat Bruce Chatwin mal geschrieben. Die Stürme waren ein Grund, warum der Weg zu Don Orlando bis vor Kurzem sehr beschwerlich war.

Man musste die Ebbe und ruhiges Wetter abwarten, bis man die Felsen hinter dem Holzdorf Cucao auf dem steinharten Sandstrand bis nach Punta Pirulil umkurven konnte. Aber jetzt gibt es die Schotterstraße durch die Berge, was Don Orlando sehr begrüßt. Nicht nur, weil für ihn der Weg zum Einkaufen oder zum Arzt nach Cucao weniger umständlich ist. Es kommt auch mal Besuch.

Am Fenster hat Don Orlando einen Schaukelstuhl stehen. Auf dem, sagt er, sitzt er am liebsten und blickt auf den Ozean. Dort leben Wale und schwarz-weiße Commerson-Delfine, Humboldt-Pinguine, Mähnenrobben, Seebären und Magellan-Riesendampfschiffenten, ja, die heißen wirklich so.

Das nächste Gestade ist von Don Orlandos Fenster aus gesehen Neuseeland, knappe 8600 Kilometer Wasser liegen dazwischen. Irgendwo da draußen, an der Datumsgrenze, hört der Westen auf, und es beginnt das, was Europäer den Fernen Osten nennen. Man kann schon ins Grübeln kommen, hier am Ende der Welt. Wo will man von hier aus noch hin?

Don Orlando hat da einen Vorschlag: Der Eingang ins Paradies sei nicht weit, ihn zu sehen, koste nur ein paar Pesos. Dafür händigt er einem den Schlüssel aus zum Tor an seinem alten Grundstück oben in den Bergen an der Küste, wo er ein paar Kühe und Pferde hält. Er deutet auf die in Gischt und Dunst gehüllten Klippen. "Dort oben liegt die Mole der Seelen." Von Don Orlandos Haus sind es etwa drei Stunden zu Fuß.

Vor dem Aufbruch ins Reich der chilotischen Mythologie zeigt Don Orlando den Besuchern aber noch die gute Stube, wo die Wände voll hängen mit gemusterten Fellen. Jedem Artenschützer würde es die Sprache verschlagen. Aber Don Orlando sieht das anders, er hat ja auch eine Art zu schützen: seine Schafe. Das Leben auf Chiloé ist hart, jeder muss sehen, wie er klarkommt in den langen Wintern und nassen Sommern. Also erlegt Don Orlando Darwinfuchs und chilenische Waldkatze, eine Art Bonsai-Leopard, bevor sie seine Tiere erlegen.

Unterhalb der Felle hat Don Orlando Fundstücke gestapelt, auf die er noch stolzer ist: versteinerte Krebse, Schnecken und andere Fossilien, den Gehörgang eines Wals und was man sonst so findet in der Bucht vor seinem Fenster, wo ein kupferfarbener Fluss in den Pazifik mündet.

Wir brechen auf und überqueren den Fluss auf einer löchrigen Holzbrücke. An seiner Mündung stehen die Pfannen, mit denen Don Orlandos Söhne am Strand Gold aus dem Sand waschen. Am Boden wachsen grobkörnige, hellrote Sanderdbeeren. Der Weg führt bergauf in den Nebelwald mit all der regenfeuchten Flora der südlichen Hemisphäre, knorrigen Tepu-Bäumen, rötlichen, vom Wind gebogenen Arrayanen, chilenischer Myrte, patagonischer Zeder, Araukarien, Coihue-Scheinbuchen, australischer Haselnuss und Mammutblättern, deren Stiel rhabarberartig schmeckt.

Hier oben leben die letzten Huilliche, Chiloés Ureinwohner, deren Vorfahren in der Abgeschiedenheit die Landnahme durch spanische Kolonisten und chilenische Siedler überlebt haben.

Die Huilliche haben eine eigene Version, wie es vom Ende der Welt aus weitergeht. Dort wartet Tempilcahue, der Fährmann, auf die Seelen, die ins Paradies wollen. Ihr Heulen und Zetern mischt sich mit dem Getöse des Winds in den Klippen. Um den Toten die Abreise zu erleichtern, hat ein Künstler mit dem Namen Chumono ihnen auf Orlandos Grundstück eine Rampe aus Holz gebaut - die Mole der Seelen. Sie führt ins Nichts auf den Pazifik hinaus.

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